Christoph Bannat | Bücher
Soviel Zeit muss sein.

David B. in Plaque o2.
Demgegenüber (gemeint sind die legitimen , die von der Schule zugewiesenen Künste.) reizen >>mittlere Künste<< wie Film und Jazz oder stärker noch wie Comic, Sience- fiction und Kriminalromane vorrangig jene zum Investieren, denen die Umwandlung ihres kulturellen Kapitals in schulisches nicht gänzlich gelungen ist, daneben solche, die die legitime Kultur nicht auf legitime Weise erworben haben, d.h. nicht von frühauf mit ihr vertraut wurden, und nun zu ihr eine objektiv und/ oder subjektiv unglückliche Beziehung haben. Pierre Bourdieu, „Die feinen Unterschiede“ 1979.

Richard McGuire und Michel Pirus, Strapazin nr.88
Das ist so genau beobachtet, erforscht und unterhaltsam geschrieben, dass ich mich wundere warum nicht mehr Comic-Texte sich auf Bourdieu beziehen, zumal es noch weitere Verweise auf das Medium in den „feinen Unterschieden“ gibt.
Doch es gibt noch einen weiteren, ganz anderen, Aspekt der die unterschiedlichen Medien wie „bildende Kunst“ und Comic trennt und kaum Beachtung findet; den der Zeit und des Körpers. Körper, meint hier den menschlichen Körper und dessen Einstellung während des Machens, beziehungsweise Betrachtens.

Jiro Taniguchi,Vertraute Fremde, Vlg.Carlson
Zeit verteilt sich unterschiedlich in den Medien; In der „legitimen Kunst“, akademischer Malerei und Zeichnung , schichtet sich Zeit in der Tiefe. Beim Film spielt Zeit in Verbindung mit Angst, dass einem das Bild jederzeit weg genommen werden kann, eine Rolle. Und beim Comic ist Zeit, wenn überhaupt, ein sehr untergeordneter Aspekt. Zwar spricht ein Text im Comicmagazine- Plague 02 von Sequenzialität als einem Hauptmerkmal des Mediums, das aber ist nur „thematisierte Zeit“. Ebenso wie der Comiczeichner Jiro Taniguchi in „ Vertraute Fremde“ einen 48 jährigen in den eigenen Körper seiner Kindheit reisen lässt.
„Erkennen, dass Umrisse eine Erfindung sind“, John Berger.
Die Zeichnung ist eine hoch komplexe Form der Abstraktion- komplexer als auf einer Fläche zu verteilter Farbschlamm ( Malerei). Bei Comic-Zeichnungen kommt zur „ Erfindung der Umrisse“ noch die sich im Raum bewegenden Figuren, sodass man von einer Form des 3- Dimensionalem Alphabetismus sprechen kann. Ein Alphabet aus Figuren-Typen. Diese Typen haben während ihrer Herstellung ihre zeit verloren. Jedenfalls sind sie nicht jener Zeit, die der Betrachter von „bildender Kunst“ aufwendet, die Zeitschichten ent- und auf zu decken, unterworfen- jene Zeit die auch der Künstler zurücklegt, der ebenfalls mit den Augen des Betrachters seine Arbeit betrachten muss. Der Comics-Zeichner macht das beim Zeichnen nicht, er verwirklich das Klischee in seinem Kopf, bereits im Hinblick darauf das es gedruckt wird. Nachdem Gezeichnet wurde beginnt ein Zusammenspiel unterschiedlicher Medien und Drucktechniken. So fragt auch der Comicleser nicht nach der Originalzeichnung, während das Original bei der bildenden Kunst eine entscheidende Rolle spielt. Die Erlebniswelt der bildenden Kunst fordert den Körper des Betrachter, die des Comics lässt ihn verschwinden- so wie beim Lesen. Das die Zeit beim Comic verschwindet liegt auch an der Reproduktionstechnik. Die original Comiczeichnungen werden verkleinert und verwischen so die Haltung des Zeichners. Dazu kommen Drucktechniken, das Herstellen von Halbtönen und Farbflächen die im Endprodukt keine Rückschlüsse auf den Körper des Zeichners zulassen. Diese Aspekte denkt der Comic-Zeichner bereits beim Zeichnen mit und verabschiedet sich, wie sein Leser, vom Original. Hier ähnelt er einem Schreibenden, nur das der Comiczeichner sein eigenes Figuren- Alphabet erschafft. Erstaunlich dabei ist die einzigartige Fähigkeit Figuren im Bildraum zu bewegen. Der Comic ist eben nicht nur in seiner Beziehung von Bild und Wort ein Zwitterwesen, sondern auch in Hinblick auf den Zeitaspekt. So lebt der Comic zwar vom Handwerk des Zeichnens, ohne das jedoch Zeit in das Endprodukt eingeht.

Eugene Adget,Innenhof, Rue Broca 41, 1912.
Deutlich wird, was mit dem „Einschreiben der Zeit“ in Arbeiten gemeint ist bei der Fotografie, der selbst technische Reproduktion, Verkleinerungen und Vergrößerungen kaum etwas anhaben kann. Die technische Reproduktion greift diese nicht im Kern an. Dabei wird deutlich was die unterschiedlichen Künste von einander trennt.
Bei der Unterscheidung der Künste spielt der Mythos des Originals auch seine Rolle, ist dieser immer auch mit einer der Unterwerfung des Körpers in Ritualen, wie Kaufrituale, Museumsbesuche, Verweildauer vor Bildern etc. eingebunden und wird damit sozial geprägt ist. Ebenso wie die Verweigerung der Unterwerfung eine soziale Prägung hat. Rituale, bei denen es immer auch heißt; wovon möchte ich mich beherrschen lassen und wie weit kann und will ich meinen Körper einstellen. Dieses „ kann und will “ könnte mit Kultur als Mittel der Selbsterkenntnis zu tun haben. Darum reden wir über Bilder und die Einstellung zu Bildern.

Eugene Adget,Hof, Rue des Bourdonnais 22 und 24, 1913.
Inspirationsquellen parallel gelesen: Plaque 02, Magazin für Wort und Bild, avant-verlag, mit einer Geschichte von David B. zum Jorge Luis Borges Thematik („ Bibliothek von Babel“), so wie einem Recherche-Comic von Uli Lust und Bildern von Anke Feuchtenberger, die einen weg zwischen Einzelbild und Bildergeschichte sucht. 16.95 Euro, www.avant-verlag.de
Strapazin, Peur(s) du noir, Nr.88, das einzige regelmäßig erscheinende Deutschsprachige Comicmagazin. Strapazin wurde 1984 gegründet und liefert Monatlich Themenhefte zum Medium Comic für 6 Euro. Die Septemberausgabe ist eine besonders Schöne. Thema: Comic und Film, sowie Comic und Storyboard .Dazu gibt es drei in sich geschlossene Geschichten. Was Film und Comic betrifft kommt hoffentlich etwas auf uns zu; Richard McGuire, Lorenz Mattotti, Charles Burnes und die aus dem Iran stammende Marjane Satrapi haben Filme fertig gestellt. www.strapazin.de, alles über die filme: www.fearsofthedark-themovie.com
„Vertraute Fremde“ von Jiro Taniguchi. Die Reise eines End 40ers in seinen 14 jährigen Kinderkörper. Also ein `Zurück in die Zukunft´- Thema. Hier nur möchte der Protagonist mit dem Wissen des Erwachsenen den Zerfall seiner Familie verhindern. Spannend erzählt und es trägt die 400 Seiten locker. Leider illustrieren die Zeichnungen lediglich, es entsteht kein bildlicher Subtext. Auch dieses Buch wird verfilmt. Verlag: Carlson, Graphic Novel. 19.90 Euro. www.carlsoncomic.de
„Die feinen Unterschiede“-Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Pierre Bourdieu, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 19.50 Euro. Buchdeckelrückseite: Kunst und Konsum eignen sich glänzend zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion: der Legitimierung sozialer Unterschiede.

Charlotte Salomon
Charlotte Salomon Geb. 16.4.1917 in Berlin
Gest. 1943 im KZ Auschwitz: Für alle die sich für das Verhältnis von Schrift und Bild und Bildeinteilungen (Panels), Bildfindungen, Erzählstrukturen und , und ,und...einfach für großartige Kunst interessieren, müssen sich ihre Arbeiten ansehen. 250 von insgesamt 3000 Zeichnungen/ Malerei sind noch bis zum 25.November im Jüdischen Museum Berlin zu sehen, danach werden sie wieder für die nächsten 50 Jahre verschwunden sein. Und die Farben sind viel feiner als im Katalog ( 25 Euro), der als Bilderbuch trotzdem hervorragend funktioniert.
www.juedisches-museum-berlin.de

Charlotte Salomon
Eugene Atget (1957-1927), erste Retrospektive in Deutschland. Sie ist eine einzigartige Meditation über das Leben, Zeit und Körper in der Fotografie, sowie die Poesie des Lichtes. Es geht um die Gleichwertigkeit der Dinge vor dem Auge der Kamera. Es geht um wie die Gegenwart von Menschen bei präsenter Abwesenheit und ihre Abwesenheit bei fotografischer Anwesenheit. Dabei geht es geht um begriffliche Unterschiede, wie dei von Schein und Erscheinung. Diese Ausstellung ist kein leichter Rausch und es dauert 2 Räume bis der Trip wirkt- man weiß ja nie so genau wie man den Körper beim Betrachten von Fotos einstellen soll, ist ja immer gleich so viel drauf.
Mit das Beste was Berlin zur Zeit zu bieten hat. Und die Originale legen hier noch einmal einen drauf. Bis zum 6.Januar 2008. www.gropiusbau.de.

Eugene Adget, Gießer, 1898 aus der serie: Paris pitoresk,1.Serie.
Christoph Bannat, 26.09.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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