Christoph Bannat | Kritik

Gregor Schneider, Aktion im Magazin der Oper

„Der Film hat schon begonnen“, verkündete ein Schild am verschlossenen Kino, vor dem das pünktlich erschienene Publikum eine Stunde warten mußte.

Was das Publikum nicht wusste war, dass das Spiel mit ihren Erwartungen bereits im Drehbuch stand. So wurden sie zu einem Teil des Drehbuchs und der Film begann bevor er aufgeführt wurde und plötzlich gehörten alle Reaktionen zu einem möglichen Drehbuch. Das war 1952, und eine Aktion des Situationisten Maurice Lemaitre. Im selben Jahr wurde John Cage stilles Stück „4´33“ uraufgeführt.

1958 rief Yves Klein eine Ausstellung namens „Le Vide" ins Leben: eine vollkommen leere Galerie mit einer leeren Vitrine; lediglich das Schaufenster war blau angemalt. Den Besuchern wurde ein blauer Cocktail gereicht - der den Urin entsprechend färbte. Auch das eine Ausstellung die vor, oder ggf. nach der Ausstellung begann.
Gregor Schneider inszenierte im Magazin der Staatsoper unter den Linden seine spielerische Form von sozialer Plastik. Hier wurde das wartende Publikums, als durch die eigenen Erwartungen in Form gebrachte Masse, zur sozialen Plastik welche durch ein Ready-Made, die Architektur des Magazins, als vorgefundene Hülle schreiten sollte. Weiter gab es nichts. Das Magazin wurde durchschritten um auf der anderen Seite unverrichteter Dinge wieder raus zu kommen. Da gähn´ ich mir doch einen Kieferbruch.
Formal ist das Magazin bereits eine architektonische Attraktion und aufgeladen durch Jahrzehnte schwerer körperliche Arbeit. Vielleicht hätte seine Aktion in einem White Cube noch etwas. So bleibt nur ein schaler Geschmack von Verarschung. Und der Verdacht das Gregor Schneiders intellektuelle Bereifung - Schneider der als großartiger Psycho-Architekt mit biografischer Bodenhaftung begann - kein Profil mehr hat und der, seit seinem Venedig-Start 2001, einen Schleuderkurs fährt der im Magazin der Berliner Oper, seinem Glanzstück an Belanglosigkeit, den Totalschaden, sucht.


Christoph Bannat, 01.06.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Das ist meine Bewertung:

"Es war ein überzeugendes Werk, in dem das Publikum selbst zum Bestandteil des Werkes wurde, gleichzeitig Beobachter und beobachtetes Objekt in einem Environment, dem erwähnten Magazin, das den anderen skulpturalen Arbeiten des Künstlers in nichts nachstand. Ein Werk der Realkunst und gleichzeitig hochgradig fiktiv. Denn unter dem Publikum mischten sich circa. 100 Statisten, wie der Pressemitteilung zu lesen war, die nach dem Ereignis ausgegeben wurde. Wer war nun Statist und wer nicht? Der wütende Herr, der den Ort mit dem Ausruf 'So eine Frechheit' verliess? Was für eine schöne Reaktion auf ein Kunstwerk! Oder die Dame, die am Stock ging. Potentiell waren wir alle Statisten, in einem Stück, das wir nicht kennen und nicht kannten. Auch Ricoh, die so freundlich ihre Schokoladennüsse verteilte oder Eve aus New York, die geduldig auf den Fortgang der Ereignisse wartet."

Weiteres dazu im Blog. Dann mal gute Besserung

thw [TypeKey Profile Page] | 02.06.07

 

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