Gastbeitrag | Kritik
Marsha Ginsberg
von Petra Reichensperger
Pavlov’s Lab and Other Rooms
magnus müller, Berlin
Bis 15.09.2007
Der schöne Schein ist ihre Sache nicht. Die in New York lebende Marsha Ginsberg hat für ihre erste Ausstellung in der Galerie Magnus Müller den gelebten und verlebten Raum ins Zentrum gerückt. Ihre Fotografien zeigen verwaiste Interieurs, verlorene Träume, verlassene Räume. Die Innenräume – fotografisch festgehalten oder real präsentiert – stehen von Anfang an unter dem Zeichen des Temporären, des Prozessualen, des Spiels.
Es sind Räume, in denen das Leben Spuren hinterlassen hat. Räume, die gerade dadurch lebendig wirken.

Dieser Eindruck stellt sich insbesondere in ihrer begehbaren Installation ein. Von der Galeriewand ist eine Bühne abgerückt, deren Rückwand mit silberner Folie ausgekleidet ist und durch zwei Türen betreten werden kann. Eine Baustelle: An einem der Eingänge stehen noch Leiter, Farbeimer oder auch Pinsel, als ob sie beim Aufbau vergessen wurden.

Drinnen fühlt man sich dann wie in einer Pawlowschen Versuchanordnung, nur dass hier eine Ambivalenz der Reflexe inszeniert wird: Fliehen oder bleiben heißt es da. An die Stelle des Hundes ist nun der Mensch als Akteur und Voyeur getreten. Der Geruch des in Fressnäpfen bereitliegenden Hundefutters zieht zwar nicht gerade an, doch ausgewählte Details wie ein Hundeartenposter, eine Kreidetafel oder ein mit Tape angebrachten alten Wasserhahn fordern die volle Aufmerksamkeit des Besuchers.

Ginsberg gelingt es besonders durch diesen Eingriff in der Galerie neue Spielfelder für die Besucher und die Performer zu schaffen. Beide können sich auf Stühle hinsetzten, beide bringen die angebrachte Glocke über der einen Tür beiläufig und doch zwangsläufig beim Betreten der Bühne zum Läuten. Marsha hebt mit ihrer Installation, die berühmte vierte Wand im Theater auf. Um diesen Moment weiter auszudehnen, lud sie für drei Abende die Performer Nora Somaini, David Levine und Heiko Kalmbach ein, dieselbe oder auch andere Räume für ihre Aktionen selbstbestimmt zu nutzen. In der von der Truppe um Nora Somaini aufgeführten Performance lupus humanus wurde das Verhältnis von freiem Willen und Reflex in slapstickhaft chorisch angelegten Szenen befeuert. Sie spielten Wissenschaftler, die beim Ertönen der Glockentöne, spezifisches Hundeverhalten beim Fressen und eine sich nicht in Ausdruck verändernde Lust am Kopulieren mimten. Wer nach diesem Abend an die Wirksamkeit von Reflexen zweifeln sollte, ist ein unheilbarer Romantiker.

Dieser Beitrag erschien in gekürzter Form im Berliner Stadtmagazin Zitty.
Gastbeitrag, 13.08.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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