Martin Conrath | Kritik

XIV. ROHKUNSTBAU ®

Lieber R.

wie Du weißt, beobachte ich gerne kuratorische Kür-Einlagen im Pflichtprogramm Kunst und so bin ich am Samstag nach Sacrow zur Eröffnung der Abteilung Bildende Kunst des XIV. Rohkunstbau®-Festivals ins Grüne gefahren. Das wurde nötig, weil mir die vorab vermittelte Thematik "Drei Farben – Weiß" in Kohärenz mit "Gleichheit, Demokratie und Individualität" in der Bildenden Kunst nicht zwingend einleuchten wollte.

Durch einen ungefähren Rest eines Linné-Parkes gelangte man zu Fuß ans Schloss und in die brave Warteschlange derer, die bevor hinein-, erst gleichviel herauskommende Besucher abgezählt an sich vorbeiziehen lassen mussten. Vom Schloss gabs innen dann auch nur Reste, weil erst die Nazis das Barock und später dann DDR-Grenzzöllner das Übermenschliche entfernt und abgerockt hatten. Das ist wichtig zu wissen, weil das Festival "ortsbezogener, zeitgenössischer Kunst" gewidmet ist und die zeitbezogenen Ortsgenossenschaften kuratorischer Schwärme sich gerne und bevorzugt in desolaten Locations aufhalten.

Und dann gings los: Ein wandgroßer (-> site-specific) weißer (-> weiß) Plastikalgenvorhang (-> site-specific) von Ayse Erkmen behinderte ein wenig den Blick nach draussen und sollte " den Raum in ein Märchenschloss verwandeln". Das wollte mir in der stark renovierungsbedürftigen Butze nicht wirklich gelingen. Weiß aber war das Ding. Zwei Großfotos architektonischen Inhaltes von Ola Kolehmainen, nicht weiß, aber eines mit barockem Schlosshof (-> site-specific), das andere mit kopfstehender Betonecke (-> Gleichheit) schließen die Ausstellung mit "verschiedenen Blickwinkeln des Künstlers" nach rechts ab. Nach links führt der Parcour zu einer Videoinstallation von Jaroslaw Flicinski – auch nicht weiß – in der ein unbekannter Mann vor gemalten kachelähnlichen Hintergründen drollige Bewegungen macht. Das erinnerte mich an Jaques Tati. Wer der Mann ist, weiß auch der Künstler nicht (-> angeblich, Fake), aber man kann sagen, "jeder Mensch ist verschieden und dennoch sind alle Menschen gleich" (-> Gleichheit, Demokratie, Individualität und so). Dem folgt der Raum von Thomas Rentmeister mit einem wandgroßen (-> site-specific) Wäschestapel (-> weiß), dessen Ritzen mit Würfelzucker, Tampons, Watte und Wattestäbchen (-> weiß) abgedichtet sind. Das passte alles, sollte aber dann auch einen "Traum von Reinheit" vorstellen (deswegen der Zucker), der wohl in den Wochen der Präsentation etwas schmuddelig (-> Demokratie) werden wird. Danach wurde es wieder dunkel (-> nicht weiß) und Julian Rosefeldt zeigte eine 4-Kanal Videoinstallation, deren Takes im Schloss und seinen Umgebungen aufgenommen worden waren (-> site-specific). Im Dunkeln bellende Schäferhunde, ein Skinhead, der ins Wasser geht, ein Mann mit Greifvogel an nebligem Wasser und ein Kai, an dem ein Schiff voller die deutschen Fahnen schwenkender Passagiere vorbeifährt "verbindet die deutsche Romantik mit aktuellen Fragen der nationalen Identität (-> Demokratie, Individualität etc.). Die Arbeit ist gut, das Geschwätz ist eher mau.

Damit ist das Erdgeschoss abgegessen und man knarzt ins 1. OG. Sex sells, besonders als "site-specific" verkaufter, und so steuert Gil Marco Shani Zeichnungen (-> ziemlich weiß) und ein Gemälde (-> schwarz, unbunt) bei, "die in ihrer geschlossenen Emblematik erschütternd wirken", weil Gewalt und Unterdrückung "Bilder in Zeichen gesellschaftlicher Verwerfungen verwandeln" (-> etc.). Das muss man auch wissen, wenn man Soldaten, Schäferhunde (-> site-specific), Fickende und im Kabinett beiseite gestellte Rahmen anschaut. Danach wirds schon wieder noch nicht weiß, sondern zur Abwechslung bunt. Candice Breitz widmet sich der Werbung und dem Pop und schneidet aus Agenturvorlagen bekannte Liedtexte und -verse aus. Dass dahinter dann Spiegel hervorblitzen, hat zwar mit weiß und/oder Demokratie nichts zu tun, aber mit der wiedergefundenen Realität (-> site-specific). "Die Gleichheit dieser Sprache kontrastiert mit der Individualität (-> Individualität) der Gefühle (-> eventuell Demokratie) in verletzender Weise (-> irgendwie beleidigt). Der etwas volle Beuys-Raum in dem Marie Chevska zwischen Deutsch, Polnisch, Englisch und Französisch argumentativ wechselt, bezieht sich auf Kieszlowskis Film "Drei Farben - Weiß" (-> weiß) und beschriebe "das zerbrechliche Gleichgewicht des Menschen zwischen öffentlicher und privater Sphäre" wenn ein solches in der Ausstellung denn bestünde. Thomas Demand "nimmt den Betrachter aus seiner Verantwortung" (-> Demokratie) indem er das Szenario eines Pressebildes zu einem mißglückten RAF-Anschlag in Karlsruhe nachbaut und dann fotografiert. Das Bild zeigt eine Eigenbau-Granatwerfer-Konstruktion (-> Individualität) an einem Wohnungsfenster (-> Butze). In unmittelbarer Nähe zum Verfassungsgericht (-> demokratie) zündete die Konstruktion 1977 aber nicht. Im Kuratorendeutsch heißt das dann "vereitelter Anschlag" und nimmt, obwohl weder weiß noch demokratisch noch individuell oder gleichwie, wirklich jeden aus jeder Verantwortung. Last but not least hängt in einem kleinen, leergeräumten Amtsstübchen dann auch noch ein kleines graues Bild von Gerhard Richter (-> nicht weiß, Gleichheit), auf dem Fingerspuren zu sehen sind (-> Individualität, Fake). Das daran site-specifigge wollte sich erst nicht einstellen, kam dann aber ganz von selbst mir doch noch unter die Augen: die Alarmanlage. Die "Richter eigene Indifferenz von Bewegung und Stillstand" versetzte mich dann – ganz entschieden different – hinaus ins Freie. Dort schien die Sonne.

"2007 thematisiert die Ausstellung "Drei Farben – Weiß" das Thema Gleichheit und will sowohl die öffentliche Reflexion über den Umgang mit den demokratischen Werten, als auch die individuelle Auseinandersetzung mit ihnen anregen." "Einlullen" wäre ein ehrlicherer und passenderer Ausdruck gewesen. Mit solchem Petersburger Spritzbewurf macht man zwar Wände voll, aber offenbar auch Köpfe leer und so ist die Ausstellung ein öffentlicher (-> Demokratie) und ansonsten gleichgültiger Missbrauch (-> Individualität) von Kunst.

Das Machwerk ist bis zum 26.8. Samstags und Sonntags immerhin 14 Tage geöffnet von 10-20 Uhr (-> site-specific) und kostet 7 € Eintritt (-> Gleichheit).
Näheres unter http://www.rohkunstbau.de (-> Demokratie) oder +49 30 495 00 979 (-> Individualität).
Kuratoren: Dr. Arvid Boellert, Mark Gisbourne, Max Schumacher (-> Individualität).
Alle Zitate aus dem Begleitheft (-> etc. und so).

Beste Grüße

Martin Conrath, 16.07.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Das trifft es genau ins Auge, um im Bild zu bleiben. Ich habe mich schon voriges Jahr über die Ausstellung aufgeregt, weil sie Kunst als Unterhaltung für die besseren Stände präsentiert. In der Art verkommt Kunst tatsächlich zu einem Life-Style Phänomen, dem die blosse Oberfläche und der Name genügt (Richter, Demnand), Und die Künstler sind sich nicht zu schade, bei dem Unsinn mit zu machen ebenso wie die Bundes-kulturstiftung. Was dafür den Bach hinunter gegangen ist, möche ich nicht wissen. Vielleicht war das Monica Bonvicinis Leuchtreklame auf dem Rohkunstbau vom letzten Jahr mit dem Inhalt 'Not for you' die richtige, zweideutige Antwort

thw [TypeKey Profile Page] | 16.07.07

 

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