Christoph Bannat | Kritik

Alice Neel - Pictures of People

Alice Neel - Pictures of People
Galerie Aurel Scheibler
Noch bis 3. November
Filmdokumentation über Alice Neel bis 10.10. Kino Hackesche Höfe.


Martin Jay, 1932

Welcher Künstler ist heute noch „außer sich“? Außer sich meint hier nicht das expressive Künstler-Tier Phänomen wie wir es bei Elke Krystufek oder Jonathan Meese beobachten können. Außer sich, meint hier das Vertiefen des Künstler-Ichs, mit der Gefahr sich dabei zu verlieren, in ein Du. Und hier ist nicht jenes Verschwinden in der Landschaft wie wir es bei Cezanne beobachten können oder bei Monet, der ganz „zum Auge“ wurde, gemeint.


Martin Jay, 1932.

Bei Alice Neel gibt es immer ein Du, ein gegenüber an dem sich ihr Ich aufbaut. In der Galerie Aurel Scheibler sind jetzt 7 Portraits von 1932 bis 1982 zu sehen.


James Hunter Black Draftee, 1965.

Die Malerin Alice Neel (1900-1984) wird hier das erste Mal mit einer kontinentalen Ausstellung geehrt. Gleichzeitig läuft ein Dokumentarfilm ihres Sohnes Andrew Neel in Berlin. Er dokumentiert das schwere Leben der Künstlerin zwischen Greenwhich-Village-Boheme, alleinerziehenden Mutter zweier Kinder, der 30er Jahre Depression, zwei Selbstmordversuchen, dem Selbstmord ihrer Tochter und ihrem späten Erfolg. Dabei wird die erstaunliche Kraft einer zerbrechlichen Person die es trotz der bedrängenden physisch und psychischen Situation schafft wachen Auges „ganz außer sich zu sein“ deutlich. Denn was kennzeichnet einen Portraitisten anderes als das er/sie seinem Gegenüber gerecht wird und doch ganz bei sich ist. Und warum sollte man sich für Portraits „fremder Menschen“ interessieren, wenn dort nicht etwas Allgemeingültiges im speziellen eines jeden Individuums wäre? So gehen Trauer und Mut der Alice Neel in einen Moment in ihre Portraits ein und erzählen uns von der Schönheit (Mut) und Vergänglichkeit (Trauer) des menschlichen Antlitzes.


Anne Marie, 1982.

So sehen einen viele Portraitierte mit jenem Blick, den Walter Benjamin einmal den „Hunde und Verkaufsblick“ nannte, aus dem Bild heraus an. Er bezog dies allerdings auf kommerzielle Werbung. Alice Neel freilich wirbt für den menschlichen, einen ewigen Moment hinter der Maskenhaftigkeit des Alterns und setzt diesem mit ihren Portraits ein zärtliches Denkmal.


Don Perlis and Jonathan, 1982.

Alice Neel hat nicht nur Portraits gemalt. Es gibt Stadtszenen, Bilder aus dem Krankenhaus und Geisterhaft diabolisch Symbolhaftes, immer aber Bilder aus ihrer Lebenswirklichkeit. Vielleicht sind ihre Portraits so ergreifend weil sie hier Abstand von ihrem Schicksal nehmen kann.


Dorothy Pearlstein 1969, Bobby Shiller 1958

Im Nachkriegs New York, wo die Village-Boheme mit dem Kunstkritiker Greenberg an der Spitze, mit dem abstrakten Expressionismus amerikanischer Prägung die Meinungsführerschaft auf dem internationalem Kunstmarkt zu übernehmen begann, waren ihre Arbeiten nicht gefragt. Später, als es im Village Kunsttechnisch brummte zog Alice Neel nach Spanish Harlem um „noch dichter am Volk“ zu sein. Und während die meisten Künstler an ihrer Selbststilisierung arbeiteten, auch um im Kunstmarkt einen hohen Wiedererkennungswert zu erlangen, malte sie weiter Portraits - das war ihr Standbein in der Wirklichkeit. Als sie in den 70ern Annerkennung findet - Andy Warhol kommt zu ihrem Geburtstag und sie wird Ehrenmitglied der Akademie - hat sie kaum ein Bild verkauft doch wird ihre Qualität zunehmend sichtbar. Heute ist sie eine feste Größe in der New Yorker Kunstszene.


Bobby Shiller, 1958.

In Amerika und England wurde sie bereits mit Ausstellungen geehrt. In Deutschland hat sich die Galerie Aurel Scheibler, die immer schon ein Händchen für großartige Querköpfe wie Philip Guston und Peter Saul bewies, Alice Neel angenommen.


Anne Marie and Georgie, 1982.

Das Chuck Chose und Alex Katz in der Alice-Neel-Dokumentation als ihre Fans zu Wort kommen ehrt diese, zeigt aber auch gerade die Differenz zu den Arbeiten der beiden, sind sie doch eher an einer Selbststilisierung interessiert, ohne das hier deren Qualität abgesprochen werden sollte. Und auch das Vorwort von Elizabeth Peyton zum Scheibler-Katalog führt in die Irre. Denn gerade Payton ist das beste Beispiel zu welchen Ergebnissen eine überpropotionale Selbststilisierung führen kann.

Die filmische Alice Neel Dokumentation ist leider ein all zu gefälliges und selbstmitleidiges Dokument eines aufgebauschten Kinderegos, gedreht von ihrem Enkel Andrew. Interessant sind die Aufnahmen in denen Alice Neel beim Malen gezeigt wird. Wie sie die Konturen mit schwarzen Farbe vorzeichnet, um dann innerhalb dieser die Person malerisch aufzubauen und zu interpretiert.
Es gibt heute wohl nur einen Künstler der, wenn auch Grundverschieden, ähnlich arbeitet: David Hockney. Das wär´s dann: Hockney bei Scheibler.

Film: Neue Kant-Kinos Berlin - Hackesche Höfe Filmtheater Berlin noch bis zum 10.10.


Don Perlis and Jonathan, 1982,James Hunter, 1965.

Christoph Bannat, 30.09.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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