Peter Lang | Kritik

Neulich in Berlin

Villa Massimo im Martin-Gropius-Bau
Donnerstag, 1. März 2007

Dieser Text erscheint auch in der zweiten Ausgabe
des neuen Berliner Review-Hefts „von hundert“.

Manchmal fließt ja Geld und sind Direktoren über das Maß engagiert, wo man es gar nicht vermutet. Eine auf Hochglanzkarton gedruckte Einladung verhieß eine Vorstellung der Deutschen Akademie Rom, besser bekannt als Villa Massimo, im Gropiusbau zu Berlin. Der Eingeladene und betreffs der Anwesenheit des Herrn Bundespräsidenten extra zur Akkreditierung Genötigte erwartete natürlich eine Ausstellung der Stipendiaten.

Welch Überraschung dann im gründerzeitlichen Ambiente vor Ort, die ganze Chose dauerte nur 4 Stunden und war eine Fundraisingveranstaltung. Diesen Stil kannte man bisher nur als PR Performance von Großkonzernen à la BMW und DaimlerChrysler oder im Gropiusbau auch schon mal als Event des Rüstungskonzerns EADS, dessen friedliche Division Airbus heißt.

Das Ergebnis war betrüblich. Da man ja paritätisch sein muss, füllt eine Schriftstellerin einen ganzen Raum als Lesezirkel mit Ausstellung ihrer Werkzeuge und bittet Besucher um das Weiterschreiben einer Geschichte zum Abend. Putzigerweise auf einer alten DDR Reiseschreibmaschine vom Typ Erika.

Ein Architekt glänzt mit konzeptuellen Guckkästen, eine Landschaftsarchitektin mit soziologischen Analysen - aufgeblasen auf Wandkarten. Komponisten müssen die Leere von Räumen bühnenbildnerisch vertuschen. Eine Videokünstlerin zeigt aufgrund der beschränkten Zeit gleich sieben Videos auf drei Leinwänden als Loop. Und fürs politische Anliegen hängen noch Luftballons mit martialischen Szenen im Raum. Na hoffentlich hat der korrekte Bundespräsident das auch gesehen.

Deutschlandfunk und Süddeutsche Zeitung katzbuckelten noch am gleichen Abend, respektive nächsten Tag. Von einer Laufzeit nichts zu hören, dafür nette Beschreibungen des platzierten Ausstellungsgutes. Allerdings kam man nicht umhin zu bemerken, dass man von den meisten Stipendiaten nie wieder etwas gehört habe. Na an diesem Abend waren davon reichlich anwesend, die sich bei Häppchen und Wein (dieser allerdings wegen der Kosten wohl nicht dem sonstigem Standard des Direktors der Villa zu Rom entsprechend) die Händchen gaben. Drumherum das Personal der Bundesinstitutionen, also der Geldgeber. Schön für die Herrschaften, auch mal im Rampenlicht des künstlerischen Antichambrierens flanieren zu dürfen.

Früher hätte man so etwas wohl in Bonn erwartet, am Niederrhein, da war man noch unter sich. Das diese Werbeveranstaltung heute in Berlin realisiert wird, hängt natürlich nicht nur mit der Nähe der Ministeriellen zusammen. Berlin ist die gewünschte attraktive Plattform, das Spiegelein. Da man in Rom keine nennenswerte Resonanz erzielt, kommt man zum Berg. Wozu auch nachhaltige Aufmerksamkeit in Rom? Da ist ein Übermaß an Kunstgeschichte vorhanden und für die Spielebenen zeitgenössischer Kunst, so diese nicht zur ersten Liga zählt, ist das römische Patriziat - und das sind doch wohl immer noch die Dreher der Kultur oder? - taub. So dann auch die Klagen und das Jammern einiger bildender Künstler (Schriftsteller und Komponisten haben ja ihre Verlage) über die mangelnde Resonanz und das anscheinende Versagen des Direktors als Vermittler, oder sollte man besser sagen Promotor.

Da liegt wohl einiges prinzipiell im Argen und ist mit dem Betteln um noch mehr Finanzen nicht zu beheben. Nicht nur, dass bei einem millionenschweren Relaunch der Anlage die Klimaanlagen vergessen wurden, das ganze ist überheizt und anachronistisch und bestenfalls als nobler Feriensitz für Künstler zu gebrauchen. So sind auch dieses Jahr erstaunliche Leute vor Ort anzutreffen, die sich doch eigentlich auch eine Ferienwohnung leisten könnten (siehe Programm 2007). Das Objekt wird also schon als Feriensitz für Künstler mit Familie begriffen. Aber Herr Bundespräsident, halten zu Gnaden, bereits für die Nazarener war Rom nicht nur Inspiration und Zubrot sondern auch das Rückenmark ermüdende ästhetische Dauerkanonade. Schläfrigkeit stellte sich ein, heute in den Museen und Schriften zu betrachten und nachzulesen.

Man verkaufe lieber das Anwesen für möglichst viel Geld, lege das in einen Fonds und vergebe gut dotierte Reisestipendien. Dann möge jeder Künstler frei entscheiden, wo in Italien er residieren möchte und seine Netzwerke zur geflissentlichen Weiterentwicklung selbst entwickeln. Unterstützungen von wem auch immer sind natürlich unbenommen. Und noch zum Schluss: die Amtszeit des jetzigen Direktors läuft nächstes Jahr aus. Sollte das etwa der Hintergrund dieser Public Relations Veranstaltung gewesen sein? Na dann Respekt, so gut hat selten jemand öffentliche Gelder für seine Weiterempfehlung eingesetzt.

Peter Lang, 22.03.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Danke für die deutlichen Worte. Die Verantsaltung war das Dümmste, was ich bis dato im Martin_Grpoius-Bau erlebt habe, der ja schon einige Peinlichkeiten berherbergt hat. Und der lieber Herr Dr. Blüher wird mit dieser Veranstaltung seine Wiederwahle gesichert haben, denn er kümmert sich weder um die anwesenden Künstler noch die ehemaligen noch deren Entourage. Die bekamen auch keine Einladungen. Nach der Wiederwahl sollte die Institution in Villa Blüher umgenannt werden.

P.S.: Im Morgenmagazin am Freitag war auch ein Blick in ein 'Atelier' zu gewinnen, ein Architekt unbekannten Namens mit Büro. 2500 Euro per Stipendium zusätzlich in die Kasse! Der Teufel scheisst
immer auf den größten Haufen.

P.P.S.:Hier meine direkte Reaktion
http://thwulffen.blogspot.com/2007/03/one-night-stand.html

thw [TypeKey Profile Page] | 24.03.07

 

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