Michael Reuter | Bücher
Francis Bacon und die quantenphysikalische Ursachenlosigkeit
Francis Bacon
Die Gewalt des Faktischen
Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung, die vom 16.09. bis 07.01.2007 in der K 20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf stattfand. Hrsg. von Armin Zweite in Zusammenarbeit mit Maria Müller mit Texten von Peter Bürger, Martin Harrison, Armin Zweite und Daria Kolacka. Hirmer Verlag, München, 2006, ISBN-13: 978-3-7774-3235-9, 224 Seiten mit 110 farb. Abb., gebunden, Format 23x30 cm, 34,50 EUR
Was für ein Katalog! 360 Fußnoten, davon allein über Hundert in den sieben Anmerkungen von Armin Zweite über Bacons ästhetische Vorstellungen. Wir lesen: »Hier sind, über das Ästhetische hinausgehend, schöpferisch-evolutionsbiologische, quantenphysikalische Ursachenlosigkeit und Instabilität dynamischer Systeme von Gewicht ...«. Grundgütiger! 160 Seiten Text stehen 90 Seiten mit Gemälden gegenüber, wobei im Bildteil noch ausführliche Kommentare Platz finden, die ihrerseits über 100 Fußnoten nach sich ziehen. Hier wird wirklich alles unter dem kalten Licht der Kunstgeschichte seziert, gewichtet und ausgeweidet. Kein Krümel des Atelierbodens, der nicht einer ausführlichen Untersuchung unterzogen wurde, keine farbbefleckte Fotoecke, die nicht halbseitige Erläuterungen nach sich zieht. Ein kunst-, kultur- und philosopiegeschichtlicher Bombenteppich, der seinen Titel zu recht trägt: Die Gewalt des Faktischen.
Soll ich da jetzt noch Plattitüden erzählen von Bacons Lebensweg zwischen Chaos, Rebellion und Homosexualität, seinen autodidaktischen ersten Schritten hin zum gefeierten Künstler, seinen Exzessen und Depressionen, seinen Bildern mit verzerrten, deformierten, leidenden, schreienden, in sich verknäulten Menschenfleischhaufen? Ich doch nicht! Der geneigte Leser möge sich den Katalog kaufen und besonders auf die Fotos von Perry Ogdenaus achten. Er fotografierte Bacons Atelier, bevor es nach dem Tod des Malers der Hugh Lane Municipal Gallery of Modern Art in Dublin geschenkt wurde und komplett, mit Wänden, Installationen, jedem Papierschnipsel und allen Pinseln, nach Irland verschifft und dort wieder aufgebaut wurde. Das Atelier wirkt wie eine Folterkammer, wie ein Filmstill aus einem Horrorstreifen, kurz bevor das Grauen aus dem dunkelsten Winkel hervorspringt. Die Staffelei ragt bedrohlich wie eine Guillotine im Bildvordergrund auf und an der gegenüberliegenden Wand findet sich ein runder, fleckiger und halbblinder Spiegel, der Künstler und Werk in schlierigen Verzerrungen in den Vorhof der Hölle zieht. Das ist gruseliger als alle seiner Bilder.
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Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in Artheon (www.artheon.de) – Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche
Michael Reuter, 18.09.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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