Markus Wirthmann | Vorschau
Die Stapelstadt
La Ville Spatiale
Yona Friedman
DEsign Island, Second Life, Culturegion (141, 215, 61)
September bis Dezember 2007

Motnok Willis vor einer Fotografie von Yona Friedmann
Yona Friedman ist Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner und – Visionär.
Friedman wurde 1923 in Budapest geboren, lebt und arbeitet seit den fünfziger Jahren in Paris und veröffentlichte dort die Manifeste "L’Architecture Mobile" und "La Ville Spatiale". Mit diesen Texten aus den sechziger Jahren und den darin entwickelten Entwürfen hat er sich den Ruf des Visionärs zurecht erworben. Eine weltweite Fangemeinde feiert sein Werk in zahlreichen Ausstellungen und Symposien – und das nicht nur in Architektenkreisen: 2002 war er zur documenta 11 eingeladen und 2003 war seine Arbeit bei der Biennale in Venedig zu sehen.

Helfe Ihnen führt durch das Dokumentationszentrum von La Ville Spatiale
Entscheidend für die Ville spatiale ist das, was ich als 'räumliche Infrastruktur' bezeichne: ein mehrgeschossiges Raum-Rahmen-Gitter, das in weiten Abständen von Pfeilern getragen wird (…). Diese Infrastruktur bildet den festgelegten Teil der Stadt. Der mobile Teil besteht aus den Wänden, Grundplatten, Trennwänden, die eine individuelle Raumaufteilung möglich machen – er ist sozusagen die 'Füllung' der Infrastruktur. Alle Elemente, die sich in direktem Kontakt mit dem Benutzer befinden (d.h. die er sieht, berührt usw.) sind mobil, im Gegensatz zur Infrastruktur, die kollektiv genutzt wird und festgelegt ist. Yona Friedman, Architecture Mobile , 1960

Im Hintergrund Zeichnungen von Yona Friedmann zu La Ville Spatiale
Die Ideen, die seinen Schriften zu Grunde liegen, wurden, wenn überhaupt, erst in den späten Jahren des zwanzigsten Jahrunderts in einer architektonischen Praxis untersucht. So zum Beispiel durch Frei Otto, der mit den "Baumhäusern" zur Internationalen Bauausstellung 1985 in Berlin-Tiergarten einen Entwurf vorlegte, der der Utopie einer "Ville Spatiale" grundsätzlich nahe kam. Es geht darum eine Großstruktur zu entwickeln, in die die Architektur der Individuen sich wiederum einpasst. "La Ville Spatiale" stellt sich in den Illustrationen Friedmans als lockeres regalartiges Raumsystem dar, dass die Großstadt komplett überwandert und durchsetzt.

Dokumentationszentrum von La Ville Spatiale. Die Kreise im Hintergrund begrenzen die Struktur zur Seite
Stephan Lorenz studierte Kunst in Braunschweig und Hamburg, ist seit Jahren an verantwortlicher Stelle in der Werbung, hauptsächlich online, tätig - und ist aller Warscheinlichkeit nach auch Visionär. Als solcher betreibt und gestaltet er seit Anfang diesen Jahres "DEsign Island", ein "Labor für Kunst, Design und Architektur im Datenraum von Second Life". Dort wird augenblicklich in einem experimentellen Aufbau die "räumliche Stadt", so die wörtliche Übersetzuung von "Ville Spatiale", einer virtuellen Praxisprüfung unterzogen.

Originalzeichnungen und Texte zu La Ville Spatiale und L'Architecture Mobile
DEsign Island ist ein virtueller Raum, der zur Visualisierung kreativer Ideen genutzt werden kann. Ein Ort, an dem eine interessierte Community aus Künstlern, Architekten und Designern Ideen entwickelt, ausprobiert und vorstellt, ohne dabei den Bezug zum wirklichen Leben zu verlieren. Stephan Lorenz

Zeichnung zu La Ville Spatiale
Eine ideale Umgebung, um künstlerische und architektonische Visionen umzusetzen – besonders wenn sie nicht nur struktureller oder formaler Natur sind, sondern wenn sie, wie im Fall von Yona Friedmans Entwürfen eine soziale Interaktion einfordern können.
Vor wenigen Wochen reiste Stephan Lorenz nach Paris, um Yona Friedman von seinen Plänen zu überzeugen, eines seiner frühen Projekte umzusetzen. Allem Anschein nach war die Tour erfolgreich; am 24. Juli fand ein erstes Informationstreffen von interessierten SL-Einwohnern statt, darunter eine ganze Reihe von Künstlern und Architekten – sowohl aus dem Second- als auch aus dem First-, also Real-Life. Jetzt kann es an die Arbeit gehen: Für 2000 L$ (Linden Dollar, der einheimischen Währung) ist der interessierte Avatar eingeladen 400 virtuelle Qadratmeter in der Metastruktur zu mieten und zu besiedeln.

Motnok Willis über DEsign Island mit den aktuell stattfindenden Projekten: La Ville Spatiale rechts unten und Rundgang 2007 im SL-Gebäude der UdK Berlin links oben
Der Witz an einer Simulation eines solchen Projektes in SL ist ja, dass du im Idealfall weit über eine reine Visualisierung hinausgehen kannst. Die Struktur wird gestellt und dann gehen eine ganze Reihe von Avataren mit verschiedenen Ideen vom Ganzen rein und bauen sich ihr kleines Kuschelzuhause. Am Schluss haste dann was ganz Amorphes, was einer allein gar nicht so hätte entwickeln können. Motnok Willis - aus dem Chatprotokoll
Interessenten wenden sich inworld via IM an: Helfe Ihnen oder teleportieren direkt nach DEsign Island.
Markus Wirthmann, 26.07.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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