Markus Wirthmann | Kritik

Wohl temperiertes Museum

Holly Zausner
unseen
Filminstallation im Bode-Museum, Berlin
25. April - 13. Mai 2007

In der sogenannten florentinischen Basilika, einem Renaissance-Architektur nachempfundenen Saal in direkter Flucht zum Haupteingang, wird Holly Zausners fünfzehnminütiger Kurzfilm in weihevoller Umgebung gezeigt. Obwohl die Ausstellungsstücke aus dem Inventar einer Bürgervilla stammen, ist der assoziative Raum ein sakraler und die siebeneinhalb Meter breite Leinwand schwebt über einem nicht existenten Altar. Der Surround-Sound der Super-16-Millimeter-Produktion weitet die Halle nochmal auf kathedrale Maße.

Mehrfach wird in Eröffnungsrede, Webseiten und Galerietext darauf herumgeritten, dass es sich bei der Vorführung von „unseen“ um die erste Präsentation zeitgenössischer Kunst im Bode-Museum handelt. Das entspricht nicht den Tatsachen. 1992 bereits hat Klaus Biesenbach die Ausstellung „Dialog im Bodemuseum. Aktuelle Kunst in Historischer Kunst“ kuratiert. Hier sei ebenfalls und zur Ermahnung an allzu Vergessliche auf die seit einiger Zeit am Alten Museum angebrachte Neoninschrift von Maurizio Nannucci hingewiesen: "ALL ART HAS BEEN CONTEMPORARY".

Bei „unseen“ zu sehen ist die Künstlerin selbst, wie sie, meist mit einer übergroßen Stoffpuppe im Schlepptau, durch Berlin eilt – oder irrt. Allbekannte Referenzpunkte (neuerdings zählt da ja auch der Hauptbahnhof dazu) wechseln sich ab mit eher selten gesehenen Stadtoasen wie dem ehemaligen Spreepark in Treptow mit rottenden Fahrgeschäften und umgekippten Sauriern und der Abflughalle im Flughafen Tempelhof. Menschenleere, also wahrscheinlich zu Unzeiten gefilmte Orte kontrastieren mit beschleunigter Großstadthektik.

Der Weg der geisterhaft eilenden Protagonistin mit ihrem seltsamen Gepäck führt vom Scheunenviertel, wo die Galerie Wohnmaschine, die Holly Zausner auch vertritt, aus nicht weiter ersichtlichen Gründen explodiert, kreuz und quer (sozusagen nonlinear) durch die Stadt, um nach gut zehn Minuten, ganz in der Nähe des Ausgangspunktes, am Ort der aktuellen Erbauung, dem Bode-Museum, zu Ende zu kommen. Vorher gibt’s noch eine „Begegnung“ mit Tigern im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie. Die wird zwar im Galerietext als gefährlich eingestuft, erscheint dem Zuschauer durch allzu deutliche filmschnitttechnische Trennung der Protagonisten eher pittoresk und symbolisch aufgeladen: „Sinfonie einer Großstadt“ meets „Tiger von Eschnapur“?

Gegen Ende des Films, also wenn die Flucht vor der explodierenden Galerie im Musentempel endet, wechselt die Stoffpuppe sonderbarer Weise die Farbe von Blau nach Gelb. Ich weiss, ich weiss, hier wird’s symbolisch: Wechsel des Geschlechts – aber man muss dem Galerietext ja auch nicht alles glauben – Gelb ist ja jetzt, im Gegensatz zu Hellblau, nicht unbedingt eine Farbe mit festgelegter Konnotation.
Bisher war das Hantieren mit den Puppen eher slapstickhaft und im Kontrast zu der dringlich ernsten Gehetztheit der Künstlerin unfreiwillig situationskomisch. Im Museum kommt noch das Beuys'sche Motiv des Dem-Toten-Hasen-Die-Kunst-Erklären hinzu, und das war bei olle Joseph schon komisch und kontrastiert nun mit meditativen Kamerafahrten über die feinen Holzkörper barocker Heiligenfiguren.

Das ist dann doch ein bisschen zu viel des Guten und wäre mit einem Schuss Unernst besser zu ertragen. Der aber fehlt – oder tritt nur als ein unfreiwilliger zu Tage. So bleibt der Film von Holly Zausner ein bisschen unbefriedigend im angestrengten Kunstseinwollen, auch wenn die Aufnahmen teilweise sehr delikat sind und im sakralen Renaissance-Kino des Bode-Museums ausserordentlich effektvoll präsentiert werden.

Markus Wirthmann, 25.04.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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