Christina Zück | Kritik
Art goes battlefield

"Art goes Heiligendamm? Klingt wie Schulze gets the blues", sagt Ron. Alle im Auto kichern los. "Oder wie Frankie goes to Hollywood. Jedenfalls müssen wir uns das nachher anschauen - es soll eine temporäre Architektur in der Nähe des Demo-Geländes geben." Auf der Wiese neben der Autobahn tauchen jetzt Reihungen mit Polizeiwagen auf, ja sogar grüne Räumpanzer scheinen auf einen Angriff zu warten. Janneke erzählt, daß die IP-Adresse ihres Computers registriert wurde, als sie bei Map24 die Route nach Rostock abfragen wollte. Bei der Ankunft in der Stadt sind die Straßen leergefegt, überall Parkmöglichkeiten, kaum Menschen unterwegs, bis auf einige Einsatzkommandos, die in blauen und grünen Overalls mit kryptischen Reflektorbandmarkierungen ihre Posten einnehmen. Auf einer Hofeinfahrt kippen ein paar sechzehnjährige Punks den Papiermülleimer einer Firma um, zerschredderte Papierstreifen wirbeln wie Konfetti durch die Luft. Ein Junge mit einem schwarz-rot-gelb-gefärbten Zopf rennt in unsere Richtung und schreit kindisch: "Nein - ich habe damit nichts zu tun!"

Der Durchgang unter dem Bahnhof bildet ein Nadelöhr, durch das wir uns mit ein paar tausend Menschen quetschen müssen, um auf den Platz der Freundschaft zu gelangen. Hier ist der Sammelplatz der Demonstrationsbereiten. Eine Gruppe in Grün und Rot gekleideter Frauen führt eine Tanzperformance auf; sie stellen, vermute ich, Tomatenpflückerinnen beim Ausgebeutetwerden dar. Ihr lautes Deklamieren und das Knattern des Hubschraubers über uns werden schnell unerträglich, wir gehen weiter in die Menge hinein.
Neben uns kleiden sich ein paar Leute mit pastellfarbenen Umhängen und Kapuzen ein, die ein bißchen an den Stil von American Apparel erinnern. Sie beschriften Sprechblasenformen an Besenstielen mit Sätzen wie: "Anstatt vor der Glotze zu hängen, nutze ich meine Kreativität", und verteilen elegante weiße Augenmasken und ihren bunten Superhelden-Fummel an die Herumstehenden. Auf einem ihrer Flyer steht: "Der Kampf ums Überleben im Neoliberalismus hat uns alle zu SuperheldInnen gemacht. Denn Tag für Tag wird von uns das Unmögliche erwartet: ständig sind wir superflexibel, supermobil - und superüberflüssig!" Ich möchte jetzt auch so 'ne lavendelfarbene Vermummungs-Mütze plus Satin-Umhang. Meine BegleiterInnen machen nach und nach auch mit - wir sehen nun aus wie die Spermien in Woody Allens "Was sie schon immer über Sex wissen wollten". Olaf malt eine Zigarettenpackung auf sein Sprechblasen-Schild und schreibt daneben: G8 Kippen. Die Menge setzt sich langsam in Bewegung, und wir sind, ohne es beabsichtigt zu haben, Teil eines sogenannten Blocks geworden. Die Bunten fallen auf neben den teilweise recht militärisch aussehenden Kapuzenjackenträgern - "martialisch" wird das Adjektiv des Tages sein.

Die Menschenmenge wird an einer Unterführung über Bahngleise geleitet, es ist die Rede von einer Polizeiabsperrung. Einige der Demonstranten nutzen die Gelegenheit und sammeln die Steinbrocken ein, über die wir gehen müssen. Über uns auf der Brücke steht alle drei Meter ein Polizist mit Helm: das Bild einer Schießbudenfigur, die beworfen werden darf, blitzt auf im Bewußtsein der Menge. Ich werde mitgeschwemmt in der Flut der Masse unter der Brücke, ich habe Angst - nichts weiter passiert. Bei der nächsten Absperrung und Verengung vor einem Hotel fliegen Kracher. Die Stimmung ist beklemmt und nervös. In der Haupteinkaufsstraße haben die Römer mit ihren durchsichtigen Schutzschildern kleine Kohorten in Form von Schildkrötenpanzern gebildet. Zwei Männer, Zuschauer der Demonstration, die wie Sonnenstudiobesitzer aussehen, sind jetzt plötzlich in Bewegung, schwarze Kapuzenjackenträger rennen auf sie zu und schlagen mit ihren Fahnenstöcken auf sie ein, ein kurzes Gerangel vor den Augen der ungerührten Kohorte, die Schläger rennen davon.

Nach etwa zwei Stunden treffen wir auf einem weitläufigen, mit Geröll bedeckten Platz am Hafen ein. Ich setzte mich auf eine Treppe am Kai und packe ein Salamibrot aus. Neben mir höre ich ein paar Leute sagen, daß es besser sei, sich nicht so nah am Wasser aufzuhalten - wenn eine Panik ausbricht, fliegt man schnell rein. Alle möglichen Bedrohungszenarien malen sich weiter aus in den Köpfen der Teilnehmer. Der Platz kann zum Kessel werden, aber im Moment scheint alles ruhig. Die Leute sind etwas erschöpft, über uns kreisen tösende Hubschrauber, Ansagen tönen durch die Lautsprecher, der Wind ist arschkalt. Auf dem Platz entsteht ein Nebel aus aufgewirbeltem Staub, Nieselregen und dem Rauch der XXL-Grillspieß-Buden, vielleicht wurde schon Pfeffergas versprüht. Ich gehe auf dem Platz herum und betrachte das Szenario. Der Demonstrationszug kommt langsam an. Plötzlich, weiter vorne, löst sich die Menge auf und Menschen rennen in alle Richtungen. Ich renne los mit meiner Kamera in der Hand. Als ich stehenbleibe und zurückblicke, sehe ich in einiger Entfernung über den Köpfen der Zuschauer Steine hin und her fliegen, wie ein kleiner Kometenregen stehen sie fast in der Luft. Ich will ein Foto machen, aber die Höhe meines Blickwinkels ist zu niedrig, um die Situation angemessen zu erfassen. Ich haue besser ab.
Als Teil der Bier trinkenden und Räucherfisch essenden Demonstranten kriegt man fast nichts von den Ausschreitungen mit, nur Gerüchte. Es wird erzählt, daß der Auslöser der Prügelei ein vereinzelt auf dem Platz stehendes Auto der Verkehrspolizei - und nicht der High-Tech-Robocops - gewesen sei - es provozierte so sehr, daß es mit Steinen beworfen werden mußte. Die Texte der Abschlußkundgebung, die durch die Lautsprecher gegen den Hubschrauberlärm andröhnen, wiederholen unterdessen all die hoffnungsvollen politischen Wünsche von einer anderen Welt, die möglich ist.

Es wird Zeit, "Art goes Heiligendamm" suchen zu gehen. Das "Silver Pearl Congresscenter & Spa" der Architekten raumlabor_berlin ist schwer zu erkennen, da man sich bereits mitten drin stehend immer noch in einem Bauwagencamp der Aktivisten glaubt. Es besteht aus einer Bauwagensauna, einer Bar in Form eines Schlosses aus Styroporplatten und Euro-Paletten, einem Container als Pool, in dem Bierkästen gekühlt werden, einem Plastikplanen-Hotel und zwei großen Hallen, Lagerhallen oder Scheunen, von denen eine mit Bierbänken ausgestattet als Restaurant dient und in der anderen Videoinstallationen gezeigt werden. Der Witz, mit ein paar "armen" Materialien den G8-Austragungsort inklusive Zaun nachzubauen, ist etwas schal. "Ceci n'est pas le Grand Hotel Kempinski", ach nee.

Der Architekt von raumlabor zeigt uns das Hotel, ein sehr schön designtes Zelt mit mehreren Schlafkabinen. Er beneidet uns darum, daß wir heute abend wieder nach Berlin fahren. Er war vorher zwei Wochen in Duisburg, nach dem G8-Projekt muss er nach Budapest, und dann geht's wieder nach Duisburg. Er wünscht sich, mal einen Tag in seinem Büro arbeiten zu können. Seit ein paar Nächten schläft er in einem kleinen Boot der Hoteldirektion, und ist tagsüber hier Hoteldirektor. Vorhin waren die Bullen da, die haben mit weißer Plastikfolie überzogenen Felsbrocken auf dem Gelände untersucht, die dachten, das sei ein Steine-Depot des schwarzen Blocks. Adrienne Goehler hat ihnen persönlich erklären müssen, dass dies eine Kunstausstellung sei und alle seltsamen Objekte darauf eben Kunst.

Die Ästhetik der gesamten Ausstellung orientiert sich fast ununterscheidbar an der der politischen Aktivisten und ihren situationistischen, bunt-gebastelten Interventionen. Gezeigt werden zum Beispiel spezielle Kleider, die der Religionausübung in einer nomadischen Situation dienen, Allahs Name genäht als große Stoffwürste, demographische Verhältnisse dargestellt anhand von Reiskörnern und viele Videos. Ein Video, "Reale Reste" von der Künstlergruppe bankleer, zeigt Zombies, die in "urbaner Trümmer- und Abfallarchitektur" einer Plattenbausiedlung oder dem Tropical Islands Wasservergnügungspark vor sich hin dämmern. So stellen sich die Künstler vor, dass es aussieht, wenn der "unintegrierbare unsterbliche Rest" zurückkehrt und ein "unmenschliches Zwischenstadium des Seins" übrigbleibt. Ein Blick über den Platz am Rostocker Stadthafen zeigt eine ähnliche Situation, hier in der Realität hat Agambens (oder war es Zizeks?) Theorie zum Ausnahmezustand und zur Rückkehr des Verdrängten eine konkrete Form gefunden. Auch Andreas Rosts charmantes Video "Solo für Ramallah" weist Parallen zu dem auf, was im Moment draußen stattfindet: Wannenparade, Discoblaulicht, Hubschrauber-Choreografie, Eaux d'Artifice. Es zeigt einen Verkehrspolizisten auf einer Kreuzung in Ramallah, der das Dirigieren des Verkehrs tanzt. Seine Bewegungen erinnern an Electric Boogie oder an Jacques Tati. Im Gegensatz dazu folgt die Performance der rostocker Robocops einer Logik, die die Ausweglosigkeit einer klassischen Tragödie besitzt, und leider nur in der Gewalt ihre Kür oder ihren Ausbruch aus der Form finden kann.
Als wir uns auf den Heimweg machen, paradiert die Polizei immer noch mit Blaulicht-Konvois. Wir irren mit dem Auto an den gesperrten Straßen vorbei auf der Suche nach dem Weg zur Autobahn. Auf einer großen Kreuzung ist die Ampel zwar grün, aber vier Wassewerfer biegen um die Ecke, so daß die Autofahrer unschlüssig sind, ob sie nun weiterfahren sollen. Eine Autofahrerin, mesmerisiert vom Anblick einiger behelmter Jediritter, übersieht beim Linksabbiegen den Radfahrer, der ihr entgegenkommt. Er liegt auf dem Boden. Nichts weiter geschieht, die Wagen ziehen blinkend vorüber, die Polizisten, die an beiden Seiten der Straße stehen, rühren sich nicht.
Christina Zück, 06.06.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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