Gastbeitrag | Kritik

Kasseler Tupperparty

von Ralf M. Ritter

Documenta Kassel
16.06 - 23.09.2007


Aue-Pavillon
Foto: Julia Zimmermann © documenta GmbH / Julia Zimmermann

Tonnenweise Vorschusslorbeer. Kritiker, die alles aufsaugen, was Documenta-Leiter Roger M. Buergel von sich gibt. Zu seinen Vorträgen pilgern und seine Markenslogans empfangen wie Moses die zehn Gebote. Alles nachbeten. Dann vorab ein paar Infobrocken vorgeworfen bekommen und untertänigst ein paar Künstler und theoretische Hohlheiten hochschreiben. Sich wie Tanzbären am Nasenring herumführen lassen. Wettbewerb um die gefälligste Exegese.


Aue-Pavillon
Foto: Klaus Frahm © documenta GmbH / Klaus Frahm

Dann, nach dem ersten Rundgang: Hosen runter. Statt lichter Gehäuse und kommunizierender Kunst abgedunkelte Hühnerställe vor der Orangerie, die Wiese darunter asphaltiert. Oberstes Prinzip: Willkür. Hallen voller Gesinnungskitsch, präsentiert wie auf einer politisch korrekten Tupperparty. Gardinen vor den Fenstern und Leuchtspots auf die Kunst. Präsentations-Huibuh vor Fototapeten und Ethno-Gewerbe. Zielscheiben von Poul Gernes und die Schacht-Akkumulationen von Charlotte Posenenske übernehmen die Rollen der Clowns und Zigeunerinnen im Kleinbürgerzimmer, Fotos und Masken aus Afrika sind die exotischen Souvenirs eines in die Welt losgelassenen Pantoffelphilosophen, der die Documenta benutzt, um seinen lila Pullover als Trademark zu etablieren.


Sanja Ivekovic, Illustration für die Arbeit: Mohnfeld, 2007
© Sanja Ivekovic

Vor dem Fridericianum, wo ein Meer aus rot blühendem Mohn die Besucher empfangen sollte (und nicht weniger als auf gefallene Soldaten, den Drogenkrieg in Afghanistan und die Unterdrückung afghanischer Frauen hinweisen will), staubt eine Unkrautwüste. Vor dem Schloss Wilhelmshöhe aufgewühlter Erdmatsch und verschrumpelte Setzlinge statt grün schimmernder Reisterassen. Alles irgendwie angefangen, hingehauen, stehengelassen. Am Rand des Friedrichsplatzes dann was zum Lachen: G8 fand in Heiligendamm statt, kleiner Irrtum, macht nix. Die Schattenseiten der Globalisierung, gegen die Andreas Siekmann sein aufgeregtes Protestkarussel ankreiseln lässt, nirgends sind sie besser zu besichtigen als auf der aktuellen Documenta. Kulturelle Missverständnisse überall. Instrumentalisierung historischer Dokumente und lokaler Problematiken als intellektuelle Dekoration im großbürgerlichen Salon, als das diesmal das Fridericianum herhalten muss. Eine kleine Freitreppe wurde ihm in die Rotunde gebaut, damit der Kunstgott für 100 Tage zum wartenden (Medien)Volk hinabsteigen kann.


Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten, 2007
Das Karussell ist um das bestehende Denkmal Friedrichs II auf dem Friedrichplatz aufgebaut.
Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin © Andreas Siekmann

Jede Menge Wiederaufführungen esoterischer Befindlichkeitsscheiße. Lauter Zeug, das der selbstverliebten Dekorationswut des Kurators zuarbeitet, sich in seiner zur Oberfläche erstarrten Inhaltlichkeit in den Diskurs der ignoranten Besserwisserei widerstandslos einfügt. Kleine Highlights (z.B. James Coleman, dessen Werk sich mit inhaltlicher Präzision und formaler Perfektion Lichtjahre von den meisten anderen Arbeiten abhebt) ausgenommen; nicht alles konnte Buergel verhindern.


Courtesy: James Coleman; Marian Goodman Gallery; Simon Lee Gallery; Galerie Micheline Szwajcer.
Retake with Evidence, 2007 Performed by Harvey Keitel. Projected Film. © James Coleman

Und was schreiben die Kritiker jetzt, wo sich vorfreudiges Gejuchze an der Realität messen lassen muss? Wie Buergel, dem die Hauptattraktion Ferran Adria abhanden gekommen ist, wenden sie das Versagen in ein Versprechen: Nur Auserwählte dürfen am Luxusvergnügen teilhaben – im El Bulli auf Sponsorenkosten fressen, wenn sie Roger M. B. genehm sind oder die Documenta genießen, wenn sie sich dem Theorieschwulst der Buergel-Exegeten ergeben. Dann lieber ahle Wurscht und Dieter Roth – nächstes Jahr in Kassel, wenn die Museen alle wieder zurückgebaut und mit ihren großartigen eigenen Sammlungen bestückt sind.

Gastbeitrag, 18.06.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Habe diesen Beitrag sehr gerne gelesen. Was das Mohnfeld betrifft, finde ich es gut, dass sich dieses "Wahrzeichen" seiner Funktion (siehe lila Pullover) und Symbolik so vollständig entzieht. Was wäre wenn die Vermarktungskette des Mohnfeldes bzw jetzigen Brachfläche trotzdem funktionieren würde? Ich würde eine Postkarte kaufen.

Weiteres Öl ins Feuer der "kuratorischen Inkometenz" goss Herrn Wulffen http://thwulffen.blogspot.com/2007/06/leitmotiv-kuratorische-inkompetenz.html

Anke [TypeKey Profile Page] | 18.06.07

 

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