Christoph Bannat | Kritik
Piranesi für Webdesigner

Giovanni Battista Piranesi für Webdesigner.
Eigentlich ist über den 1720 in Venedig geboren und 1778 in Rom gestorbenen Kupferstecher schon alles gesagt worden, und doch ist er immer wieder neu zu entdecken- das eben macht einen Klassiker aus.
3. August - 11. November 2007
Kulturforum PotsdamerPlatz, Kupferstichkabinett
Piranesi. Vedute di Roma - Ansichten von Rom

Piranesis phantastische Gefängnisdarstellungen ( Carceri) sind ins kollektive Gedächnis eingegangen und seine Rom Veduten ein Bildungsstandard. Bereits 1792, vier Jahre nach seinem Tod, erschien ein Gesamtkatalog seiner Werke. Heute gibt es sein Gesamtwerk als Taschen- Sammelband und der Literaturwissenschaftler Norbert Miller hat ein ultimatives, brillant- und unterhaltsames Standardwerk „Archäologie des Traums“ zu Piranesis Leben und Arbeiten geschrieben.

Dabei legen seine Kupferstiche im Original noch einen drauf, zum „ Wissenswerten aus der Welt der Bildung“. Einerseits steht man dem Original, wie Piranesi vor 200 Jahren, auf Armeslänge gegenüber- eine Erfahrung von menschlicher Größe- und rein formal betrachtet schiebt sich heute, im Computerzeitalter, der Aspekt der Verkettung von Schrift und Bild verstärkt in den Vordergrund.

Dazu kommt das Piranesi ein populär und kommerziell orientierter Künstler war, der seine Mappenwerke an Touristen verkaufte, und dies mit einem selbstgestellten Auftrag verband. Sein Auftrag war es das alte Rome zu entdecken. So wurde er, über Italien hinaus, als ein Maniac der das klassische, im verfallenen begriffene, Rom vor den Vergessen bewahren wollte bekannt. Ein Lokalpatriot der bis kurz vor seinem Tod, das klassische Rom, das für das pathetisch Erhabene stand, gegen das griechische Altertum, das Sinnbild des Einfachen, verteidigte. Innerhalb dieser Grenzen entfaltet er seine ganze, bis heute gültige, künstlerische Kraft: Die Rethorik der Überwältigung, mit dramatisch übersteigerten Größenverhältnisse (wie wir sie heute aus der Weitwinkelfotografie kennen), einer naturgleichen, maroden Monumental- Architektur und modelartig miniaturisierten, oft zerlumpte, Menschen. Elemente die untereinander und mit einer Barock wuchernden Pflanzenwelt zu Konkurrrieren schienen. Und er setzte Schatten, so hart und dunkel, wie kein anderer sie zu setzen wusste.

Die römischen Veduten sind Piranesis Hauptwerk. Lenkt man den Blick auf den Teilaspekt der Verkettung von Bildraum und Schrift, so erscheinen dieser in ungebrochenen Modernität, verglichen mit Web- desigten Oberflächen.

Bei Piranesi überlagern sich Bild- und Schrifträume. Er verketten exakt recherchierte Grundrissen mit atmosphärischen Stadtlandschaften und technische Zeichnungen. Neben Auflistungen und numerischen Kennzeichnungen stehen gemeißelte Grabinschriften, gleichberechtigt neben Stadtplänen, eingraviert in fiktiven Steinplatten. Manche Schriftebenen überlagern sich Illusionistisch, im Trompe-l´ oeil- Stil, verdecken und kommentieren einander als Papierblätter und Planrollen, wie auf einer Zettelwand. Bei ihm wird Schrift zu Flächen gewebten Grauschleiern und schmückendem Beiwerk, ohne jemals Sinn und Verstand zu verlieren, denn es ging Piranesi, mit einigen Ausnahmen, immer um Beschreibung und exakte Darstellung des Recherchierten. So wie es auch bei auf der Computerbildschirmoberfläche keine funktionslosen Unsinnigkeiten gibt.

Schwer zu sagen welchen Beruf Piranesi heute gehabt hätte, vielleicht wäre er ein Industriefotograf mit ergreifender Innerlichkeit und leidenschaftlichem Hang zu einer vergessenen Kultur.

Piranesi, The Complete Etchings: Taschen Vlg. Dt. ca. 20 Euro
Norbert Miller, Archäologie des Traums DTV- Taschenbuch für 8,50 Euro

Eduard Spelterini, Kairo aus ca. 800 m Höhe, 30. Januar 1904, Eidg.
museum@bellpark.ch ausstellung ab. 18.6.-11.11.07. Kam gerade rein und könnte eine Teilantwort sein.
Christoph Bannat, 13.08.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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