Gastbeitrag | Kritik
All the world’s a stage
von Petra Reichensperger
Jessica Stockholder
Corner Space
Galerie Thomas Schulte, Berlin
8. Juli - 1. Sep., 2007

“All the world’s a stage", schrieb Shakespeare um 1600. Seitdem hat die Differenzierung der Welt und der Kunst als Bühne zugenommen. Worin liegt das Versprechen einer künstlerischen Aufführung? Jessica Stockholder spielt in ihren raumgreifenden Arbeiten mit dem Versprechen etwas Außerordentliches zu erzählen. Denn ihre präzisen Setzungen im Ausstellungsraum der Galerie Schulte und ihre unkonventionellen Materialkombinationen reflektieren die umgebende Welt und die Brüchigkeit des menschlichen Daseins. Haushaltsgegenstände, Farbige Stoffe erinnern an verlassene Bühnenbilder: eine farbenreiche Anordnung von Ready-Mades, die erzählerische Momente in sich bergen.
Für die 1959 in Seattle geborene Künstlerin, die auf beeindruckende Weise mit dem Ausstellungsraum arbeitet und ihm einen Raum eigener Ordnung entgegen stellt, ist die Farbe ein wichtiges Kriterium. Sie versteht sie als „Haut der Oberfläche“. Stockholder, die zunächst Malerei, dann Skulptur studierte, formuliert die Auseinandersetzung mit beiden Medien in ihrem Werk als eine Gleichwertigkeit: „Es war nicht so, dass ich aufgehört hätte, Bilder zu malen und dann angefangen hätte, Skulpturen zu machen. Ich mache immer noch Bilder, nur dass sie jetzt zugleich Skulpturen sind". Damit steht sie in der Tradition der Überschreitung von Gattungen aus der Perspektive der Malerei.
Die dichte Fülle visueller, räumlicher und malerischer Informationen lassen ein bizarres und intensives Setting entstehen, das irritiert. Mit großer Genauigkeit vermisst Stockholder den Ausstellungsraum, in dem trotz aller Gegenständlichkeit keine Geschichte erzählt wird. Dargestellte Tiere wie Schafe und Hühner auf der Kommode in Untitled (JS # 436) werden von der Künstlerin nicht ausschließlich narrativ eingesetzt, ebenso wenig wie eine Schreibmaschine oder andere Gegenstände.
Dennoch erreichen Stockholders Kombinationen in ihrer inszenatorischen Präsenz einen hohen Grad an Fiktionalität. In Stockholders Inszenierungen sind die Ready-Mades nicht mehr, was sie ursprünglich sind und nicht nur, was sie zu sein scheinen. Aus Gebrauchsgegenständen sind Objekte geworden, die Auskunft über ihre ursprüngliche Nutzung geben und als Intensität der farbigen Formen zu erfahren sind. Ihre Überformungen sind dadurch auf ganz verschiedenen Ebenen les- und erlebbar. Sie sind nicht bloß erfunden und formal überzeugend, sondern sie beziehen sich auf das Reale, womit ihnen stets ein Vergleichsmoment eingeschrieben ist.
Ihr scheint es darum zu gehen, dass das Publikum seine eigenen Geschichten aus ihren Settings, die einer theatralen Erscheinungslogik folgen, herstellt: „Es gefällt mir, das Gefühl zu erzeugen, dass aus dem, was konkret und uns bekannt ist – aus dem, was wir für wirklich halten –, etwas anderes aufsteigt; es gefällt mir, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass etwas gleichsam Phantastisches zum Vorschein kommen kann."

Dieser Beitrag erschien in gekürzter Form im Berliner Stadtmagazin Zitty.
Gastbeitrag, 17.08.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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