Esther Ernst | wo ich war

FELDMANN HANS-PETER - KELLEY MIKE - LEHANKA MARKO - DOKUMENTA 12 - SCHNEIDER GREGOR - KUNSTHALLE MANNHEIM

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FELDMANN HANS-PETER
WC-Anlagen am Domplatz
Skulptur Projekte Münster 07
+Auf dem Domplatz ist Markt. Menschen schieben sich an Ständen vorbei. Am Rand zwei Eingänge zu öffentlichen Toiletten. Nicht im dringendsten Notfall würde ich diese Klos benutzen. Aber hier ist alles anders. Hier sind die Skulptur Projekte und darin Hans-Peter Feldmanns Beitrag: die komplette Sanierung der beiden in den 50-iger Jahren gebauten Klos. Ist das denn jetzt noch Kunst, fragen sich die Medien und die Kulturtouristen, die da etwas hilflos in der, wie heisst es so schön, öffentlichen Bedürfnisanstalt herumstehen. Hm. Ich musste auf jeden Fall sehr lachen als ich davon hörte. Und selten habe ich so tolle Gespräche zwischen Toilettengästen und einer gut gelaunten Klofrau verfolgen können. Der Besuch war sogar ein kleines Erlebnis. Da kann man noch so viele kunstpädagogisch wertvolle Ausstellungen konzipieren, mit dieser Arbeit löst Feldmann viel mehr aus.

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KELLEY MIKE
Petting Zoo
Skulptur Projekte Münster 07
+Das ist natürlich irrsinnig komisch, wenn man in einen Innenhof läuft und dann plötzlich vor einem Circus-ähnlich gebauten Streichelzoo mit angelegter Koppel, einem Wohnwagen und einem kleinen Kiosk steht. Ein absolutes Kinderparadies, denn in dem überdachten Tierunterstand hängen vier grosse Videoprojektionen und was gibt es besseres als Fernsehen und Eselchen oder Ziegen zu streicheln... (die Kuh musste aufgrund ihrer Aggressionen wieder zurück auf den Bio-Hof). Aber so lustig ist das alles gar nicht. Unter den Screens steht eine Salzskulptur (an der die Tiere lecken). Eine aus der Kinderbibel nachempfundene Figur, nämlich Frau Lots: Die Familie Lots durfte als einzige aus der Stadt Sodom flüchten bevor Gott sie zerstörte. Aber Frau Lots hat sich nochmals umgedreht und erstarrte so zur Salzsäule. Die Videos zeigen drei "Lots Frau" genannte, natürliche Felsformationen. Das aber steht nur im Katalog, sonst wär ja die gute Stimmung futsch.

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LEHANKA MARKO
Blume für Münster
Skulptur Projekte Münster 07
+Aus der sprechenden Blume von Marko Lehankas schallte folgender computergenerierte Satz:
"Purzelbaum-Muschi hat gerade nichts zu tun. "
Darüber kann ich mich noch immer freuen (obwohl ich die Arbeit ansonsten gar nicht so besonders fand).

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DOKUMENTA 12
Kassel
+Mir ist trotzdem nicht ganz klar, wieso diese Dokumenta so schlecht werden konnte. Da gibt’s doch ne Menge Leute, die daran mitarbeiten und mitdenken. Eigentlich unvorstellbar, dass ein ganzes Ausstellungsgebäude mal locker in den Sand gesetzt wurde. Im extra für die Dokumenta gebauten Aue-Pavillon fühlt man sich wie im Flugzeug. Es drückt einem ständig in die Birne. Die Belüftung rauscht. Und feucht ist es trotz der hässlichen Alu-Vorhängen. Das unmögliche Lichtkonzept mit Theaterspots ist mir ein absolutes Rätsel. Bin ich im Archäologischen Museum? Oder auf einer Messe? Stellwände und Kojen. Viele kleine und kleinteilige Arbeiten. Wenig raumgreifende Installationen, grosse oder umfangreiche Arbeiten. Es ist eng und düster.
Selten ging ich so teilnahmslos durch eine Ausstellung.

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SCHNEIDER GREGOR
Weisse Folter
K21, Düsseldorf
+ich ahne schon seit längerem, dass ich klaustrophobisch veranlagt bin. Jetzt bin ich mir dessen ganz sicher. Schon im ersten, sehr engen Raum bekam ich Schweissausbrüche. Und als gegen Ende des Parcours eine Tür hinter mir zuschnappte und nicht wieder aufzudrücken war und es da kaum Licht gab, wurde ich langsam panisch, stiess mit meinem Kopf gegen eine Wand und beruhigte mich erst Minuten später, draussen an der frischen Luft bei den Seerosen am Teich.
Was bleibt also übrig von dem Besuch in der Geisterbahn? Die Anspielungen auf Guantánamo, die weissen Flure mit den leeren Gefängniszellen sind lächerlich, kulissenhaft, blöd. Interessanter könnte die Wahrnehmung in den mit verschiedenen Materialien ausgestatteten Räumen sein. Dann aber bitte ohne Darstellung und lieber mit der Feinheit, mit der das Haus ”u r“ in Rheydt konzipiert und über Jahre bearbeitet wurde.

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KUNSTHALLE MANNHEIM
100 Jahre Kunsthalle Mannheim
Mannheim
+ Das war ja ein einigermassen absurder Ausstellungsbesuch. Was sammeln die denn da Kraut und Rüben zusammen? Und stellen das dann auch noch so grusig aus. Wahnsinn. Und als wir uns nachts die Lichtinstallation von James Turell an den Aussenwänden des Museums ansehen wollten, wars dunkel, weil fünf nach zwölf, zu spät also, um diese Zeit wird Strom gespart und geschlafen.

Esther Ernst, 24.07.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Tatsächlich!

Zum Beispiel Aue-Pavillion:
Der Versuch über die Gewächshausarchitektur versprüht den Charme einer zweitklassigen Verbrauchermesse. Das schmerzt; mein Vorschlag: der Aua-Pavillion.

Lieblos & chaotisch abgestellte Objekte & nach dem Random-Prinzip aufgestellte Wände (vor allem im hinteren Teil), auf denen gelegentlich Bilder auftauchen (die aber manchmal über weite Strecken einfach mal leer bleiben) verursachten bei mir ein Gefühl tiefer Traurigkeit.

Der Pavillion vermittelt den Eindruck, als hätten alle am Aufbau beteiligen während der Arbeit Hals über Kopf fluchtartig die Räume verlassen. Im Gegensatz zur Arbeit 'Template' von Ai WeiWei hat hier die Natur aber leider nichts gerichtet. Vielleicht gibt 's ja noch ein Erdbeben – was allerdings schade wäre für die (wie ich finde) schöne Malerei von zum Beispiel Monika Baer.

Kaum ein Objekt, kaum einer Arbeit gelingt es, sich Raum verschaffen oder Kraft zu entfalten. Wirklich gelungene Werke entziehen sich einer differenzierten Betrachtung im Nebel des dilletantischen Umgangs mit den Räumen.

Einzig ist der rote Asphalt-Fußboden, der sich allerdings aufgrund seiner nicht sehr Hüft- & Kniegelenk schonenden Eigenschaften nur für gesunde, durchtrainierte Leistungssportler empfiehlt, ist stringent & durchgängig. Wie überhaupt die Farbe Rot ja die Symbolfarbe der Documenta ist, glaube ich.

Zutiefst verunsichert & ratlos verließ ich die Gewächshäuser & bemerkte beim Betrachten der Service-Container staunend die überaus gelungene Verschmelzung von Typografie, Logo & dem nicht vorhandenem Konzept der Documenta zu einer beispielhaften Corporate Identity des Scheiterns – & das macht nun wirklich Sinn. Chapeau!

Armin [TypeKey Profile Page] | 25.07.07

 

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