Gastbeitrag | Kritik

Die selbstreflexive Nation

von Ingo Arend

MUSTERSCHÜLER: Die Bundesrepublik flankiert ihre EU-Ratspräsidentschaft mit drei großen Kunstausstellungen in Brüssel. Was will sie uns und Europa damit sagen?

Visit(e). Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland.
ING-Kulturzentrum, Brüssel. Noch bis zum 1. Juli 2007

Die Deutschen kommen. Als 1989 in Berlin die Mauer fiel, waren die Deutschen zwar "das glücklichste Volk der Welt", wie Berlins Bürgermeister Walter Momper damals jubelte. Der Rest Europas hielt sich zurück. Frankreichs Staatspräsident François Mitterand entdeckte auf einem Staatsbesuch nach der Grenzöffnung seine Liebe zur DDR. Und die britische Premierministerin Margaret Thatcher trommelte alle verfügbaren Berater zusammen: Ist ein vereintes Deutschland ein Sicherheitsrisiko für Europa? fragte sich der Krisengipfel auf ihrem Landsitz Chequers.


Visit(e). Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland

Seit dem Epochenbruch sind achtzehn Jahre vergangen. Die Angst vor dem entfesselten Gulliver Deutschland hat sich verflüchtigt. Kein neuer Bismarck dominiert den alten Kontinent. Stattdessen sorgt eine Frau mit dem Charisma einer Hausfrau für europäischen Teamgeist. Aber womöglich hat selbst Angela Merkel noch alte Vorbehalte bei ihren Partnern gespürt. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass Bundesregierung und Bundestag die deutsche EU-Ratspräsidentschaft mit drei hochpolitischen Kunstausstellungen flankieren. Wenn die Kanzlerin die Ausstellung Blicke auf Europa, die derzeit im Brüsseler Palais des Beaux-Artes zu sehen ist, als das "wichtigste Kulturereignis" ihrer Ratspräsidentschaft bezeichnet darf man schon dringlichere Motive hinter dem Ereignis vermuten als bloß die üblichen Repräsentationsbedürfnisse.

Das Signal, das den Besucher der offiziösen Schau in dem etwas ramponierten Art-Deco-Bau auf dem Brüsseler Kunstberg empfängt, ist denn auch aufschlussreich. Christian Gottlieb Schicks Porträt Heinrike Danneker aus dem Jahr 1802 eröffnet nicht nur einfach einen hochklassigen Bilder-Parcours, den die Staatlichen Museen zu Berlin, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München in einem (ungewohnt kooperativen) föderativen Kraftakt gestemmt haben. Seht her, soll das Bild des David-Schülers aus Stuttgart demonstrieren: Wir sind entspannt, gesellig und aufgeklärt. Auf dem Ölgemälde sieht man die junge Frau Dannecker, Mittelpunkt eines Salons von Künstlern und Intellektuellen, in entspannter Haltung den Kopf in die Hand stützen. Sie trägt Kleider in Bleu-blanc-rouge und eine phrygische Mütze wie die französische Marianne: In Brüssel inszeniert sich Deutschland ohne Pickelhaube und als Musterschüler der französischen Revolution.


Visit(e). Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland

Wer die Schau weiter durchwandert, wundert sich, an welchem deutschen Wesen einst die Welt genesen sollte. In diesem opulenten Bilderreigen sieht es so aus, als seien die Deutschen quasi charakterlose Nicht-Wesen, deren Identität vor allem darin bestanden hat, die europäischen Einflüsse in sich aufzunehmen. Es wirft ein erhellendes Licht auf die Inspirationsquellen der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts, was man in Brüssel zu sehen bekommt: Anselm Feuerbach und Karl Friedrich Schinkel huldigten mit der sinnenden Iphigenie und arkadischen Landschaften dem hellenistischen Ideal. Der "Deutschrömer" Friedrich Overbeck schuf mit dem Bild zweier Frauenköpfe namens Italia und Germania 1835 ein geradezu klassisches Bild von Völkerfreundschaft und Italienverehrung. Und Caspar David Friedrich ließ sich vom Licht des Nordens inspirieren. Ob deutsche Maler nach Spanien oder nach Dänemark schauen: Ihr Land ist in dieser Schau ein Musterschüler der interkulturellen Kommunikation und ein Spiegel der besten europäischen Eigenschaften.

Dass es zumindest eine gewisse Diskrepanz zwischen der übernationalen Mission Deutschlands, wie sie Blicke auf Europa so suggestiv vorführt, und der Realität im eigenen Land gibt - diese Erkenntnis verdankt der Besucher auf dem Brüsseler Kunstberg dann dem zweiten Teil der deutschen Kulturoffensive auf europäischem Boden: der Ausstellung Visit(e), die Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland zeigt. Deutschland wird deutscher heißt das große Pigmentbild auf Stahl der Berliner Künstlerin Katharina Sieverding aus dem Jahr 1992. Das Foto des wie auf dem Jahrmarkt mit Messern umgebenen Kopfs der Künstlerin wurde ein bundesweit bekanntes Motiv, als es in einer Plakatserie den Ausbruch fremdenfeindlicher Gewalt nach dem Mauerfall thematisierte.


Visit(e). Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland

Und wenn nicht Jörg Herolds eigenwillige Installation Das Kaukasische in Brüssel ausgestellt wäre, kein Deutschland-Unkundiger wäre auf die Idee gekommen, dass es auch andere Phasen deutscher Europabegeisterung gegeben haben könnte. Die Arbeit des 1965 geborenen Leipziger Künstlers ist in der Schau zu sehen, in der der Deutsche Bundestag im flämischen Kunstzentrum De Markten, einem soziokulturellen Zentrum im Studentenviertel Brüssel,s abseits der großen Paläste, drei Werke aus seiner Kunstsammlung ausgestellt hat. Herolds Arbeit geht spielerisch dem Mythos um den Göttinger Professors Johann Friedrich Blumenbach nach, den zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Schädel einer schönen Georgierin zur Kreation einer "Kaukasischen Rasse" anregte. Unwillkürlich denkt man bei den fünf mit durchsichtiger Gaze überspannten Schädeln aus Stein, die der Künstler in eine kleine, mit schwerem Militärtuch abgetrennte Kammer gelegt hat, aber auch daran, wie die Nationalsozialisten die europäische Anthropologie für ihren blutigen Rassewahn plünderten.

Ob es die Absicht der Kuratoren war oder nicht. Mit Werken wie diesen wird der offizielle Europa-Euphemismus kritisch akzentuiert. Natürlich kann der Besucher in den beiden Ausstellungen auch Exportschlager wie den Leipziger Maler Neo Rauch bewundern oder den Berliner Fotografen Wolfgang Tillmans. Die Feinheiten der Sammlungspolitik dieser außergewöhnlichen Sammlung wird der ausländische Besucher sicher kaum nachvollziehen können. Aber er stößt auch auf Joseph Beuys' Diagramm Organisation für direkte Demokratie von 1973 oder die lorbeerumkränzte Installation Siegerkränze des argentinisch-thailändischen Künstlers Rirkrit Tiravanija aus dem Jahr 2001. Besucher, die schon mal die Stirn gerunzelt haben, was die Deutschen mit Vokabeln wie dem "unverkrampften" Verhältnis zur Geschichte oder der "selbstbewussten Nation" gemeint haben könnten, werden diese Werke erleichtert zur Kenntnis nehmen: Wir sind demokratisch. Wir wissen um die Versuchungen des Nationalismus – das sind hier die Signale.


Visit(e). Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland

Das Erstaunlichste an dem deutschen Auftritt in Brüssel sind aber vielleicht nicht einzelne Werke, sondern die nachhaltige Demonstration eines Staates, der die kritische Kunst fördert und den Dialog mit ihr sucht. Freunde einer Kunst als kritischer Gegenwelt mag es empören, dass ein Zivilgesellschaftler par excellence wie der Gründer der »Deutschen Studentenpartei« (1967), der »Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung« (1971) und dann der Grünen wie Joseph Beuys ausgerechnet von einer Staatssammlung vereinnahmt wird. Andererseits steckt darin auch eine symbolische Festlegung eben dieses Staates, auf die man bei Gelegenheit zurückkommen könnte. Und wer sich in der Bundestagsschau im De Markten das Video anschaut, in dem man die Crème de la Crème der internationalen Kunst von Emil Schumacher bis Jenny Holzer dabei beobachten kann, wie sie den Reichstag mit zum Teil provokativen Kunstwerken bestückt, oder wenn er eine ähnlich angelegte Fotoserie von Jens Liebchen betrachtet, dann entdeckt er ein europaweit einmaliges System institutionalisierter Selbstreflexion. Ganz so kritisch wie sie von außen gedeutet wird, ist die Kunst zwar nicht unbedingt: Visit( e )-Kurator Eugen Blume vom Berliner Hamburger Bahnhof definiert im Vorwort des Ausstellungskataloges: »Kunst ist ihrem Wesen nach eine nicht affirmative, kompromisslose Sonderform der geistigen Weltbeziehung«. Im Verhältnis zur Politik lässt sie sich, schon im Hinblick auf die „ortsspezifischen“ Installationen im Reichstag, sehr stark auf Kompromisse ein. Aber immerhin: „Die Repräsentationsform Politik stellt sich der Herausforderung durch "die andere Form der Repräsentation" (Boris Groys) der Kunst. Den Weg des neuen Deutschland zur nun auch weltweit militärisch ambitionierten Mittelmacht hat das System "Kunst im Reichstag" zwar nicht aufgehalten. Doch zumindest vor den Produkten der ästhetischen Phantasie der Deutschen und dieser neuen Form der Gewaltenteilung braucht Europa keine Angst zu haben.

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Dieser Beitrag ist in Freitag, Die Ost-West-Wochenzeitung Nr. 16 2007, erschienen: Freitag Wochenzeitung

Gastbeitrag, 20.05.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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