Adib Fricke | Kritik
Ceal Floyers Preisträgerarbeit im Hamburger Bahnhof zerstört

Ceal Floyer, Scale, 2007, Klanginstallation/Skulptur, 24 Lautsprecher, Computer, 12 Stereo-Amplifier
Es muss wohl heute abend irgendwann zwischen 21 und 21.30 Uhr während der Eröffnung der Roman Signer-Ausstellung im Hamburger Bahnhof passiert sein: Die Arbeit Scale von Ceal Floyer, mit der sie den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gewann, wurde zerstört. Die große Schiebetür zum Ausstellungsraum in einer der Rieck-Hallen wurde »bis auf weiteres« verschlossen. Nur ein kleiner Spalt blieb offen, durch den gerade noch das Objektiv der Taschenkamera passte. Die Museumsaufpasser wollten oder konnten keine Detailinformationen geben. Versuchte etwa ein Besucher oder eine Besucherin die Stufen des Kunstwerks hinaufzugehen? War es der Racheakt eines zu kurz gekommenen Künstlers? Ertrug jemand nicht die »minimalistische Pointiertheit ..., die zumeist in hochkomplexe Sachverhalte umschlägt«?
Am letzten Donnerstag wurde der Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst 2007 verliehen. Im Wettbewerb mit Tino Sehgal, Damián Ortega, Jeanne Faust, den anderen nominierten Künstlern, eine gute Entscheidung. Mit dem Preisgeld von 50.000 EUR wurde ein symbolischer Preis überreicht: »Der Preis 2007 ist selbst ein Kunstwerk: das signierte Multiple Intuition von Joseph Beuys aus dem Jahre 1968. Der New Yorker Designer Tobi Wong hat dieses Multiple in Museumsglas gefasst.« Das war dann vielleicht doch etwas lächerlich. Nichts gegen den deutschen Kunst-Schamanen – aber: Sollte der eigene ausgelobte Preis für zeitgenössische Kunst mit ein wenig Beuys im Glas aufgewertet werden, weil der Glaube ans eigene Tun verloren gegangen ist?
Entscheidung der Jury 2007
»Von einem zunächst einfachen und zugleich präzisen Ausgangspunkt, in diesem Fall einer Treppe, gelangt Ceal Floyer mit ihrer Arbeit Scale zu einem Ergebnis von hoher formaler Komplexität. Sie erreicht eine geistreiche Aufladung, die sich nicht auf den ersten Blick einstellt. Sowohl im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne, sowohl physisch wie akustisch bezieht sich das Werk in verschiedenster Weise auf den Raum.
Nach Einschätzung der Jury erreicht Ceal Floyer mit Scale außerdem eine neue Stufe ihrer künstlerischen Praxis.«
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Invalidenstraße 50- 51 · 10557 Berlin
Telefon (+49 30) 397834-11
Preis 2007
noch bis 4. November 2007
Adib Fricke, 29.09.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Eine Besucherin - angeblich eine junge Galerieassistentin aus Köln - versuchte die Stufen des Kunstwerks hinaufzugehen. Sie hob langsam das rechte Bein an. Sowohl umstehende Besucher als auch der Museumsaufpasser blickten gebannt auf diese Bewegung. Dann folte der noch zaghafte herantastende Tritt auf die erste Stufe, der Fuß setze auf und das Gewicht wurde auf diesen in noch immer vorsichtiger Langsamkeit verlagert. Die Geschwindigkeit erhöhte sich und das zweite Bein wurde angehoben. Schwubs stand sie für einen winzigen Moment auf der ersten Stufe.
Minuten später wurde die Schiebetüre geschlossen.
Schana
| 10.10.07