Gastbeitrag | Kritik

3 von 2000 ...

... Künstlern auf dem Artforum Berlin, die nach dem Abbau der Kunstmesse hängengeblieben sind.

von Fritz Balthaus

Art Forum Berlin
About Beauty
29. September bis 3. Oktober 2007

Villeroy & Boch

Die erste Arbeit ist meines Wissens nicht einmal offizieller Teil der Messe, sondern einer Umdeutung auf deren Herrentoilette zu verdanken. Anonyme Autor/innen haben die seriell installierten Urinoirs der Messetoiletten jeweils mit dem Faksimile MUTT 1917 bezeichnet. Marcel Duchamps Pseudonym bei der Einreichung des Urinoirs zur Armory Show 1917 wurde an den Pissoirs angebracht, so daß der Schriftzug „MUTT 1917“ mit dem Produzentenlogo „Villeroy & Boch“ konkurriert. Beide scheinen industriell in die Keramik eingebrannt zu sein. So werden die kunstgewordenen Urinoirs dem ursprünglichen Zweck wieder rücküberantwortet, was nach 90 jahren eine gewisse Erleichterung bedeutet, ähnlich dem Männeraustreten an der gekachelten Periferie des Messekontextes selbst. Die funktionalen WC Räume sind noch nah genug an den Messeständen, um als Kunstort mitgedacht zu werden, und weit genug entfernt, um die teure Standgebühr zu sparen. Der Firma Villeroy & Boch kann man nur nahlegen, von diesem Prototypen im Nachzug eine limitierte Firmenedition herauszugeben – in Kooperation mit den von ihnen auszumachenden Autoren, die bitte darauf achten, dass die Exemplare nur im Sanitärbereich aufgestellt werden, besonders in Museen.

List & Leistung

Ein Teppich von Rodney Mcmillian schöpft die Möglichkeiten maximaler Umdeutung und Umwertung des Kunstkontextes aus. Der Künstler hängt einen verschlissenen, völlig verdreckten Industrieteppich wandfüllend in den Messestand der Galerie Susanne Vielmetter, Los Angeles und lässt den schmalen Teppichflur des Raumes, aus dem dieser Teppich stammt, auf dem Boden der Messebooth auslaufen. In den gewohnten Bildraum gehängt, kann jede Spur vorheriger Teppichbenutzung im Sinne der interpretativen „Auslegungsware“ weit ausgelegt werden. Aber um all das wird es hier nicht nur gehen, denn die eigentliche List und Leistung des Künstlers - und seiner Arbeit auf der Messe - besteht wohl darin, eine Galeristin gefunden zu haben, die darauf vertraut einen Sammler dafür zu finden. Käufer mit Vertrauen in die bewährte Nobilitierungsmaschine des Kunstkontextes, der sich hier sehr produktiv selbst überprüfen kann. Der Teppich scheint leider den Schönheitsfleck zu haben, dass diese starke Arbeit ein ästhetischer Ausreißer im Werk dieses Künstlers ist.

Weise & leise

Als dritte eine Papierarbeit, die auf sehr wirkliche und wirksame Weise den grafischen Bildraum mit dem des Messeraums verbindet. Die Künstlerin Tove Storch hat zwei Bogen Papier so an ihre Atelierwand gehängt, dass deren Papierecken und -rundungen Schatten auf die Blätter warfen. Diese Schatten sind im Nachgang auf das Papier gedruckt worden und so an der Messewand der Kopenhagener Galerie Kirkhoff aufgehängt, dass sich die gedruckten Schatten mit den wirklichen Messeschatten zusammentun. Weise und leise.

Fritz Balthaus ist Künstler und lebt in Berlin

Gastbeitrag, 04.10.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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