Christoph Bannat | Kritik
Die Stadt von Morgen
Beiträge zu einer Archäologie des Hansaviertels Berlin
Akademie der Künste, Hansaviertel, Berlin
Vom 16. Mai bis 15. Juli 2007
Mit künstlerischen Beiträgen von Oliver Croy, Mark Dion, e-Xplo, Sabine Hornig, Sofia Hultén, Kaltwasser/Köbberling, Annette Kisling, Korpys/Löffler, Dorit Margreiter, Ute Richter, Eran Schaerf.

Korpys/Löffler,Still aus Dokumentarfilm von 1953, © die stadt von morgen/Andree Korpys/Markus Löffler, 2007
Eiermannholz schlägt Bill-Uhr im Eternithaus, oder: „Wir brauchen hier keinen Gursky, den haben wir, wenn wir aus dem Fenster sehen“, so eine Bewohnerin des Hansaviertels. Andreas Gursky wohnt zwar im Arne Jacobsenhaus im Hansaviertel, gemeint ist hier aber, dass man in einem ästhetisch durchorganisierten Viertel, dem Hansaviertel-Berlin, wie in einem Kunstwerk wohnt.

Folke Köbberling/Martin Kaltwasser, 2007.Bauwagen im Hansaviertel.
In der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, kommentieren und assoziieren 15 Künstler zu einem in Deutschland einzigartigen Bauprojekt, dem Hansaviertel-Berlin. Das Hansaviertel entstand im Rahmen der Interbau 1954 bis 1957. Als offene Baustelle für jedermann zugänglich zog es während seiner Bauzeit über 900.000 Besucher an. Es war nicht nur ein hochbudgetiertes Bauprojekt, sondern auch eine große Propagandaaktion - und ein Prestigeobjekt der Nachkriegszeit, das für einen Wiederanschluss an eine durch die Nationalsozialisten unterbrochene Moderne warb. Gleichzeitig war es ein Gegenentwurf zur Stalinallee (heute Karl Marx-Allee) in Ostberlin. Die radikale Vernichtung der Vorgeschichte des Hansaviertels und nahezu jeglicher Geschichte, weil (fast) alle Spuren oder etwaigen „Brüche“ im Gesamtbild vernichtet wurden, spürt man hier heute noch. Das Viertel wirkt merkwürdig entrückt, obwohl es mitten in der Stadt liegt, und es spielt im Bewusstsein der meisten Berliner heute kaum eine Rolle.

Filmstill aus dem Filmprogramm, Mode im Hansaviertel, Sonderbericht Berlin, 1961. Quelle: www.deutsche-wochenschau.de
“In freier Natürlichkeit sind die geplanten höheren Häuser um 2 Ausbuchtungen des Tiergartens gelegt und sollen sich durch diese Zwanglosigkeit in einem klar zum Ausdruck kommenden Gegensatz zu diktatorisch ausgerichteten Bauten stellen. […] Die städtebauliche Ordnung kann in einer einfachen geometrischen Form gerader Linien und rechter Winkel liegen. Eine Ordnung dieser Art wird leicht begriffen und kann gedankenlos und rücksichtslos durchgeführt werden. Die städtebauliche Ordnung kann dagegen auch in einer lebendigen Natürlichkeit liegen, in der es gerade und parallele Linien und rechte Winkel nicht zu geben braucht. Die edelste Form der Ordnung... entsteht aus der Freiheit. [...] Diese Ordnung läßt sich nicht in eine architektonische Zwangsjacke stecken. [...] Der freie Mensch will nicht wie in einem Heerlager leben, nicht in Häusern wohnen, die wie Arbeiterbaracken hintereinander gereiht sind. In natürlicher Lage stehen die Häuser ähnlich zueinander wie Menschen, die sich unterhaltend zueinander wenden oder sich betrachtend um ein Standbild stellen. Nicht in Reih und Glied, sondern in einer besseren, gelockerten Ordnung. Die gelockerte Lage befreit die Häuser aus den Fesseln der Masse, in die sie eine versteifte Geometrie verstrickt.“ *
Bei diem Auszug aus dem Jahre 1957 wird deutlich, wie Wort, Bild und Tat ineinandergreifen. Zwanglosigkeit und Ordnung und das Aufwägen einer axialen und zentralistischen Ordnung, als Kennzeichen einer diktatorischen Ästhetik, gegen eine natürliche Kommunikative „wie Menschen im Gespräch“ abgewägt werden. Die Metaphern zeigen die propagierte Ästhetik einer Nachkriegs-Moderne im Kalten Krieg, die sich selbst gern mit einem Paradox als „klassische Moderne“ bezeichnet.
1256 Wohnungen wurden im Hansaviertel gebaut, davon 1208 im Rahmen des sozialen Wohnungsbauprogramms. 20 Grossbauten und 50 Einfamilienhäuser entstanden im Grünen. Es gibt Gemeinschaftsetagen, Allraumwohnungen, Split-Level- offene und variable Wohnungen, die jetzt von einer avancierten Mittelschicht, oft mit Kindern, wiederentdeckt werden. Heute sind fast alles Eigentumswohnungen. Gebaut wurden die Häuser von 53 Architekten, 19 aus dem Ausland, 16 aus der Bundesrepublik 18 aus Westberlin. Mit Alvar Aalto, van den Broek & Bakema, Wassili Luckhardt, Oscar Niemeyer, Arne Jacobsen, Walter Gropius, Le Corbusier und Egon Eiermann wurden einige der prominentesten Architekten eingeladen.
Das ganze Viertel ist bereits als eine Art Gesamtkunstwerk konzipiert, da stellt sich schnell die Frage, welchen Entwurf bildende Künstler diesem heute noch hinzufügen oder entgegenstellen können?
Und hier setzt die kuratorische Meisterleistung von Annette Maechtel (Projektleitung), Christine Heidemann und Kathrin Peters an. Auch wenn einen die einzelnen Kunstwerke nicht zusagen, und einem zu jedem Werk zwingendere Kunstwerke einfallen, so umspannen sie in ihrer Gesamtheit alle politischen und ästhetischen Themenbereiche des Hansaviertels, kommentieren es und ihre Wirkung springt beim Hinaustreten auf das Viertel über. In der Ausstellung korrespondieren Soundfiles, korrekte Pädagogik, dokumentarische Bestandsaufnahmen, Performances, historische Verweisen und formalistische Zitaten miteinander und bilden einen Spannungsbogen. Die Ausstellung lebt von einer konzentrieren Leere, wie man sie lange nicht erlebt hat, und was heißt Leere bei einer 45-minütigen Soundcollage, oder 20 Minuten Film? Zumal die Ausstellung sich im Außenraum fortsetzt und die Räume der Akademie selbst, als Teil des Hansaviertels mit allen Insignien des international Stils, mit einbezogen werden.
Eine weitere Besonderheit ist, dass hier Künstler für Recherche und Realisation bezahlt wurden und ein Festhonorar bekamen, die Kuratorinnen also das Risiko eingingen, unbekannte Werke zu erhalten. Auffällig ist das selbstgebastelte Hüttenwesen von so unterschiedlichen Künstlern wie Sabine Hornig ( in Bild), Eran Schaerf, Martin Kaltwasser/ Köbberling, Korpys und Löffler, oder Oliver Croy mit seiner Bibliothek alternativer Wohnkulturen. Hütten, die hier wie der kleinste gemeinsame Nenner eines Gegenentwurfs zu einer durchinszenierten Wohnwelt erscheinen. Auch wenn dieser nicht die ergreifende Notwendigkeit eines Jonathan Meese, John Bock, Kai Althoff, oder Thomas Hirschhorn erreicht. Einzig Korpys und Löffner schaffen eine sarkastische Intensität, die den Betrachter in die Mangel nimmt, indem sie mit einem Eiermann-Holzstamm prozessionsartig ins Eternithaus ziehen, um dort im Internet ersteigerte Design-Klassiker zu zerstören und diesen Akt anschließend mit Nachkriegsaufnahmen des zerstörten Hansaviertels überblenden.
Wer sich für die Nachkriegsmoderne interessiert, für den ist diese Ausstellung ein starker Impuls, um weiter zu forschen. Gleichzeitig ist sie ein erhellender psychogeographischer Kommentar der Generation Abenteuerspielplatz, sowie zu Trashdesign-Trends in der zeitgenössischen Kunst, der hier als Misstrauen gegenüber dieser propagierten Moderne gelesen werden kann.
Besteht urbanes Leben aus Überschneidungen unterschiedlicher ästhetischer Äußerungen und deren Interessensgruppen, so ist das denkmalgeschützte Hansaviertel ein Beispiel für eine unbelebte Moderne. Bei allen städtischen Klageliedern und Eigenheimphantasien wohnen Menschen scheinbar gerne eng beieinander, denn dort, wo viele Menschen sichtbar aufeinandertreffen, entstehen eben auch immer neue Ausdrucksformen und Möglichkeiten. So zeigt diese Ausstellung auch den Unterschied zwischen inszeniertem und provoziertem Leben.
*Zitat nach Dolff-Bonekämper, Das Hansaviertel S.16
Begleitend zur Ausstellung findet eine von Florian Wüst kuratierte Filmreihe mit historischen Kurz- und Spielfilmen (6. Juni – 6. Juli), sowie eine Tagung mit Beiträgen von Christoph Asendorf, Oliver Elser, Jesko Fezer, Hanne Loreck, Irene Nierhaus, Sandra Wagner-Conzelmann u.a. statt (5.–7. Juli). Im Herbst 2007 erscheint außerdem eine Publikation im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln (ISNB:978-3-86560-229-9).
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Filmstill, Das Brot der frühen Jahre, Herbert Vesely, 1962. Quelle: Deutsche Kinemathek
Christoph Bannat, 20.05.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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