Gastbeitrag | Kritik
Kunsthype im Metaversum
von Stephan Lorenz und Verena Lehmbrock
Gazira Babeli
Collateral Damage - a comprehensive survey of works from 2006-2007
16. April bis 30. Mai
Second Life Location: Odyssey (38,30,23)

Blick in die Ausstellung, mit programmiertem Erdbeben im Vordergrund
Die Avatar-Persönlichkeit Gazira Babeli ist eine Konzeptkünstlerin im Metaversum von Second Life. Unstoffliche Grundlage ihrer Arbeit sind 3D-Ausprägung und Scriptfähigkeit.
Hinter Gazira Babeli steht laut Gazira Babeli keine (weibliche, kanadische ..) Realexistenz, sondern allein Gazira Babeli.

Ausschnitt aus COME.TO.HEAVEN
Wir bezeugen hier also die (scheinbare) Selbstbehauptung einer Kreatur, und wen dieses Thema allein noch nicht rockt, der könnte dennoch Gefallen an Babelis Ausstellung Collateral Damage finden. Gleich die erste Arbeit COME.TO.HEAVEN hat es in sich: Die aus dem Real Life importierte Aufnahme von Yves Klein, der mit ausgestreckten Armen von einer Mauer stürzt/fliegt (Le Saut dans le Vide), kann auch wie ein fliegender Avatar interpretiert werden. Ach, wie kommt eigentlich Gazira Babeli an eine Yves Klein Fotografie? (Pedantisch-logische Frage, die sich stellt, wer es genau nimmt.) Gibt der Betrachter "heaven me" ins Kommunikationsfeld ein wird er auf 3.500.000 Meter Höhe geschleudert, sieht nichts als Himmel und verliert seine Gestalt. Aus dieser Situation hat die Künstlerin auch keinen Ausweg eingebaut, eigentlich ein ganz schön mieser Streich gegen die Metaversumsgenossen, könnten die nicht wiederum von ihren Realpersönlichkeiten neu erschaffen werden.
GAZ OF THE DESERT ist zunächst eine kleine zweiteilige Installation. Vom betrachtenden Avatar aktiviert, findet sich dieser (sowie der/die "Creator" hinterm Rechner) überraschend in einer nächsten Realitätsebene wieder. Bilder von Francis Bacon, auf denen jeweils ein Stuhl montiert ist, verformen den Besucher-Avatar sobald er dort Platz nimmt (und er wird nicht wieder repariert, es sei denn durch Neustart). Duchamp's Nude Descending Staircase oder Warhols Campells Dosen werden um interpretiert und animiert. In "DON'T Say..." wird der Avatar solange herumgeschleudert, bis er sich dafür entschuldigt hat, vorher "new media" gesagt zu haben. Einige Arbeiten verändern sich selbstständig, z.B. durch ein programmiertes Erdbeben, oder geben eine Art Vorstellung im doppelten Wortsinn.

"baconisierte" Besucher-Avatare
Die hinter Gazira Babeli stehende Intelligenz tappt jedenfalls nicht in die Falle der 3D-Effekte und vermeintlichen Scriptwunder. Sie untersucht auch nicht nur die Ausprägungen von Second Life, sondern stellt die uralten Fragen, die wir uns als Menschen und als Künstler eben immer wieder stellen müssen, auf eine Weise, die nur in einer virtuellen Welt möglich ist. Die etwas schwachen Second Life-anarchischen Arbeiten mit Angriffen von singenden Pizzen oder Supermarios können das Gesamtbild virtuos umgesetzter virtueller Kunst kaum trüben. Wer die WWW-Künstler von Jody kennt, kennt den formalen Ansatz, aber so haben wir das noch nicht gesehen, also: Ansehen!
Zur Ausstellung gibt es eine Press-Release (Ausstellungsbanner klicken) mit interessanten Links und Interviews.
Gastbeitrag, 18.04.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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