Christoph Bannat | Bücher

Architektur wie sie im Buche steht

Fiktive Bauten und Städte in der Literatur
Gebundene Ausgabe: 568 Seiten
Verlag: Pustet, Salzburg; Auflage: 1 (Dez. 2006)
ISBN: 3702505504
Preis: 49,90


Nach Thomas Bernhard, Roithammers Kegel

Sexy group jam vs. google home jam

Es ist etymologisch nicht gesichert wo das schöne, auf sympathische
Weise ordinäre Wort Schmöker, bzw. schmökern, herkommt. Aber es strömt etwas Gemütliches, etwas dem man sich gerne hingibt aus, im alten Haus der Worte. Der Sound dieses Wortes entspricht ganz dem Wesen des 567 Seiten starken Ausstellungskatalogs Architektur wie sie im Buche steht - Fiktive Bauten und Städte in der Literatur.

K.F.Schinkel, Schloss am Strom

Das Architekturmuseum der Technischen Universität München veröffentlichte den Katalog zur Ausstellung in der Pinakothek der Moderne bis 11.03.2007. Die Ausstellung ist vorbei und jetzt gibt es nur noch das Buch. Ein Kompendium wie ein Haus auf einer Kreuzung, gebaut aus Türen die alle einen Spalt weit offen stehen. Eine kurzweiliges, wissenschaftlich grundiertes Wegenetz aus Zitaten und Verweisen wie es lustvoller, auch für den interessierten Laien, zu begehen kaum sein könnte. Eine großartige Jam-Session zu Architektur und Literatur von 36 Wissenschaftlern der TU-München. Und es zeigt sich wieder einmal der Unterschied zwischen Architektur und Bauen. Architektur als geistige Haltung und denkerischer Vorgang im Raum und Bauen als seine körperliche Entsprechung.


Joseph Alfrad Frueh

Dieses fette Lob würde natürlich nicht im Kunst-Blog stehen, ginge es nicht auch um Bildwerdung von Architektur. Das Buch zeigt hier mehrere Wege; Zum einen, auf Literaturvorlagen beruhende (meist) Zeichnungen und Skulpturen. Dann, jene Literatur die anhand von bildender Kunst entstanden ist und „gebaute Psychologie“ als Denk- und Erinnerungsmuster in Zusammenhang mit Architektur. So wollte Marcel Proust die Kapitel seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ ursprünglich nach den Teilen einer gotischen Kathedrale benennen - was bildende Künstler vielleicht weniger interessiert. Diesbezüglich sind schreibende Künstler wie Alfred Kubin, mit seinem vollkommen unterbewerteten, utopischen Roman „Die andere Seite“ wichtig. Die fantastischen Zeichnungen Victor Hugos, die zu den Vorläufern moderner abstrakter Kunst zu rechnen sind. Grandvilles Zeichnungen in Anlehnung an Jules Verne, oder die freie Architektur-Gruppe Archigram, mit ihrer Nähe zum Comic. Einem Medium dem das Buch in Comicwelten und Fantastic Spaces ein eigenes Kapitel widmet. Andere Kapitel lauten: Legendäre und Sagenumwobene Orte, Handlungsräume und Tatorte, Ideale Städte – Ideale Gemeinschaften, Zeichnung des Dichters, Beschrieben-Gezeichnet, oder Dichtung wird Architektur - Architektur wird Dichtung u.a. mit Peter Zumthor und Rodney Graham zu Edgar Allan Poe. In 16 Essays und anhand von 120 Beispielen aus der Weltliteratur werden die poetischen Luftschlösser von der Gralsburg bis zu Kafkas Schloss greifbar. Erregend (kann Wissen erregen oder entsteht die Euphorie erst nach dem Selbsterregerprinzip beim Schreiben bzw. Sprechen?) - „Erhellend“, ist sicherlich das gebräuchlichere Synonym für den Zustand, in den dieser Schmöker einen versetzt. Ciuzio Malapartes Architektur gewordene Zitate aus seinen Romanen „Kaputt“ und „Die Haut“. Der Berliner Künstler Tobias Hauser mit seiner Walden-Hütte am Leipziger Platz und eine echte Entdeckung, die Zeichnungen von Hans Henny Jahnn zu „Urgino und Ingrabanin“ und Hubert Fichte zum „Platz der Gehenkten“ machen das Kompendium komplett. Das Ludwig Wittgenstein, Dante und der Einsiedler Arno Schmidt hier zu Wort kommen ist da nicht weiter verwunderlich. „Architektur wie sie im Buche steht “ ist ein luftiges Werk, ein Hauch von Pavillon an einer Kreuzung, an der die Vorfreude möglicher Wege schon ein Genuss ist. Anders gesagt: Studieren macht sexy und mit seinem Wissen jammen glücklich.


Gustave Flaubert, Originalzeichnung


Nach A.R.Lesage, Paris 1779


Stefan Ballmeier, Propellerinsel

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Christoph Bannat, 02.04.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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