Michael Reuter | Bücher
Pop-Lesebuch
ELEND
hrsg. von Frauke Boggasch und Dominik Sittig
Zur Frage der Relevanz von Pop in Kunst, Leben und öffentlichen Badeanstalten,
Verlag für moderne Kunst Nürnberg, Nürnberg 2006, ISBN 978-3-936711-97-4, 361 Seiten mit zahlreichen Abb., kartoniert, Format 22 x 15 cm, 28,- EUR
Was ist Pop? Keine Frage, mit dem stylisch aufgemachten Buch soll der Leser ein Stück Zeitgeist in den Händen halten. Nebst diversen Newcomern steuerten auch angesagte Künstler wie Jonathan Meese oder Daniel Richter exklusive Beiträge in Form von farbigen Insertseiten bei; Musiker, Schriftsteller, Journalisten und Theoretiker versuchen, dem Begriff Pop im neuen Jahrtausend näher zu kommen.
Ästhetisch bewegt sich der Band jedoch in der Vergangenheit. Der Titel des Buches bezieht sich auf eine Ausstellung von Martin Kippenberger aus den späten 70er Jahren, die Bildstrecken haben den Nan Goldin-Charme der 80er und der vermeintliche Zeitgeist spiegelt sich in vermüllten Zimmern, angebrannten Spiegeleiern und trüben Gestalten ohne Zukunft – immer noch. Gegenwart findet sich nur in den Städten, wirkt unscharf, fahrig, unappetitlich. Schon vor 20 Jahren war dieses Lebensbild nicht real, heute ist es nur noch Attitüde: Die Welt ist dreckig, mir geht es dreckig – wenigstens bin ich symptomatisch – ich, ich, ich.
Die Texte wechseln mühelos vom Soziologendeutsch zum Dummschwätz moderner Großstadtkids und trauern wehmütig den Zeiten nach, als man sich noch über etwas erregen konnte, es noch eine echte, vermeintlich authentische Subkultur gab und die Feindbilder nicht in den eigenen Reihen zu suchen waren. Die »Situationistische Internationale«, das Leben von Martin Kippenberger, die Filme von Larry Clark, die Musik von Peaches, die Kunst von Jonathan Meese: Viele Texte behaupten Aufruhr und Engagement und sind doch nur ein Scheinkampf gegen die Windmühlen des totalen Kommerzes. Wenn Marcus Maida fragt: »Trägt Pop als System nicht die Voraussetzung für seine eigene stetige ästhetische Überwindung in sich?« hat er sich die Antwort schon gegeben. Pop ist »alltäglicher und beiläufiger Teil des Lebenssystems geworden« und hat dabei auch gehätschelte Subkulturblüten mit in den »Void« gerissen. Der Underground, dem sich alle trendigen Menschen als Gegenpol zur übermächtigen Unterhaltungsindustrie zumindest als Sympathisanten zugehörig fühlten, existiert nur noch als »medienkulturelles Vakuum, als »leeres Lücken- und Wunschbild«. Was bleibt, ist die totale seelische Verunsicherung, die entsteht, wenn eine Gesellschaft krankhaften Individualismus predigt, aber gleichzeitig alle lebenswerten Möglichkeiten zur Unterscheidung einebnet. Der einzig existierende Underground ist die Selbstzerstörung, vorbildlich zelebriert von Leuchttürmen wie Kurt Cobain oder Martin Kippenberger. Alles andere ist Pop.
Das Buch ELEND bei Amazon.de bestellen.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in Artheon – Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche
Michael Reuter, 15.09.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar zu »Pop-Lesebuch«
Danke für Ihre Anmeldung,
.
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden