Michael Reuter | Kritik
Ciao Block Beuys
Über den vorerst letzten Blick auf den Block Beuys am 30.09.2007 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Im Hessischen Landesmuseum Darmstadt
Nicht zu glauben, seit 1986 ruht Joseph Beuys in Frieden und immer noch streifen die ewigen Wiedergänger ultrakonservativen Kunstempfindens durch die sieben Räume im zweiten Stock des Hessischen Landesmuseums, um sich über Fettecken, verschimmelte Würste und gestapelte Filzmatten zu erregen. »Das ist keine Kunst, der will nur provozieren!«, ein Satz, den ich seit Jahren für ausgestorben hielt, fällt tatsächlich und vermutlich täglich im Zusammenhang mit seinen Installationen. Nun wird das ganze Museumsgebäude am Friedensplatz in Darmstadt renoviert und während der weltweit größte Werkkomplex von Beuys mit über 250 Objekten aus den Jahren 1949–1972 in einen tiefen Schlaf fällt, tobt draußen seit Monaten ein erbitterter Streit über die Art und Weise, wie der Block in Zukunft präsentiert werden soll.
Auf der einen Seite stehen die konsequenten Erneuerer, die sich mit der alten, verfärbten und nachgedunkelten Jutebespannung der Wände und dem fleckigen, fadenscheinigen Teppich nicht länger abfinden mögen. Neu und schön soll alles werden, mit Holzparkett und Industrieestrich, die Wände weiß gekalkt; neue Beleuchtung, Klimatisierung und Sicherheitstechnik verstehen sich von selbst. Letzteres wünschen sich auch die Traditionalisten, aber Jutebespannung und Teppichboden werden mit Zähnen und Klauen verteidigt. Schließlich fand der Künstler die Wandbespannung nicht wirklich schön, hat sich aber mit dieser arrangiert, und sie damit höchstselbst in den Stand eines unbedingt mit dem restlichen Werk verbundenen Teils der Installation erhoben.
Und tatsächlich harmoniert die erdig-braune Bespannung wunderbar mit den ausgestellten Exponaten. Sie hüllt die alchimistischen Wunderkammern des Kunstschamanen in ein wohliges Halbdunkel. Die kleinen, vollgestellten Vitrinenräume werden zu Höhlen, in deren Dunkel langsam zerfallende Objekte ihre Wärmeenergie abgeben.
Was tun? Neuinstallationen der Werke von Beuys hinterließen in der Vergangenheit oft blutleere Arrangements, denen jedes mythische Raunen abging. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und so wird der Block Beuys gemeinsam mit Hundertschaften ausgestopfter Vögel, Dinosaurierskeletten, urgeschichtlicher Versteinerungen, Glasmalerei, Jugendstilobjekten, Skulpturen und Gemälden vom Mittelalter bis zur Moderne geduldig der Dinge harren, die da kommen.
Auf ein Wiedersehen im Hessischen Landesmuseum im Jahre 2011.
Weiter Infos unter:
Block Beuys (Wikipedia)
Initiative Block Beuys
Block Beuys (Beuys.org)
Michael Reuter, 02.10.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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