Michael Reuter | Kritik
Stuhl, Stulle und stundenlang Zeit
Stan Douglas. Past Imperfect
Werke 1986 – 2007
Württembergischer Kunstverein und Staatsgalerie Stuttgart
15. September 2007 – 06. Januar 2008

Stan Douglas, Journey into Fear, 2001, Filminstallation/Film installation, Still, © Stan Douglas, Pressefoto Württembergischer Kunstverein
Klar kann man jetzt dicke Backen machen und den intellektuellen Prügel rausholen. Aber die Werke des 1960 in Vancouver geborenen Stan Douglas funktionieren, jenseits von allem lexikalischen Wissen, auch auf der emotionalen und ästhetischen Ebene sehr gut. Seine Filme sind perfekt inszeniert und entwickeln trotz ihrer ungewöhnlichen Form einen spannungsreichen Sog, dem man gerne länger folgen würde – gäbe es in den riesigen Dunkelkammern des Württembergischen Kunstvereins und der Staatsgalerie Stuttgart nur angemessene Sitzgelegenheiten.
Stan Douglas beschreibt seine Videoinstallationen als »rekombinierte Erzählungen«: Die einzelnen Film- und/oder Tonsequenzen werden durch eine Computersteuerung immer neu arrangiert, so dass es mehrere hundert Stunden dauern kann, bis sich eine bestimmte Abfolge wiederholt. Klingt gruselig langweilig, funktioniert aber besser als erwartet, was vor allem daran liegt, dass der Künstler unsere Ansprüche an die Optik eines Films erfüllt. Die Schauspieler sind Profis und die Mise en scène ist Lichtjahre entfernt von den finanzklammen Improvisationen hiesiger Experimentalfilmer. Dazu kommen die intensiven Projektrecherchen von Douglas, die den Werken ihre inhaltliche Komplexität geben. Das Scheitern moderner Utopien, fremde Welten, der Kolonialismus und das Auftauchen von »Gespenstern« im Zuge der zerfallenden Gesellschaftsmodelle sind die Themen seiner Fotos und Filme, die sich darüber hinaus auch immer mit dem Medium selbst, mit der Macht, der Lüge und der Wahrheit der Bilder beschäftigen. Für 5,– EUR ist ein Kurzführer erhältlich, der gute Dienste leistet.

Stan Douglas, Klatsassin, 2007, Videoinstallation/Video installation, Still © Stan Douglas, Pressefoto Württembergischer Kunstverein
Sein Film Klatsassin (2006) spielt an einem Tag X während der Zeit des Goldrauschs im kanadischen Cariboo im Jahr 1864. Es geht um eine mörderische Auseinandersetzung zwischen Ureinwohnern und Einwanderern, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird und an Akira Kurosawas Film Rashomon von 1950 erinnert – nur dass Douglas 840 Variationen mit einer Spielzeit von 67 Stunden anbietet. Ein älteres (und kürzeres) in Deutschland entstandenes Werk, Der Sandmann von 1995, verzahnt zwei 360° Schwenks durch einen typischen Berliner Schrebergarten zu einer bedrückenden Filminstallation, die sich auf E.T.A. Hoffmans Erzählungen bezieht. Der Garten wurde in einer heruntergekommenen Halle der Babelsberger Filmstudios nachgebaut.
Im Zuge der Recherchen entstehen auch die eindrucksvollen Fotografien, die, wie Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung schreibt, »zu brillant sind, um als nacktes Recherchematerial abgetan zu werden, oft aber auch zu nebensächlich, um als autonome Fotografien zu überzeugen«. Hanno Rauterberg meint dagegen in der ZEIT: »Es sind Fotografien von verblüffender Brillanz und oft so süffig komponiert, dass man sie mit den herben Stückelwerken der Filme kaum zusammenbringt. Und doch bleibt Douglas hier wie dort einem Thema besonders zugeneigt: dem Absterben, dem Tod.«
Eine lohnenswerte Ausstellung, die allerdings mit ihren 14 Video- und Filminstallationen und über 120 Fotos vor allem Folgendes erfordert: Stuhl, Stulle und stundenlang Zeit.
Württembergischer Kunstverein
Schlossplatz 2
D-70173 Stuttgart
Michael Reuter, 21.09.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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