Christoph Bannat | Kritik
Odilon Redon
Fragen an Kai Teichert und Nikolaus List

Gesicht hinter Gittern
Odilon Redon - Wie im Traum.
Schirn Kunsthalle, Frankfurt
kuratiert von Margret Stuffmann
27. Januar - 29. April 2007
Odilon Redon wird oft als Künstler für Künstler bezeichnet. Was immer das sein mag, ein Künstler für Künstler, im Fall Redons ist das noch schwieriger als bei vielen anderen zu erklären. Sicher ist, Redon ist bis heute umstritten, allein durch seine Bilder. Also fragte ich einfach einmal Künstler, was sie von seinen Arbeiten halten. In Berlin boten sich mir sofort zwei Gesprächspartner an: Nikolaus List und Kai Teichert.

Frau mit Heiligenschein
Nikolaus List: „Ich hab in München einmal eine Kunsthistorikerin getroffen, die hat mit Redon sofort eine Drogentheorie assoziiert und die Bilder total abgelehnt. Ich glaub schon, dass Redon viel mit Rausch zu tun hat.“
Kai Teichert: „Sollte ich Redon einordnen, so sehe ich ihn in der Hausfrauenkunst und Psychoecke ungelenker Amateurmalversuche, ohne damit jemanden diskreditieren zu wollen“.
Kai Teichert: „Er fasziniert und überrascht, dieses Klirren, das Symbolische tritt doch dabei in den Hintergrund und was dann übrigbleibt oder hervortritt sind einfach tolle Farben. Ob das nun ein Pferd oder Heiligenschein ist, ist dann doch dabei egal“.
Tatsächlich ist Redon schwer zu fassen. Die einen, meist Kunsthistoriker, versuchen Redon mit geschichtlichen Verweisen - wie es der Redon-Katalog auf äußerst intelligente und unterhaltsame Weise zeigt - nahe zu kommen. Andere, meist Feuilletonisten, folgen ihrem Zwang als Standortprofis und müssen ihn einordnen: Zu bunt, zu esoterisch, zu weltabgewandt. Aber schon das Beispiel „bunt“ verweist auf die Schwierigkeit der begrifflichen Einordnung - denn Redons Arbeiten sind farbig, nicht bunt. Mit größtmöglicher Präzision schafft er Zustände erregender Ungenauigkeit. Dabei ist er weder als Symbolist noch als abstrakter Künstler einzuordnen.

Schmetterlinge
Odilon Redon wurde 1840 in Bordeaux geboren und starb 1916 in Paris. Sohn eines Weingutsbesitzers, der später bankrott ging. Bis ca. 1890 zeichnete er erfolgreich schwarz-weiss Serien zu Gustave Flaubert (Versuchung des hl. Antonius) und Edgar Allan Poe. Seine Bilder werden im Roman "Gegen den Strich" von Joris Karl Huysmans erwähnt. Zu seinen Bekanntschaften zählten Stéphane Mallarmé und Charles Baudelaire, mit Claude Debussy und Frédéric Chopin war er befreundet.
Seit Jahrzehnten ist dies wieder einmal eine große Redon Ausstellung und es ist ein kleines Wunder. In der Frankfurter Schirn- Kunsthalle hängen die Arbeiten in chronologischer Reihenfolge und linearer Häufchenbildung, Schiffe zusammen, Bäume, Apollowagen, Blumen.

Muschel
In Museen lief ich auf Redons Arbeiten immer mit dem Bewusstsein zu, dass hier - aus Scherz - moderne Kunst zwischen die Klassiker des 19.Jhd. geschummelt wurde, und war jedes Mal aufs angenehmste enttäuscht und verwundert über die eigenen Klischees. Um so mehr freute ich mich über die Ausstellung in der Schirn, die ich bis heute nicht besucht habe. Ich ließ mir den Katalog schicken und besuchte damit Kai Teichert (der in der Ausstellung war) und Nikolaus List. Beide haben in Frankfurt am Städel studiert und arbeiten jeweils ähnlich weltabgewandt oder mit einer Verwandtschaft zum Symbolismus. Beide Künstler sind mir als feine Beobachter und vielschichtige Denker aufgefallen, es ist immer ein Gewinn ihnen zuzuhören.

Mystische Barke
Fragen an Kai Teichert:
Du hattest vor der Ausstellung eine „schlechtes Bild“ von Redon?
Zuerst war Redon in der staubigen Schublade der Symbolisten wie Moreau und andere Symbolisten. Jetzt finde ich ihn crasy, aber nie platt. Die Ausstellung ist schön gemacht. Am Anfang die düsteren, schwarzen und bedrückenden Bilder. Mit skurrilen Tieren und Köpfen und dann der Wandel. Es ist einfach toll wie schön die Bilder gearbeitet sind. Er ist locker auf seine Art und überhaupt nicht krampfig, was man bei Symbolisten eben immer denkt. Dabei schafft er ein eigenes organisches Farbspiel. Ein Farbspiel, das nicht mehr viel mit den Formen, wie z.B. den gotischen Fenstern zu tun hat, vielleicht mit der Idee davon, aber nicht mit der Form. Und es ist beeindruckend, mit welcher Eigenwilligkeit er sich von fotografischer oder klassischer Formensprache löst.
Mit wem also könnte man ihn vergleichen?
Er hat etwas ganz entfernt chagallartiges. Gleichzeitig wirken die Bilder unglaublich klar. Ich hab gesagt, dass die Bilder auch in einem Hausfrauenkurs gemalt sein könnten. Naive Herangehensweise ist vielleicht allgemeiner und besser ausgedrückt. Dies aber mit einer unglaublichen Sinnlichkeit. Und er beherrscht diese Naivität meisterlich. Vielleicht ist es heute auch das Problem, denn man sieht solche Herangehensweisen kaum - oder nur in Schmuddelecken. Es ist aber auch verrückt, dass jedes Bild so unterschiedlich ist in seiner Stimmung. Im Gegensatz zu Chagall, der seine einmal gefundene Machart durchgezogen hat, funktioniert bei Redon jedes Bild von neuem, ist anders gestimmt. Man hat nie das Gefühl, dass er eine Masche hat, jedes Bild fordert einen neu. Bei ihm gibt es sehr viele verschiedene Gemütszustände, dazu kommt, dass er immer unberechenbar bleibt, ohne dass man das Gefühl hat, die Bilder fallen auseinander. Man kann auch keine Serie erkennen, daher vielleicht die Hängung, die versucht zu ordnen.
Und die Abstraktion?
Malerei ist immer eine Form von Abstraktion, mit Dargestelltem oder nicht. Im klassischen Sinne abstrakt sind sie ja nicht, auch wenn es manchmal ins rein organisch Undefinierbare geht. Aber wie er auch damit umgeht. Oft fragt man sich, wie kommt er jetzt dazu, das so zu lösen, oder eben auch nicht zu lösen. Er hat eine traumwandlerische Fähigkeit zwischen Abbildung und der Suggestivkraft der Farbe. Es bleibt ja immer vage, es ist verrückt, das kommt unglaublich gut zusammen.
Bei Redon fehlt die Geste als Signet für Malerei.
Eben kein Schlenker wie ich ihn oft setze. Bei ihm ist es ein Geklimper, wie bei Debussy. Kein Expressionismus sondern ein organisches Wabern. Es ist eben nicht gekleckert sondern gesetzt.
Deine Figuren haben eine ganz andere Physis.
Vielleicht liegt es daran, dass ich Bildhauerei und Medizin studiert habe, weniger Musik wie Redon, der ja ein begabter Musiker gewesen sein soll. Ich hab bei meinen Arbeiten ja keine Vorzeichnung und keine konkrete Idee, es hat erst einmal keine Bedeutung was ich mache, sondern das entwickelt sich eben. In meinen "Tiergartenbildern“ könnte ich Parallelen zu Redon sehen, da stehen die Figuren sehr frei und fragmentarisch im Raum. Aber eine Nähe möchte ich jetzt nicht künstlich herbeireden.
Gibt es eine Nähe zu Redons Haltung als Einzelgänger ?
Ich bin ja auch ein Einzelgänger und wurstel vor mich hin und bin nie in einer Szene angekommen oder fühle mich einer zughörig.

Kai Teichert - Tiergarten - Ausstellung Prag

Kai Teichert - Tiergarten - Scholle
Nikolaus List:
Für mich ist Redon die Rache am Realismus. Gerade weil ich als Schüler mit einer Idee von Malerei konfrontiert wurde, die von Frans Hals und den Holländern kommt, und Redon hat diesen Realismus überwunden, und zwar von Anfang an. Eine Art, die viele Leute vielleicht erschreckend finden, denn es gibt im Grunde nichts Greifbares. Es gibt eigentlich keine Körper, es gibt zwar Pferde, aber das sind eigentlich keine Körper, das sind im Grunde genommen Blumen, verschwommene Blumen und Goldfische. Und das Ganze sehr leicht und bezaubernd.
Wie siehst Du Redons Körperlichkeit ?
Ich finde, dass Redon den Körper nicht sehr stark thematisiert hat. Er hat eher fragmentarische Ansichten, er hat nicht die Körperlichkeit wie z.B. William Blake, er löst die Körper im Grund genommen auf. Er überwindet eine Körperlichkeit, die man vielleicht als männlich bezeichnen kann, und geht zu etwas über, was eher flächig und meditativ ist. Von dem man sich eher berieseln lassen muss.
Siehst Du Parallelen zu deinem Umgang mit Licht ?
Ich hab eher einen Kunstbegriff der im 19 Jhd. angesiedelt ist. Bei mir ist es eigentlich klar woher das Licht kommt, meist von hinten, dadurch verlieren die Silhouetten ihr Gewicht und werden Geisterhaft. Das muss man natürlich immer im Zusammenhang mit der Bildidee sehen. Bei mir ist die Silouette das was sich auflösen soll. Bei Redon geschieht dies eher durch die Farbigkeit, das Pastose oder Pastellige. Bei ihm ist es etwas was aus sich heraus flimmert, eine blühende Frühlingsheide, das Schwelgen in Farbtönen, da hat er etwas rauschhaftes und die Nähe zu Renoir. Das hat etwas Edles. Etwas Duftiges. Wie ein edler Duft. Wie Parfum. Wie kostbare Essenzen. Er ist wahrscheinlich auch daran gegangen wie ein Musiker, dadurch leben die Bilder von der Stimmung. Deshalb auch so viele Stimmungen, anders als bei mir, das lebt eher von einer Stimmung.
Siehst Du die Haltung seiner Bilder, es wirkt so als hätte er ständig die Vorhänge zugezogen?
Es ist schon ein Moment von Weltflucht in seiner Arbeit. Das ist das, was man ihm immer wieder vorwirft, und was die Leute immer wieder verwirrt. Sie finden nichts aus ihrem Alltag, nichts aus ihrer Erlebniswirklichkeit wieder, und finden sich in einen Kosmos aus Muscheln, Blumen und Schimmern. Es gab ja ganz viele Leute in seiner Zeit, die einen Aufschrei gegen die beginnende Industrialisierung, das Profitdenken und die Verdinglichung von Allem gemacht haben, auch in einer Form von Weltflucht, sicherlich eine Form von Eskapismus. Man sieht nichts von Städtischem, Zeitungen, Industrien, Stadtbetrieb, anders wie bei Menzel und Zeitgenossen. Da gab es ja unterschiedliche Bewegungen. Die Impressionisten haben ja das Naturerlebnis in einer Zeit thematisiert, in der man gedacht hat, dass die Natur verschwindet, oder der Mensch die Natur überwindet. Gleichzeitig haben sie - ironischerweise - durch die Eisenbahn und die Entwicklung der Tubenfarbe überhaupt die Möglichkeit gehabt, mit ihren Mitteln reisen zu können. So gibt es immer technische und materielle Bezüge zu geistigen Arbeiten.
Wie siehst Du Redons bildungsbürgerliche Bezüge, bei ihm geht es ja immer um abgeschlossene, meist literarische Welten, von Dante bis Ovid?
Hier der Apollo-Wagen mit den Pferden. Die Pferde sind so verselbstständigt gemalt, dass eine Pferde-Liebhaberin wohl eher enttäuscht wäre, das sind doch eher Blüten im Himmel als Pferde.
Siehst Du Parallelen zur Verselbständigung Deiner Baum-Bilder?
Bei denen geht es um extrem separierte Verdinglichung. Bäume, die zusammen stehen, sind schwer auseinander zu sehen. Bei mir steht jeder Baum für sich und ist gleichzeitig in Auflösung begriffen. Ich versuche also das Scheitern mitzumalen, und gleichzeitig sollen alle Bäume wieder eine Gesamtheit ergeben, die noch etwas anderes ist.
Mir fällt noch etwas zur vorhin genannten Kunsthistorikerin, die Redon mit einer Drogentheorie assoziierte, ein. Ich glaube schon, dass Redon viel mit Rausch zu tun hat, wie Essen, oder Musik. Also frei von wörtlichen Gedanken. Ich denk schon, das ist ein Thema bei Redon. Ein schwieriger Versuch, der wenig Konsens-Möglichkeiten bietet, anders als beim Realismus - da sieht man die erste Fabrik, wo Straßenbahnschienen hergestellt wurden usw.. Was Rausch betrifft hat die bildende Kunst leider nicht diese Tiefe wie Musik, jedenfalls heute nicht mehr. Ilja Kabakov sagt ja, dass er deshalb Installationen macht, weil es nur noch darum geht Bilder einzuordnen, das ist Kubismus, Actionpainting, das ist Pop. Man hat heute nicht die Möglichkeit sich in Bilder zu versenken. Das ist nicht so wie beim Roman, in den man sich vertieft und gleichzeitig als wacher intelligenter Mensch die Möglichkeit hat zu sehen wie diese Illusion aufgebaut ist, was dann auch ein Teil des Genusses ist. Ohne dass ich hier jetzt als Kulturpessimist verstanden sein möchte. Die Menschen hatten damals einfach weniger Bilder.

Nikolaus List - Atelier
Arbeiten von Nikolaus List sind noch bis 17.03. 2007 in einer Gruppenausstellung bei Lena Brüning zu sehen.
www.lenabruening.de
Kai Teichert: www.galeriemontanelli.com

List Atelier
Christoph Bannat, 04.03.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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