Markus Wirthmann | Sonstiges

Geisterschiffe und Kunstpreise

Die Mary Celeste war eine Brigantine (zweimastiges Segelschiff), das 1872 auf halbem Wege zwischen den Azoren und Portugal verlassen im Atlantik treibend aufgefunden wurde. Wie es dazu kam, ist bis heute ungeklärt. Die Mary Celeste ist eines der berühmtesten Geisterschiffe. (Quelle: Wikipedia)

Es ist nicht anzunehmen, dass der Celeste Kunstpreis nach eben jenem Geisterschiff benannt worden ist. Eher ist davon auszugehen, dass der Name ein Derivat der italienischen Vokabel für himmelblau oder himmlisch ist. Ins Leben gerufen wurde der Preis nämlich 2004 von dem in Rom lebenden Briten Steven Music. Im Frühjahr wurde ein Ableger in Großbritannien gegründet, und vor kurzem ging die Ausschreibung an zahlreiche Galerien und Künstler in Deutschland.
Die mit der Ausschreibung verbundenen Bedingungen erscheinen mir allerdings schleier- wenn nicht sogar geisterhaft. Beim weiteren Studium derselben kommen mir immer mehr seemännische Fachausdrücke in den Sinn: Seelenverkäufer, Schanghaien, Seemannsgarn, Kalfatern, Pilotenspiel - ach nee, das ist jetzt was anderes ...

Obwohl der Preis sich im Untertitel als „Wettbewerb zur Förderung zeitgenössischer Kunst in Deutschland“ avisiert, sind ausschließlich zweidimensionale Werke mit einer maximalen Kantenlänge von 250 cm zugelassen. Zwar ist ausdrücklich auch Video erlaubt, dies aber auch nur in einer maximalen Datenmenge von 2 Gigabite. Weiterhin zugelassen sind „Installationen, die an der Wand angebracht werden können“. Hm, was hat man jetzt darunter zu verstehen? Und ist damit nur eine einzige Wand gemeint? In der Regel ist eine Installation ja ein vielteiliges und mitunter dreidimensionales Werk.
In Großbritannien ist die Formulierung eindeutig: „A prize to promote painting in it´s widest sense“, also alles, was an einem vernünftigen Fischerdübel hängen bleibt. Und wenn mich nicht alles täuscht, ist er in Italien auch noch auf figurative Kunst beschränkt. Als mich das letzte Mal ein solch beschränktes Ausschreibungsgewurschtele erreicht hat, war der Auslober, glaube ich, eine ostunterfränkische Kleinbrauerei.

Geködert wird mit zwei Geldpreisen, einer für Studenten in Höhe von 8000 und einer für Nicht-Mehr-Studenten in Höhe von 12000 Euro. Das ist eine ganze Menge in einer Berufssparte, die laut irgendwelcher Statistiken (es gibt eine ganze Menge davon) im Normalfall und Durchschnitt unter 1000 Euro pro Nase und Monat erwirtschaftet. Mit der Teilnahme von Profis kann man eigentlich nicht ernsthaft rechnen, da das Kunstwerk im Falle des Preisgewinns unentgeltlich in den Besitz des Auslobers gerät. Hier rechnet wohl irgendjemand mit einer Menge Naivität auf Künstlerseite, und hofft ein Schnäppchen zu machen.
Auch die zu entrichtende Teilnahmegebühr kann sich sehen lassen! Für den Einfach-Künstler sind 60 und für den Studenten 50 Euro fällig. Bei Online-Anmeldung reduziert sich der Betrag um jeweils 10 Euro - man spart sich ja einen Haufen Papierkram.
Es ist nicht sonderlich schwer abzuschätzen, wieviele Anmeldungen nötig sind, um die Preissummen komplett zu refinanzieren. Dann sind schätzungsweise noch ein bis zweimal soviel Leute notwendig, um die Organisationskosten inklusive Honorare aufzubringen und jeder weitere Einzahler mehrt den Reichtum des Vereins, welcher extra zur Durchführung des ganzen Wettbewerbs ins Leben gerufen wurde und dessen Mitglied man bei Überweisung der Anmeldesumme für ein Jahr wird.

Wenn man sich weiter durch den Dschungel der Celeste-Kunstpreis-Website und die Ausschreibungsunterlagen hangelt, fallen noch einige weitere Merkwürdigkeiten ins Auge, die ich hier im Anschluss einfach kommentarlos aufliste. Was mir alledings anhand dieser Liste überaus verwunderlich scheint, ist die Tatsache, dass sich unter diesen Bedingungen gleich zwei Persönlichkeiten des Berliner Kunst- bzw. Hochschulbetriebes gefunden haben, die mit ihrem Namen für so einen Preis einstehen (fairerweise sei erwähnt, dass einer der beiden Namen inzwischen wieder von der Liste verschwunden ist).

Die Kunstwerke der beiden Preisträger der Geldpreise gehen unentgeltlich in das Eigentum von CELESTE e.V. über.
Die Preisträger der Einzelpreise werden von den Finalisten durch Abstimmung gewählt.
Den 60 Finalisten, deren Kunstwerke ausgestellt werden, obliegen auf eigene Kosten und in eigener Verantwortung: Der Transport des Kunstwerkes zum und vom Ausstellungsort Die Versicherung des Kunstwerkes während des Transports und der Ausstellung An- und Abreise sowie Aufenthalt in Berlin während der Ausstellung und der Preisverleihung
Während der Ausstellung übernimmt der Verein insbesondere keine Haftung für Verluste und Beschädigungen der Kunstwerke, die von irgendeinem der folgenden Ereignisse verursacht werden: Diebstahl, Vandalismus, Brand, Erdbeben, Terrorismus; andere Ursachen höherer Gewalt sowie leichte Fahrlässigkeit
Der Künstler, der am 15 März 2008 um 12 Uhr die Mehrheit der Stimmen erhalten hat, ist der Gewinner der Online-Abstimmung. ... Ein Geldpreis ist nicht vorgesehen.
Eine Ausgabe des Kataloges wird auf Anfrage kostenfrei an jeden Teilnehmer des Celeste Kunstpreis 2008 verteilt. Der Katalog kann an den Ausstellungstagen persönlich oder per Post (Portokosten trägt der Künstler) angefordert werden. Weitere Ausgaben des Kataloges können die Teilnehmer mit einem Rabatt von 10% auf den Verkaufspreis erwerben.
Der Verein und der Organisator erhalten zudem zeitlich unbeschränkt das Recht, die Abbildungen der teilnehmenden Kunstwerke in allen drei Celeste-Kunstpreisen (in Deutschland, Italien und Großbritannien) oder in eventuellen zukünftigen kulturellen Veranstaltungen bzw. weiteren Kunstpreisen im Internet sowie in Druckwerken zu verwenden.
Die Kuratoren für die Auswahl der Finalisten sind: Herr Prof. Michael Fehr und seine Klasse von “Kunst im Kontext”, Universität der Künste, Berlin

Markus Wirthmann, 29.07.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Vielen Dank für deinen Kommentar..
treffend geschildert, leider ist dieses Geschäftsgebären inzwischen verbreitet, meistens von Leuten, die sich auf diese "billige" Art und Weise selbst profilieren wollen.

Ohne mich. Gott sei Dank, habe ich nicht das Geld, mich bei jedem Pfurzverein anzumelden und Möchtegern Kuratoren für zweifelhafte Dienste, das Geld in den Rachen zu stecken. Seriöse Galerien investieren erstmal in Ihre Künstler, statt sie von vornherein abzuzocken. Im übrigen können wir Künstler uns auch selbst organisieren und ProduzentINNEN Galerien eröffnen, womit ich hierzu aufrufen möchte...

Organisiert euch selbst, lasst uns die Krebsgeschwüre am Arsch der Künstler sprich Kuratoren, abschaffen!!

xberg66 [TypeKey Profile Page] | 10.10.07

 

Zur Information: Aus den im Artikel genannten Gründen, die mir bedauerlicherweise zum Zeitpunkt meiner Zusage, als Juror an dem Preis mitzuwirken, nicht bekannt waren - der Verein wurde erst später gegründet und ist, wie sich jetzt herausstellt, nicht gemeinnützig - habe ich meine Mitarbeit am Celeste Kunstpreis zu Beginn dieses Monats aufgekündigt.
10.10.07, Michael Fehr

mf [TypeKey Profile Page] | 10.10.07

 

es ist überaus wichtig, künstler vor derartigen machenschaften zu warnen, da viele gefahr laufen, darin einen hoffnungsschimmer zu sehen.
es ist unglaublich, wie viele die mitunter verzweifelte situation vieler künstler auszunutzen versuchen.

vielleicht wäre eine art tüv für ausschreibungen eine idee. eine art prüfsiegel, welches anzeigt, das eine ausschreibung als seriös anzusehen ist. kommt sie ohne, ist skepsis angesagt.
(jaja, ich weiß, theoretisch denkbar - praktisch wohl eher schwierig)

dr.n. [TypeKey Profile Page] | 11.10.07

 

zur Information:
die neuen Kuratoren für die Auswahl der Finalisten sind nun nach dem Rücktritt von Herrn Michael Fehr und seiner Klasse:

Frau Angelika Richter (freie Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin)
Herr Raimar Stange (freier Kunstkritiker und Kurator)
Herr Thomas Wulffen (freier Journalist und Kunstkritiker)
Herr Andreas Schlaegel (Künstler, Kritiker und Kurator)

evt haben diese auch noch nicht alles über den Kunstpreis gelesen.

schana [TypeKey Profile Page] | 19.10.07

 

also ich versteh die ganze aufregung über celeste nicht. gerechtigkeitshalber müsstet ihr euch über FAST ALLE anderen Kunstpreise ebenso aufregen. Die fahrkosten oder ausstellungskosten werden nach meiner erfahrung kaum oder nur zum gerigen teil zurückerstattet. (DAAD, Eidg. Stip. CH) Es gibt div. preise, die als preisgeld den ankauf des werkes vorsehen. Wie seht ihr denn die praxis, für relativ wenig geld (800-1200 €) in irgendeinem kleinen ort verweilen zu müssen (pflichtanwesenheit)? Dass die miete für wohnung, evtl. atelier zu hause weiter zu tragen sind, scheint niemanden zu stören; dass die kleinen jobs in der heimatstadt dazu noch wegfallen, ist nur denen egal, die sowieso von mama+papa gesponsert werden.
Schaut man mal beim BBK nach, der sich vehement gegen den celeste-kunstpreis einsetzt, gibt es so tolle Wettbewerbe, bei denen man HIV+ sein muss (oder jm. kennen muss) um daran teilzunehmen. Das ist viel kritischer, meiner meinung nach.
Ausserdem wundere ich mich darüber, warum andere einen vor dem bösen warnen wollen. Jeder kann doch frei entscheiden.
fj

fj [TypeKey Profile Page] | 27.10.07

 

zum beispiel: ebenfalls beim bbk gefunden:
Künstlerhaus Lauenburg/Elbe
Die Stadt Lauenburg/Elbe schreibt 4 Stipendien für folgende Bereiche aus: Grafik, Malerei, Fotografie, Neue Medien und Literatur. Das Stipendium beträgt 6 Monate (1. Mai bis 31. Oktober 2008)

Das Wohn- und Arbeitsstipendium beinhaltet freie Wohnung und Ateliernutzung. Jeder Stipendiat erhält während des Aufenthaltes im Künstlerhaus monatlich 625,- € netto zur Bestreitung des Lebensunterhaltes. Die Miete, inkl. Heiz- und Betriebskosten werden zusätzlich gewährt. Für die Einzelausstellungen (pro Stipendiat eine) wird ein Zuschuss gewährt. Die Stipendiaten sollen den weit überwiegenden Teil des Stipendiums in Lauenburg verbringen und die Verantwortung für die Galerie übernehmen. Desweiteren wird erwartet: eine Einzelausstellung bzw. Lesung und ein Künstlergespräch, sowie eine gemeinsame Vernissage und Finissage. Gewünscht wird auch die Beteiligung an Projekten zur Förderung von Kunst und Kultur als pädagogischem Auftrag. Die Exklusivität der Produktionen im Künstlerhaus wird vorausgesetzt. Weitere Ausstellungen, Aktionstage, Gesprächsrunden zur Förderung der Öffentlichkeitsarbeit - auch an anderen Orten in Lauenburg und Schleswig-Holstein - werden nach Möglichkeit unterstützt.

für 626 € :Verantwortung für die Galerie übernehmen! Gewünscht wird auch die Beteiligung an Projekten zur Förderung von Kunst und Kultur als pädagogischem Auftrag!
Exklusivität der Produktionen im Künstlerhaus wird vorausgesetzt!
Einzelausstellung bzw. Lesung und ein Künstlergespräch, sowie eine gemeinsame Vernissage und Finissage!
+Die Stipendiaten sollen den weit überwiegenden Teil des Stipendiums in Lauenburg verbringen

DAS IST UNVERSCHÄMT!

fj [TypeKey Profile Page] | 27.10.07

 

Ach übrigens, das Personalkarussell dreht sich weiter: Schon bei der Pressekonferenz zum Celeste-Kunstpreis am 25.10. war von Angelika Richter als Mitglied der Jury nicht mehr die Rede. Dann steht´s ja jetzt drei zu drei (wenn man mal von den Studenten des Fachbereichs "Kunst im Kontext" absieht).
Na hoffentlich haben die übrig gebliebenen die Ausschreibungsunterlagen auch gelesen.

Neben der höflichen Bekundung seiner Freude an der Mitwirkung in der Jury, erwähnte Thomas Wulffen die Vorbehalte gegenüber dem Kunstpreis, gab sich jedoch zuversichtlich, diese in weiteren Gesprächen ausräumen zu können. Na dann mal los: thwulffen.blogspot.com

Markus Wirthmann [TypeKey Profile Page] | 30.10.07

 

Zur Information:

1.

Der gemeinnützige Verein CELESTE e.V. wurde 1. März 2007 gegründet.

Das Treffen mit Prof. Fehr fand am 5. März 2007 statt, während dem er durch mündlichen Vertrag die Rolle als Juror des Celeste Kunstpreises angenommen hatte.

Die Bestätigung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt erfolgte im Juli 2007.

Prof. Fehr war 7 Monate lang, bis Anfang Oktober 2007, Juror des Preises.

Die neue Jury wurde während der Celeste Kunstpreis Pressekonferenz am 25. Oktober 2007 offiziell bekannt gegeben (siehe Pressemitteilungen Celeste Kunstpreis auf www.celestekunstpreis.de)


2.

Nach Überlegungen des Vereinsvorsitzenden von Celeste e.V. ist die Bedingung „Die Kunstwerke der beiden Preisträger der Geldpreise gehen unentgeltlich in das Eigentum von CELESTE e.V. über“ im Oktober 2007 entfallen.

celestekunstpreis [TypeKey Profile Page] | 01.11.07

 

Als teilnehmender Künstler und somit Beteiligter am Celestekunstpreis fühle ich mich genötigt, kurz ein paar Zeilen zu der Kritik der unbeteiligten Miesepeter zu sagen, um nicht denen die Meinungshoheit zu überlassen. Aus meiner Sicht ist es wie folgt:
Die Organisatoren sind super nett, die Atmosphäre offen und vertrauensvoll. Über alles wird man als Beteilgter per Email informiert, Fragen werden umgehend freundlich und ausführlich beantwortet. Es ist alles transparent, die Teilnahmebedingungen sind vorher bekannt gewesen und haben sich nicht geändert. Die Location für die Ausstellung ist echt cool und zeigt das Engagement der Organisatoren - und verspricht eine super Preisverleihungsparty! :) (Fotos gibt es ja dann im Internet) Es ist übrigens falsch, dass der Celesteverein die Preisträgerbilder unentgeltlich bekommt, denn 8000 bzw 12000 Euro Siegerprämie wird wohl kein Künstler als Zumutung betrachten.
Warum die Angst + Kritik vor allem Neuen? Gebt doch dem Neuen eine Chance! Die Künstler die ich kenne sowie ich selbst machen das!

Dies von einem Beteiligten. Keep cool! K. Hertel

K. hertel [TypeKey Profile Page] | 26.03.08

 

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