Gastbeitrag | Kritik
Kaiserhoden
von Roland Fuhrmann
Matthew Barney
Kaiserringträger der Stadt Goslar 2007
Mönchehaus Museum für moderne Kunst Goslar
6.10.2007 bis 13.1.2008

Heute wurde in der alten Kaiserpfalz zu Goslar zum 32. mal der renommierte Kunstpreis „Kaiserring“ an Matthew Barney (*1967) verliehen. Er ist damit wohl der jüngste Kaiserringträger und verstörte die gesetzten Goslarer Kunstfreunde gehörig. CREMASTER heißt sein berühmter fünfteiliger Filmzyklus und bezieht sich auf den musculus cremaster, den Muskel, der den männlichen Hoden temperaturabhängig hebt und senkt.

1. Kaiserringträger Henry Moore: "Goslarer Krieger", Bronze, seit 1975 im Garten der Kaiserpfalz
Die Kanzlerin depeschiert aus Südafrika ihre Glückwünsche zu Barneys Kaiserring und wünscht sich und uns „noch weitere intensive Begegnungen mit seinen Werken“, die sie „metaphorisch, transformatorisch und facettenreich“ nennt.
Großartig aber war die Laudatio des Vorsitzenden der Kaiserring-Jury, Herrn Dr. Dieter Ronte vom Kunstmuseum Bonn, die man auch als Katalogheft zur Ausstellung kaufen kann, von Barney selbst gestaltet.

Matthew Barney hält den soeben erhaltenen Kaiserring hoch
Die Faszination des Kaiserringes besteht im scheinbar völligen Kontrast des biederen Fachwerk-Goslars zu den schillernden Helden der modernen Kunstwelt. Doch dann bei der Verleihung des Ringes im großen Saal der neuteutonischen Kaiserpfalz, dessen Wände mit riesigen wilhelminischen Historienbildern bedeckt sind, ist klar: der Ort ist perfekt. Goslar ist an diesem einen Tag im Jahr Weltkunstwalhall.

Barney beim Bad in der Menge
Von Barney zu Joseph Beuys, der 1979 den 5. Kaiserring erhielt, werden gern Parallelen gezogen. Beuys war der große Kunstschamane, nach Filz müffelnd und mit totem Mümmelmann im Arm. Seine Nachkriegskunst ist weitgehend keusch. Nur das wiederkehrende Hirschmotiv könnte brunftig gedeutet werden. Barney dagegen verschreibt seinen bedeutendsten Werkzyklus einem Genitalmuskel und gibt damit das Programm vor. Er ist eine Generation näher dran und erweitert die Geschlechtlichkeitsgrenzen um Bereiche, die zu keinem reproduktiven Ziel führen. Barney dazu: „Tja, ich glaube, für mich ist erotisch immer autoerotisch.“
Neben dem gemeinsamen Heraufbeschwören des Absurden gibt es auch Parallelen im Ausdruck beider Künstler. Beuys hegte eine Vorliebe für Fett, dessen unvermeidliches Schicksal ranzig ist. Der Amerikaner Barney hingegen mag klebrige weiße Vaseline, künstlich erdölraffiniert und weitgehend alterungsbeständig. Auch hier ein mehr sexuell als mythologisch determiniertes Material.

Matthew Barney beim geduldigen Signieren
Gespannt war ich doch, wie Barneys Vaseline-Plastik-Weiss unter den niedrigen Holzbalkendecken des 500 Jahre alten Mönchehauses wirken würde. Doch sein Werk bestand diese Probe. Die bekannten immateriell weißen Tischvitrinen schweben auch auf knarrenden Tannendielen. Nur seinen weißen Bodeninstallationen bekommt die Mittelalterenge nicht so gut, oder ist hier nur die Beleuchtung zu gelb? Die Vitrinen hat er sparsam arrangiert mit einem aufgeräumten Sammelsurium aus Bildern, Büchern und Artefakten, die alle während der Ideenfindung auf seinem Schreibtisch herumgelegen haben könnten. Eine persönliche Überraschung waren die phantastischen Fotogroßformate besonders zu „Drawing Restraint 9“ (2005) aber auch zu „De Lama Lâmina“ (2004). In diesen aus dem Fluß der Zeit herausgegriffenen Momenten ist Barneys Ruhe noch vollkommener, weil Fotos nie langatmig werden können.

Barney mit Kaiserringschatulle und seiner Galeristin Barbara Gladstone
Unmöglich ist die Präsentation seiner Filme im Museum. Von der Kinoleinewand in multiple Flachbildschirme zurückgesperrt degenerieren sie beinahe zu Fernsehbeliebigkeit und verleiten zum Zappen. Der mächtige Klangteppich seiner Frau Björk kommt gar nicht zur Geltung. Aber die Filme werden auch in einem Goslarer Kino gezeigt.

Barney-Autograph auf Katalogtitel
Der Kunstpreis „Kaiserring“ wurde 1975 von TH. K. Peter Schenning „erfunden“ und im selben Jahr an Henry Moore verliehen. Sein imposanter „Krieger“ aus Bronze ist im Garten der Pfalz zu sehen. Jeder der jährlich folgenden Kaiserringträger, alles erstrangige Namen, hat in Goslar Werke hinterlassen: Max Ernst, Calder, Serra, Bill, Ücker, de Kooning, Chillida, Baselitz, Christo, Richter, Kiefer, N.J. Paik, Horn, Polke, Boltanski...
Der Preis besteht aus einem dicken Goldring mit Aquamarin, der einen fiktiven romanischen Siegelring Kaiser Heinrichs des IV. (1084-1106) mit Reichsadler und Zepter darstellt. Der Ring wird jährlich von Hadfried Rinke in Worpswede angefertigt. Ein Preisgeld gibt es nicht. Bedingung ist die persönliche Entgegennahme in der Goslarer Kaiserpfalz und eine Ausstellung im Mönchehaus Museum für Moderne Kunst.

Ausstellung des Kaiserringträgers Matthew Barney im Mönchehaus Museum für Moderne Kunst Goslar
Zum Schluß mußte ich mir doch noch den Katalog von Matthew Barney signieren lassen. Er huschelt seinen Namen schnell hin bis zum Schluß-Ypsilon. Das zieht er ganz langsam nach unten aus wie ein Gemächt.

Foto aus “Drawing Restraint 9”
Also auf nach Goslar in die herbstlichen Wälder des Harzes, nur kurze zweieinhalbe Bahnstunden von Berlin weg, denn : „Es ist wie ein Verdauungssystem, alles muß da durch und wird am Ende ausgeschieden.“ (Barney über Barney)

Installation im Mönchehaus Museum für Moderne Kunst Goslar

Foto aus "De Lama Lâmina"
Roland Fuhrmann, 06.10.2007
Link: http://www.moenchehaus.de/traeger/barney/barney.html
Gastbeitrag, 08.10.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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