Markus Wirthmann | Kritik
Erdbeben und Elefanten
Projekt Kunst-Landschaft
Kunstverein & Stiftung Sprinhornhof e.V.
Neuenkirchen, ganzjährig

Peter Pommerer, "Die eingefangene Zeichnung", 2003
Laut Wikipedia erschütterte am 20. Oktober 2004 ein Erdbeben der Stärke 4,5 auf der Richterskala mit Epizentrum in Neuenkirchen die Lüneburger Heide. Das ist zufällig genau dort, wo sich der Kunstverein Springhornhof befindet, das Epizentrum eines Skulpturenprojekts, das Mitte der siebziger Jahre begonnen wurde und seitdem stetig wächst. 2003 wurden die vorerst letzten acht Skulpturen im Rahmen des Projektes „Outlook 2003“ realisiert. Insgesamt gruppieren sich jetzt so um die 30 Plastiken und Installationen in mäßiger Fahrradentfernung um den Kunstverein.

Mit Lageplan (auch erhältlich im nahen Hotel und an der einzigen Tankstelle) und Leihfahrrad aus dem Kunstverein ausgerüstet ist man ein bis zwei Nachmittage unterwegs, die Übernachtung im besten Haus am Platze kostet ja auch nicht die Welt, um wirklich den ganzen Parcours abzuklappern – zumindest wenn man sich nicht allzu oft verfährt. Hier nun eine total subjektive und einigen unfreiwilligen Umwegen geschuldete Auswahl.

Peter Pommerers Elefantengehege-Installation würde dem unvorbereiteten Besucher bestimmt einige Rätsel aufgeben können, leider hat man sich aber anhand des bebilderten Planes ja schon auf dieses Beispiel von Kontextkunst vorbereiten können. Das ist natürlich ein Makel, der sich nicht vermeiden lässt, und allen Arbeiten auf dem Rundkurs angeheftet wird. Überrascht tun gilt auch nicht, und so bleibt nur darüber zu staunen, dass die Anlage eigentlich noch seltsamer ist als schon erwartet.
Einige Betoneinbauten aus dem Elefantengehege des Wiener Zoos sind hier in die Heidelandschaft gepflanzt und verweisen auf Wildheit und Natur, die es hier schon lange nicht mehr gibt und die auf der anderen Seite, also in Wien, den eigentlichen Bewohnern dieses Betonmobiliars schon längst genommen worden ist. Die graffitiartigen Zeichnungen Pommerers auf Panzerglas zitieren Ethnologisches – aber auch den Kitsch von Flughafen- und Trödelkunst.

Timm Ulrichs, "Egozentrischer Steinkreis", 1977
Der „egozentrische Steinkreis“ von Timm Ullrichs, eine der frühen Arbeiten des Projekts, hat die Jahre gut hinter sich gebracht. Nach über dreißig Jahren ist der Kreis aus unterschiedlich großen, gefundenen Wackersteinen noch gut abgesetzt am Wegesrand zu sehen. Nur eine Windkraftanlage und ein Modellflugzeugplatz mit krähenden Minihubschraubern haben sich in den letzten Jahren hinzu gesellt und bilden einen merkwürdigen technoiden Kontrapunkt zu der archaischen Anlage, die mit purer Menschenkraft aufgeschichtet wurde. Timm Ulrichs warf die Findlinge so weit er jeweils konnte von sich weg. Den Naturgesetzlickeiten und seiner Ausdauer folgend entstand ein flacher Kegel aus hunderten von Steinen.

Die beiden genannten Arbeiten kann man beispielhaft heranziehen, um eine grundsätzliche Zäsur in diesem Landschaftskunstprojekt aufzuzeigen. Da sind, grob gesagt, einmal die Arbeiten aus den Siebzigern, die mit ihrem bewusst grundsätzlichen Umgang mit Material und Gegebenheiten der Landschaft und der Durchschaubarkeit ihrer Konzepte ein tiefes Verständnis und fast religiöse Wahrhaftigkeit assoziieren. Diese Arbeiten passen einfach hierher, ist man geneigt zu sagen. Es war die Zeit der Landart und der Beuyschen Innerlichkeit. Der passende Zeitgeist eben.

Job Koelewijn, "o. T.", 2003
Dementsprechend von anderem Geist beseelt kommen die Arbeiten der 2000er-Serie daher. Zugegebenermaßen ist der Zeitrahmen hier ebenfalls etwas vergröbert angesetzt. Es handelt sich durchgehend um „Interventionen“, die gar nicht den Versuch unternehmen sich einzupassen und im landschaftlichen Hintergrund zu verschwinden. Oder wenn, erscheint Mimikry als konzeptueller Taschenspielertrick. Die Landschaft ist Material und wird benutzt, die Arbeiten geben sich aggressiv und behaupten den Umgang mit der Landschaft, könnten aber ebenso in allen Kunst-Großstädten der Welt gezeigt werden. Dieser Gestus birgt ein viel größeres Risiko zu scheitern als die assimilative Praxis der Siebziger.

Job Koelewijn, gescheiterter Elektriker - im Hintergrund: Erdgasförderung
Und die meisten scheitern in der Tat. Die einen (Elmgreen und Dragset) weil sie Primanerschläue und postpubertären Dadaismus mit Intelligenz verwechseln. Ihr Friedhof für abgelegte Skulpturen ist einfach nur zynisch und hätte im Hype-Zirkus von Berlin vielleicht einen passablen Platz finden können. Am besten aber wäre gewesen, wenn sie Ihre Arbeit von innen nach außen gewendet hätten, um sie selbst zu bestatten.

Dragset & Elmgreen, "Park für unerwünschte Skulpturen", 2003
Andere scheitern, vielleicht an Eitelkeit oder Unbescheidenheit, vielleicht auch an mangelnder Demut, wie ein anderer Autor von Kunst-Blog jetzt wahrscheinlich gesagt hätte. Anna Gudjónsdóttir, traut anscheinend der Poesie ihres in Bronze abgegossenen Pflaumenbaums nicht. Der völlig unnötige zweite Teil ihrer Arbeit ist ein auf Aluminiumplatten gemaltes Tableau verschiedener Ansichten eben jenes Baumes. Abgesehen von der abgründigen Hippi-Hobbyraum-Installation auf dem Dachboden eines Bauernhauses, bewegt sich die hier vorgetragene Malerei irgendwo zwischen Fegefeuer und Malerhölle. Auch auf den Ebenen von Ironisierung und Zitat kann man das kaum gelten lassen.

Anna Gudjónsdóttir, "Sieben Ansichten von einer Wiese mit Pflaumenbaum", 2003
Kleinere Fälle des Scheiterns gibt es in der weiteren Folge zwischen weiteren sehr gelungenen Fällen von Landschafts- und Kontextkunst hier natürlich auch noch zu entdecken.

Bronzener Pflaumenbaum ohne Ansichten
Im Ganzen zu empfehlen: Springhornhof. In der Heide. Und für alle, denen das im Jahr der Kunst-Großereignisse zu unspektakulär ist: Ein paar Kilometer weiter liegt der Heidepark Soltau mit der höchsten Holz-Achterbahn der WELT! Und noch ein bisschen weiter der Vogelpark Walsrode (bekannt aus Funk und Fernsehen). Auch so zwei Interventionen ...

Stefan Kern, "Treppe", 2003

Tony Cragg, "Holzkristall", 2000

Volker Lang "zwischen zwei Straßen", 1997
Markus Wirthmann, 14.05.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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