Kai Hoelzner | Kritik
In girum imus nocte et consumimur igni
Schade, schon ist sie vorbei, die Show "In girum imus nocte et consumimur igni", die die Künstlerin und Kunst-Blog-Autorin Christina Zück gemeinsam mit den beiden schweizer Künsterinnen Hildegard Spielhofer und Laurence Bonvin in den vergangenen beiden Wochen im Ballhaus Ost zeigte. Weil der Turnus im Ballhaus Ost nur zwei Wochen beträgt, ist eine der besten Ausstellungen seit langer Zeit nun schon wieder vorüber. Dabei fing alles schon so wunderbar seltsam an...

...weil Christina nämlich behauptete, sie hätten es nicht gewußt. Dass sei alles ein riesiger Zufall. Ja tatsächlich hätte sie es erst durch meinen Telefonanruf erfahren. Und auch, wenn ich ihr trotz Schwur und Beteuerung nicht glaube, so ist es doch das allerbeste und allergeilste, wenn es sich wirklich um einen riesen Zufall handeln würde, dass ausgerechnet am Tag nach der Eröffnung der Ausstellung "In girum imus nocte et consumimur igni" im Tingueliy-Museum in Basel, der "bislang größten Ausstellung zur Situationistischen Internationale" so die Webseite des Museums , am 5. Mai in Berlin in der Pappellallee, in der kläglichsten Stallsituation, die man sich vorstellen kann, eine Ausstellung mit gleichem Titel eröffnete. Guy Debord, nach dessen späten Film In girum imus nocte et consumimur igni sich beide Ausstellungen benennen, hätte die Baseler Retrospektive lässig ausfallen lassen und wäre nach Berlin gekommen um sich das anzuschauen, wie Christina Zueck, Laurence Bonvin und Hildegard Spielhofer dann doch noch fast sämtliche Forderungen der Situationistischen Internationalen samt "praktischer Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Leben" eingelöst und dabei noch eine richtig nette Ausstellung hinbekommen haben. Ich hätte das jedenfalls bis neulich nicht geglaubt, dass das geht. Auch wenn es sich beim identischen Titel natürlich um keinen Zufall handelt, da zwei der drei Künstlerinnen Schweizerinnen sind.

Problematisch wird's ja eigenltich immer, wenn man Leute, die zeitlebens versucht haben, sich zu entziehen, post mortem dann doch noch einfängt, um mit ihnen z.B. eine große Museumsshow zu veranstalten. Denn Retrospektive gehört leider genausowenig zu den den situationistischen Forderungen wie bunte Web-Seite, Pressemitteilungen und reich bebilderte Kataloge mit Beiträgen unter anderem von Sloterdiyk, Hirschhorn und Hans Magnus Enzensberger (!). Denn aus der Zwickmühle, dass sich Debord und Gefährten vor allem gegen seine eigenen Fans und Bewunderer wendete, denen er vorwarf, ihre Bewunderung stelle nur eine Form von Konsum und Mystifikation dar, keine „aktive“ Teilnahme an ihrem Projekt, kommt man als Fan nur äußerst schlecht heraus.
Ob Absicht oder Zufall: Eine Replik war die Ausstellung In girum imus nocte et consumimur igni von Christina Zueck, Laurence Bonvin und Hildegard Spielhofer ohnehin nicht. Auch kein Situationismus reloaded. Noch nicht einmal Spekulation oder Chuzpe. Stattdessen geht es bei Zück, Bonvin und Spielhofer um tote Väter. Nicht um geistige oder Doktorväter, sondern um eigene. Es geht um Mütter, Psychatrie, Departure und Arrival, um die Frage, ob das Licht da hinten auf den Alpengipfeln auf der kleinen Fotografie gegenüber nun das allererste Morgenlicht oder das letzte Licht am Abend ist.

Situationisten gingen vom subjektiven Erleben des Einzelnen, seinen Wünschen und Begierden aus. Dies war für sie der Angelpunkt jeder politischen Forderung (Wikipedia). Das geht, glaubt man der Ausstellung, nur, indem man auch in die Abgründe seiner Persönlichkeit, ins vielleicht fieseste hineinschaut. Weil die Beglückung durch eine Ausstellung dadurch zustande kommt, sehr intensiv an etwas teilzuhaben, etwas zu erleben, was einem vor Fernseher Multiplex-Kinos und anderen Bespaßungsmaschinen nicht zuteil wird. Geheimnis, Intimität oder Erregung vielleicht. Oder aber auch Angst, Trauma, Verzweifelung. Wodurch hier wieder Lust, Einfühlung, Teilhabe entsteht. Die Ausstellung handelt auf äußerst lakonische Weise vom Frühesten und von den letzten Momenten realen Lebens und dabei handelt sie mit sehr persönlichen Informationen. Sie tut das richtigerweise sehr diskret. Sämtliche Themen, die hinter den Arbeiten stecken, sind nur zu erkennen, wenn man die Arbeiten als ernst gemeinte und persönliche Mitteilung betrachtet.

Eine fensterloses Haus mit einer Toreinfahrt, links und rechts weisse Mauer so weit die Kamera reicht, wahrscheinlich in Afrika, jedenfalls latscht ein farbiger Mann an der Mauer entlang. Über dem Tor des Hauses steht OCCUPATIONAL THERAPIE SHOP steht. Gehörte in den 80ern auf der Kunsthochschule noch zu zur Liste der größtmöglichen Beschimpfungen. Kunsttherapie. Ein totales Vernichtungsurteil, das sich hier plötzlich anders las. Vielleicht war das zum ersten Mal die Nach-Kippenberger-Zeit: Der Wille, von sich selbst zu erzählen, nicht von Konzepten, Theorien oder Revolutionen. Und genau dabei aber mit Konzepten, Theorien und Revolutionen zu handeln.

Eine Ausstellung wird ja nicht deshalb diskursiv, weil sie diskursive Positionen zeigt, genausowening wie eine Museumsshow deshalb situationistisch wird, weil sie die Geschichte der Situationisten aufrollt. Situationistisch wird's natürlich nur, indem wir selbst situativ leben. Denn: In girum imus nocte et consumimur igni - zu Deutsch "In Kreisen schweifen wir durch die Nacht und verzehren uns im Feuer", oder, irgendwie dann doch adäquater übersetzt von pirate cinema"Ein Dandy mit Gazelle zagt nachts im Feuer nie
Den Film selbst gibt's übrigens bei Ubuweb. Er der zeigt zuerst eine längere Einstellung, die das Foto eines Zuschauerraums im Kino zeigt. Die Zuschauer starren auf die Leinwand und das Foto starrt die Zuschauer an. Und weil wir Zuschauer sind, beobachten wir uns beim Beobachten. Weshalb sich die Augen des großen Stoffelefanten im Ballhaus, den Christinas Mutter genäht hat, und der mindestens so träge auf der Seite liegt, wie ich selber oft träge auf der Seite liege, nicht auf dem Elefanten festgenäht sind, sondern an der Wand neben dem Stoffelefanten hängen und den Stoffelefanten anschauen.

An der Wand gegenüber wiederum steht aus weissem Faden um dünne Nägelchen geflochten der Satz ne espoir ni peur - weder Hoffnung noch Angst. Warum diese Bezugnahme auf Debords Film? Warum wird hier mit Situationismus gehandelt. In dieser Frage kündigt sich auch der Widerspruch an, den man zunächst mal hat. Situationismus ist so ein lustiges Esoterikding, auf das sich heute jeder bezieht, der sich für irgendwas engagiert. Gegen Rechts, gegen Globalisierung oder gegen sonst irgendwas. Ums kurz zu machen: Sich auf Situationismus zu beziehen, kommt wie so ein typisches Bethanien-Ding daher. Situationismus ist französisch genug, wirr genug und vor allem unübersetzt genug, um jedem, der sich links fühlt, eine mehr oder weniger esoterische Nutzlast zu verschaffen, mit der sich ein Wozu stets gut sublimieren lässt. Wobei nach wie vor in Frage steht, auf welchem Weg die "praktische Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Leben" hergestellt werden sollte.
Debords Kino war kein Frontalunterricht, sondern bezog den Zuschauer und seine Reaktion auf den Film im abgedunkelten Kinosaal teilweise in die Vorführung mit ein. Der Zuschauer soll in diesem Kino kein Zuschauer sein, sondern ein Teilnehmer, der mit seiner jeweiligen Disposition und seiner Reaktion auf das Geschehen die Vorführung beeinflusst. Oft zitiertes Beispiel hierfür ist der Film Hurlements en faveur de Sade von 1952, ein Film, der minutenlangen ein Schwarzbild zeigt, das gelegentlich zu weiß wechselte, wobei aus dem Off ein Text bestehend aus Zitaten über Jugend oder Revolution und aus Gesetzestexten eingesprochen wird. Beim "Hurlements", Geheul, handelt es sich um das Geheul der lautstarken Proteste eines empörten Publikums, das bei den Aufführungen tatsächlich stattgefunden haben soll.

So etwas ist heute kaum mehr vorstellbar. Zumindest nicht, wenn Debordfime auf die Leinwand geworfen werden. Zu Geheul kommt es gelegentlich noch, wenn im Alhambra "Tal der Wölfe" läuft. Und das liegt nicht an den Filmen, sondern an einem Publikum, das noch beim Erbringen von Hitlergrüßen von der Bretterbühne herab meeseabgestumpft tiefer in den Sessel sinkt und übersättigt ist, mit Schlingensief die Prononziation des Wortes Judensau einzuüben. Falsch wäre es aber zu glauben, ein Publikum wolle nicht mehr mit Herz und Stimme bei der Sache sein. Nur funktioniert's halt nicht mehr nur mit Porno, Snuff und Holocaust. Da oben aber, im Ballhaus, da hat es funktioniert. Und wie oft, wenn eine ungewohnte Sache funktioniert, merkt man's erst, wenn das Ding eigentlich schon vorüber ist. Und das war jetzt gerade. Schade. Schon vorbei.
Kai Hoelzner, 21.05.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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