Christoph Bannat | Kritik

Zeichnung als Standbein in der Wirklichkeit


Ausstellung "Janke vs. Wernher von Braun" in Peenemünde

Bleistift und Skizzenblock sind schnell, Raum und Zeit sparend, eingepackt und Linien schnell aufs Papier geworfen. Die Zeichnung ist immer noch das einfachste und direkteste Medium, deshalb aber nicht weniger komplex. Während der Zeichner seiner körperlichen Verfassung unterworfen ist, muss er ein Verhältnis zwischen Detail und angestrebten Gesamtwerk herstellen,
Karl Hans Jahnke, Matthias Beckmann und das www.meltonpriorinstitut.org zeigen die Möglichkeiten von Zeichnungen -mit Kunst aber hat das zunächst einmal nichts zu tun.


Ausstellung "Janke vs. Wernher von Braun" in Peenemünde

Karl Hans Janke stellt noch bis Ende August in der Galerie Luecke und Partner aus, gleichzeitig sind seine Werke im ehemaligen Heizkraftwerk der Raketenversuchsanstalt Peenemünde, bis zum 4. November, zu sehen.


M. Beckmann, Frauenhofer Institut

Matthias Beckmanns Arbeiten kann man bis zum 2.September im Museum für Kommunikation- Berlin zu sehen. Das Melton Prior Institut dient einer international ausgerichteten Erforschung der Geschichte der Reportagezeichnung. Es besteht aus einer in der Entstehung begriffenen Sammlung von Originalzeichnungen, Auflagendrucken und Portfolios zu einzelnen Künstlern und Themen, sowie aus einer umfangreichen Bibliothek mit Schwerpunkt auf einer Dokumentation der graphischen Berichterstattung aus der Frühzeit des Illustriertenwesens. Das Melton Prior Institut publiziert in unregelmässigen Abständen und wird von Alexander Roob geleitet, der an der Kunstakademie Stuttgart lehrt.


M. Beckmann, Frauenhofer Institut

Janke verbrachte seine zweite Lebenshälfte, von 1948- 88, in der psychiatrischen Anstalt Hubertusburg bei Dresden. Janke und seinem Krankheitsbild gerecht werden heißt seinen Zustand offen zu legen und Verdachtsmomente für die Wahl seiner Motive und Projektionen zu suchen. Bei Jahnke wurde Schizophrenie diagnostiziert und wie bei vielen Schizophrenen war diese mit einer Paranoia verbunden. Er hatte Angst vor dem Diebstahl seiner Patente, aber auch vor „Überfremdung“ durch Hugenotten und Juden. Festgehalten hat er diese in vielen seiner Traktate und in Tabellen zu belegen versucht. Gegen den Diebstahl seiner Patente sicherte er sich indem er Anstaltsstempeln mit Datum, vom Chefarzt auf seinen Zeichnungen drücken ließ. Jankes Erfindungen,meist Raumschiffe, sollten, trotz seiner rassistisch- und antisemitische Schübe, nur friedlichen Zwecken dienen.
In Jankes Ängsten spiegelt sich auch die seine Zeit wieder, das macht ihn interessant. Sozialisiert im Nationalsozialismus und eingewiesen in der zeit des kalten- Krieges, lebte er in doppelter Isolation, der Psychiatrie und der DDR. Seine Technikfixiertheit und die Flucht in eine andere Welt machen ihn heute zu einem interessanten Phänomen, gerade wenn man mehr über beide deutschen Staaten der 50er Jahre wissen möchte.
Karl Hans Janke projektiert seine Ängste und Wünsche auf zeitgenössische Themen. Seiner eingebildete Entdeckung der Elektromagnetischen Energie, die die Welt umspannt, hätte das Problem der Ressourcen- Knappheit der DDR gelöst und die Unabhängkeit von Benzin, oder Atomkraft garantiert. Janke entscheidet auch den „ Kampf um den Weltraum“, wie er im kalten- Krieg geführt wurde, für sich zur Rettung der Menschheit, unter der Bedingung, dass diese endlich seinen Pläne verwirklicht. Er behandelt Themen die in beiden Deutschen Staaten der 50er Jahre mit paranoiden Ängsten besetzt waren. Die Paranoia vor einem neuen Atomkrieg, der Weltherrschaft des Kommunismus , bzw. eines imperialistischen Kapitalismus. Auf den jeweiligen Gegner projizierte Ängste die die Wiederaufrüstung begründen . In den 50er Jahren beginnt auch der Kampf um den Weltraum und werden die Weichen für ein atomares Wettrüsten gestellt. Dem Sputnik folgt die Cuba- Krise und die Berliner Mauer. Die Amerikaner antworten mit „Apollo 11“ und erreicht den Mond. Später folgen die Stationierung von Pershings in Deutschland, Cruise Missils und das SDI – Programm der Amerikaner. Themen die die frühen 80er bestimmen. Die Anti- Atomkraftbewegung, mit ihren Anfängen in den 50er Jahren, wird zur Massenbewegung. In seinen Zeichnungen klärt Janke diese Problemfelder. Gleichzeitig hat er rassistische und antisemitische Schübe.


Ausstellung "Janke vs. Wernher von Braun" in Peenemünde

Die Janke- Ausstellung in Peenemünde Titel: Janke vs. Wernher von Braun- die Ideen eines Weltraumphantasten, stellt den skrupellosen Wissenschaftler der Nazis Wernher von Braun, der bereits in den 50ern die Nasa-Weltraumbehörde leitet, Karl Hans Janke gegenüber. Auch Wernher von Braun hatte die meiste Zeit seines Lebens in geschlossenen Systemen von Anstalten verbracht, wenn auch nicht eingesperrt. Erst in der geheimen Nazi- Raketenversuchsanstalt Peenemünde, später bei der Nasa. Beide Anstalten standen unter enormen politische Druck, erzeugt durch die Kriegs- bzw. Rüstungsgeheimnisse und deren Verrat, auf die zu Nazizeiten die Todesstrafe stand. Eine Situation die im Amerika der 50er Jahre, unter McCarthy offen, paranoide Züge annahm.
Jankes Arbeiten spiegeln damit auch die Ängste seiner Zeit, doch wird seine rassistische und antisemitische Seite ( seiner Sozialisation in der Nazizeit entsprechend ?) zu wenig beachtet. Leider, denn es liegt eine Chance darin die paranoiden Strukturen dieser Phänomene offen zu legen. Und man würde der komplexen Persönlichkeit Jankes, sowie seines Krankheitsbildes, das scheinbar auch immer ein Allgemeines war,näher kommen.

Die Gefahr einer Ästhetisierung und Mediale Verwertung von Jankes Arbeiten besteht bei beiden Ausstellungen. Die Janke- Forschung sollte den Mut haben ihn in seiner ganzen Widersprüchlichkeit dazugestellt. Rein formal gesehen sind es „nur“ technische Zeichnungen und einige Illustrationen. Der Betrachter aber spürt das diese Arbeiten, auf schwer zu definierende Weise, aufgeladen sind. Erst der gesellschaftliche und zeitliche Kontext seiner Arbeiten, im zusammenhang mit seinen Traktaten, können der Definition dieses undefinierten Empfindens ein Stück näher kommen- das nenne ich Verdachtsmomente für eine Wirklichkeit suchen.


M. Beckmann, Frauenhofer Institut

Auch Matthias Beckmann zeichnet, wie Janke, technische Gerätschaften, wenn er sich in Frauenhofer Institut zum Zeichnen begibt. Doch liegt der Fall hier anders. Das verdienstvolle: Er sucht sich seine Motive nicht in der Zweiten Natur, den Massenmedien, sondern setzt sich seinen Motiven aus. Er geht raus und stellt sich der Welt. So zeichnete er im Bundestag , der Flick- Collection, und der Antik- Plastikgiesserei in Berlin, oder, wie jetzt im „Museum für Kommunikation“ zu sehen, im Frauenhofer Institut- Stuttgart.



Ausstellung "Janke vs. Wernher von Braun" in Peenemünde
Matthias Beckmanns bildliche Entscheidungen sind eher dokumentarischer, denn künstlerischer Art. In devoter Haltung geht er dem nach was er kann. Devot meint, dass er beim Zeichnen lediglich ein selbst auferlegtes Programm mechanisch abspult. Er folgt den Linien seines Umfelds ohne hinzusehen. Er weiß was er kann, er weiß wie es hinterher aussehen soll und er weiß wie er das erreicht. Dies spürt der Betrachter bereits nach einigen Zeichnungen und anfänglicher Faszination. Bei Matthias Beckmann gibt keine Halbtöne, es gibt keine Quintessenz des Gesehenen, es gibt keine erregenden Ungenauigkeiten, oder reizvolle Stimmungswechsel. Legt man das Netz seiner Linien vor dem inneren Auge übereinander entsteht ein locker gestricktes Gewebe ohne Betonungen. Es bleibt ein Programm. Dabei ist das Programm, die Erforschung der Welt unter Einsatz des eigenen Körpers, lobenswert. Doch scheint er dabei seinen Körper so programmiert zu haben, dass auch die Ergebnisse programmatisch erscheinen und keinerlei künstlerische Dimension mehr aufweisen. Und mit künstlerischer Dimension meine ich, eine erregende Ungenauigkeit unter Einsatz größt möglicher formaler Präzision.
In diesem Sinne kann man sich auch die Website des Melton Prior-Institut ansehen. Das Institut eröffnen Problemfelder, das Medium Zeichnung betreffend, und bereichert die Kunstszene mit der Fragestellung : Wie trete ich der Welt gegenüber.

KH Janke - Editionen
noch bis 31. August 2007
lueckeundpartner, Berlin

Karl Hans Janke vs. Wernher von Braun - Ideen eines Weltraumphantasten
Bis 4.November
Historisch-Technisches Informationszentrum Peenemünde

Matthias Beckmann
Museum für Kommunikation Berlin
http://www.walderdorff.net/beckmann/beckmann_bio.htm

Melton Prior Institut für Reportagezeichnung

Christoph Bannat, 22.08.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Entschuldige Christoph, aber bei deinen Äußerungen über Karl Hans Janke warst du selbst doch wohl von irgendeinem Schub getrieben, dessen Art und Ziel ich nicht ganz einordnen kann. Wenn auch anerkennenswert, dass du dich bemühst, weiter gefasste Deutungskriterien zu suchen, muss ich zu deiner Darstellung Jankes und seiner zeichnerischen Arbeiten doch einige Anmerkungen und Korrekturen anbringen.

Janke war krank, und dieser Sachverhalt wird in keiner der Ausstellungen unterschlagen und auch seine verbalen Ausfälle sind kein Geheimnis, wenn auch vermutlich nicht losgelöst von seiner Krankheit zu sehen, was auch die Beschreibungen seiner Ärzte nahelegen.

Was deine Interpretation der Arbeit von Janke betrifft, bin ich ziemlich überrascht, dass du offenbar Dokumente gefunden hast, die tatsächlich Anlass bieten, Jankes Motivation so betont in den Zusammenhang einer nazistischen Geisteshaltung zu stellen. Im Text relativierst du zwar diese Annahme, aber der Zeichnungsausschnitt zur Illustration deines "Verdachtsmoments" ist hier nun wirklich tendenziös gewählt. Janke war ein Kind seiner Zeit, was sich aus den Beschriftungen seiner Zeichnungen leicht und für jeden erschließen lässt. Seinem weltverbesserischen Utopismus steht in den vierziger Jahren ein unverholener Nationalismus gegenüber, der sich auch in den Benennungen seiner Projekte zeigt. Allerdings ist im Laufe seiner vierzigjährigen Laufbahn als Insasse der Psychiatrie und als manischer Erfinder, Entwickler von utopischen Maschinen und Fahrzeugen und, laut eigener Aussage, Originalgenie und Künstler eine Veränderung in seiner Terminologie zu beobachten. Steht am Anfang die Sorge um das Wohl des "Volkes" und heißt seine immerwährende Energiequelle "Deutsches Atom", so ändert sich der Fokus im Laufe der Zeit in Richtung einer Sorge um die ganze Weltbevölkerung. Die Energiequelle schließlich wandelt sich zum "Jankeschen" oder "Hubertusburger Atom". Wie du selbst schreibst, betonte Janke wiederholt, seine Erfindungen seien in Zukunft ausschließlich zu "friedlichen Zwecken" zu nutzen. Alles in allem will niemand Janke als Gutmenschen charakterisieren, noch nicht einmal als sympathischen Zeitgenossen. Ihn allerdings überwiegend als Rassisten und Antisemiten darzustellen, verbieten Diagnose, Umstände und Zeit seiner Einweisung in die Psychiatrie, in der er sich bis zum Ende seines Lebens aufhalten sollte.

Die "Gefahr" der Ästhetisierung von Jankes Arbeiten besteht auf keinen Fall. Sie sind ästhetisch und niemand muss dies noch befördern. In ihrer zeittypischen formalen Sprache gehen sie auch weit über eine pure technische Zeichnung hinaus. Wo die Blaupause nur Anweisungen auf konstruktivem Niveau enthält, entwickelt Janke eine Weltsicht. Wo im Bauplan nur Bemaßungen zu finden sind, konzentriert Karl Hans Janke Visionen. Allerdings haben die Jankeschen Zeichnungen eines mit den Plänen von Architekten und Konstrukteuren gemein: Man muss sie auch lesen können und wollen, dann entschlüsselt sich die "Aufladung" vielleicht als Ideenreise in eine, wie Janke glaubte, bessere Welt.

Jankes Werk kann unseretwegen und mit genügend guten Argumenten als Nicht-Kunst dargestellt werden, dieses Schicksal teilt sein Werk sowohl mit ritueller und Stammeskunst, mit der Kunst anderer Geisteskranker und Behinderter - und mit den Protagonisten der Street-Art. Seine hinterlassenen annähernd 3000 Zeichnungen stellen nichtsdestotrotz einen beeindruckend dichten Kosmos von Zeitgeist, Utopie und einem ungebremsten Glauben an die Allmacht der Technik dar. Eben ein zeit- und gedankengeschichtliches Dokument einer gerade vergangenen Ära, der Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Krieges. Kunst hin oder her.

Heike Lücke [TypeKey Profile Page] | 23.08.07

 

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