Christoph Bannat | Sonstiges
Neuer Zeitungscomic

Mit der Umstellung der "Frankfurter Rundschau" auf ein kleineres Format bekommen auch deutsche Zeitungsstrips weiteren Aufwind: Ab den 30. Mai erscheint in der "Frankfurter Rundschau" unter dem Titel "Im Museum" ein täglicher Strip von Sascha Hommer und Jan-Frederik Bandel. In dem Strip geht es um zwei Kinder, die in einem Museum eingeschlossen wurden. Der Nachwächter will sie nicht raus lassen, weil das angeblich gegen die Dienstvorschrift verstößt. Mit der Zeit merken die Kinder, dass sich in dem riesigen Museum die unglaublichsten Ausstellungen befinden.

Interview mit Sascha Hommer und Jan-Frederik Bandel
Christoph Bannat: Eine schöne Idee die Euch alle Möglichkeiten lässt bildende Kunst und den Ort Museum zu kommentieren. Wie seid Ihr auf diese Idee gekommen?
J.-F.B.: Wenn ich mich richtig erinnere, war das Museum zuerst gedacht als ein Ort der Geschichte – und zwar: der immer schon vermittelten Geschichte, also der ziemlich absichtsvollen Geschichtsschreibung. Das ist eine Frage, die wir schon länger mal in einem (anderen) Projekt angehen wollten: Wie wir im Comic mit historischen Phänomenen arbeiten können – ohne historisierende Kostümdarstellungen und in voller Kenntnis bildlicher, sprachlicher und erzählerischer Klischees. Natürlich kam dann schnell die Erkenntnis dazu, dass so ein Museum auch ganz andere Dinge enthalten kann, wenn man schon mal dabei ist. Kunst zum Beispiel. In einer der nächsten Folgen wird auch ein Werk von Dieter Roth eine Rolle spielen. Aber insgesamt ist der Strip noch in der Warmlaufphase.
C.B.: Geht es Euch dabei um Kunstwerke, oder Ausstellungsformen?
J-F.B.: Um eine Kritik oder Reflexion konkreter Ausstellungsformen geht es eher am Rande – sicherlich aber um die Probleme der Präsentation, Vermittlung und Rezeption. Unsere Protagonisten haben da auch ganz unterschiedliche Zugänge zu dem, was sich ihnen so darbietet im Museum...
S.H.: Im späteren Verlauf werden die Exponate stärker in die Handlung eingreifen als in der Anfangsphase, wo es erst mal darum geht, verschiedene Räume des Museums zu erkunden.
C.B.: Die Konstruktion der Geschichte lässt ja alle Möglichkeiten offen. Habt ihr eine Storyline festgelegt?
S.H.: Es gibt bislang eine grobe Storyline für einen Zeitrahmen von etwa einem halben Jahr. Was dann kommt, wird man sehen.
J.-F.B.: Wobei die Geschichte so strukturiert ist, dass es einen Großplot gibt, in den dann mehr oder minder umfangreiche, mehr oder minder geschlossene Episoden eingelassen werden. Im Moment befinden wir uns aber in der Exposition: Der Ort wird eingeführt, die Figuren, es gibt einige formale und inhaltliche Vorgriffe. Diese Zeit müssen wir uns und den Lesern lassen.
C.B.: Auf welchen Zeitraum ist die Geschichte angelegt?
S.H.: Der Zeitraum ist völlig offen. Manche Strips haben ja eine Laufzeit von Jahrzehnten, ob wir uns das allerdings wünschen, können wir heute nicht sagen. Vielleicht streiten wir ja bald.
J-F.B.: Streiten fände ich auch lustig.
C.B.: Gibt es eine Arbeitsteilung?
S.H.: Wir entwickeln die Strips gemeinsam, und ich setze das dann zeichnerisch um. Jan ist für einen Großteil der Texte verantwortlich, und gibt mir zu den einzelnen Strips Korrekturen.
J.-F.B.: Die momentan dominante Hauptfigur, der altkluge Junge, hat einen starken Hang zum selbstgefälligen Schwadronieren. Da schöpfe ich schon aus den Vollen.
C.B.: Welche Überlegungen spielen beim Entwickeln der Figuren eine Rolle?
S.H.: Die Figuren eines täglichen Strips müssen eine Interaktion ermöglichen, die über lange Zeit trägt, und dabei trotzdem spannend bleibt. Es ist sinnvoll, die Figuren mit sehr eindeutigen, zuweilen klischeehaften Charaktereigenschaften auszustatten, die dann im späteren Verlauf gebrochen werden können. Für mich sind z.B. die „Peanuts“ ein großes Vorbild. Der Witz entsteht hier oftmals aus einem Miteinander der Protagonisten, das nur lesbar ist, wenn man den Background der Figuren kennt.
J.-F.B.: Natürlich: Mit den Figuren fällt und steht der Strip. Dramaturgie und Komik eines täglichen Comics, die sich ja in vier Bildern entwickeln und auf eine Pointe kommen muss, kann überhaupt nur über die Figuren aufrecht erhalten werden.
C.B.: Der Kunstbetrieb hat ja die gute Eigenschaft alles zu vereinnahmen, das passiert in den unterschiedlichsten Formen auch mit dem Comic. Robert Crumb im Museum Ludwig, „Tauchfahrten“ in Hannover und Joe Coleman jetzt in den Kunstwerken- Berlin, dabei sind, soziologisch gesehen, beide Szenen weitestgehend von einander getrennt. Interessieren Euch solche Fragenstellungen, wo bildende Kunst beginnt und Comic anfängt?
S.H.: Kunst fängt dort an, wo die Kunstförderung anfängt. Alle anderen Fragestellungen finde ich als Produzent irrelevant. Eine inhaltliche Abgrenzung von „Kunst“ und „Comic“ ist immer auf Verallgemeinerungen angewiesen, die zu viele Ausnahmen von der Regel zulassen. Wenn jetzt teilweise Comics als Kunst gehandelt werden, von mir aus.
J.-F.B.: Ob Comics im Kontext bildender Kunst gut aufgehoben sind, ist schon die Frage. Denn natürlich geht es bei Comics um Sequentialität und eben um Reproduktion, gern auch massenhafte Reproduktion wie hier im Zeitungsformat. Wenn das dann in den Kunstbetrieb zurückgeschleppt wird, dann soll man sich geadelt fühlen: Toll, jetzt ist der Crumb auch im Museum Ludwig zu sehen. Und Klaus Theweleit hält einen Vortrag. Oder sonst wer halt. Interessant ist es natürlich, solche Prozesse anzusehen, zumal sich die Comicszene, wie wir sie jetzt sehen, natürlich in den neunziger Jahren ganz stark über den Kunstbetrieb konstituiert hat. Nur: Inzwischen gibt es starke Gegenbewegungen, und ich denke, unser Unterhaltungsprojekt hier ist durchaus Teil davon.
C.B.: Könnt ihr kurz sagen wie man Comic-Zeichner wird?
S.H.: Ich wurde mit Comics sozialisiert, und hatte dann schnell den Wunsch, so was auch selbst herzustellen. Schon in der Schulzeit habe ich meine eigenen Comics verkauft, das war meine Art mit der Umwelt, in diesem Fall dem Klassenverband und meinen Eltern, in Kontakt zu treten. So ist es geblieben. 2005 hat mich dann Dirk Rehm gefragt, ob ich für seinen Verlag Reprodukt ein Comicalbum zeichnen will. Seit ich dieses im Folgejahr veröffentlichen konnte, nehme ich mich auch selbst als professionellen Comiczeichner wahr.
C.B.: Was fasziniert Euch am Zeichnen und welche Vorbilder haben Euch geprägt?
S.H.: Die Zeichnung ist ein Medium, das immer sagt: „Ich bin nicht die Wirklichkeit, aber ich sage was über die Wirklichkeit“. Sich möglichst auf einem Punkt zu treffen genau zwischen einer mimetischen Weltvereinnahmung und diesem deutlichen Statement, Zeichen zu produzieren, das ist zum Beispiel Charles Schulz und Chris Ware in ihren Arbeiten hervorragend gelungen.
J.-F.B.: Und genau das ist natürlich auch der Grund, warum Comics so gut geeignet sind, Klischees historischer Überlieferung zu reflektieren und ästhetisch aufs Tapet zu bringen.
C.B.: Seht ihr Euch Ausstellungen bildender Kunst an?
S.H.: Ausstellungen besuche ich in erster Linie, um Freunde zu treffen. Die großen Museen der Welt kenne ich nicht.
J.-F.B.: Ist für mich etwas zu pointiert gesagt, im Grunde stimmt’s aber auch: Wir bewegen uns wohl beide, wenn, dann eher im Off-Bereich.
C.B.: Welche Künstler interessier(t)en Euch, oder haben Euch beeinflusst?
S.H. Ich finde es heute spannend, was Neo Rauch macht, früher haben mich aber auch konzeptionellere Geschichten wie die Arbeiten Peter Weibels oder der Situationisten interessiert. Ich bin allerdings nie so weit in die Kunstgeschichte eingestiegen, dass mir da ein fundiertes Urteil möglich geworden wäre.
J.-F.B.: Also, dass Dieter Roth als erste ausdrückliche Referenz in unserem Strip vorkommt, ist auch nicht ganz ohne Grund ...
C.B.: Als bildender Künstler verspüre ich, neben Bewunderung, auch Neid auf Comic-Zeichner. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Einerseits ist es meine Unfähigkeit Figuren zeichnerisch zu bewegen, dann habe ich Schwierigkeiten mich für einen Text, oder auch nur Textfragmente zu entscheiden, oder gar eine ganze Story im Kopf festzulegen. Auch wenn man von dem eben beschriebenem, im akademischen Sinne, nichts wirklich gut können muss. So kann, wenn die Text-Bildelemente eine stimmig und spannungsreiche Beziehung eingehen, dabei ja auch großartige Kunst entstehen. Außerdem glaub ich, dass, wenn man sich für zeichnerische Darstellung von Menschen interessiert, man am Comic nicht vorbeisehen kann. Der Neid besteht natürlich auch durch die Produktionsbedingungen, dass ein „Sich Expressionieren“, im Comicbereich nicht unmittelbar stattfindet, das Buch ist dort das Medium, wird es von Vielen Gekauft ist man erfolgreich. In der bildenden Kunst reicht ein bedeutender Sammler für den ersten Erfolg. Gibt es solche Neidgefühle bezüglich der Bildenden Kunst?
S.H.: Die bildende Kunst taugt für mich als Neidobjekt insofern nur, als es viel mehr Geldtöpfe gibt, die diesem Bereich offen stehen. Das bringt aber auch Nachteile mit sich; wo das Geld ist, sind auch Missgunst und Ärger nicht weit. Ich möchte nicht tauschen, so wie ich auch nicht ein anderer Mensch sein will. Was man sich nicht richtig vorstellen kann, kann man sich auch nicht wünschen.
J.-F.B.: Ich hab immer Schwierigkeiten, Neid zu entwickeln. Die Energie lässt sich besser nutzen.

www.fr-online.de
www.saschahommer.blogspot.com
www.jfbandel.de
Christoph Bannat, 10.06.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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