Michael Reuter | Bücher
Weiblicher Blick auf die Kunst
Ute Scheitler und Judith Welsch-Körntgen
Frau sieht das, was Mann nicht sieht
Der weibliche Blick auf die Kunst
Belser Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7630-2479-7, 128 Seiten mit 100 Farbabbildungen, gebunden, Format 29 x 25,5 cm, 19,95 EUR
Der Bildband versammelt fünfzig kurze, flott geschriebene Bildkommentare zu »Meisterwerken der Malerei« aus weiblicher Sicht. Die Auswahl ist züchtig und ohne Überraschungen: Picasso, Rembrandt, Cranach, Monet aber auch vieles aus der zweiten Reihe. Mit Warhol und Lichtenstein hört die weibliche Kunstgeschichte im Jahr 1965 plötzlich auf. Die meisten aufgeführten Werke hängen in der Stuttgarter Staatsgalerie, in der die beiden Autorinnen auch freiberuflich arbeiten. Sie moderieren hier die »erfolgreichen Frauen-Kunst-Gespräche«.
»Geht man heute durch die Kunstmuseen der Welt«, so die Autorinnen, »trifft man überwiegend auf ein weibliches Publikum.« Aber erschöpft sich der weibliche Blick und sein Wille zur Rezeption eines Kunstwerks wirklich auf Männer- und Frauenrollen, Schönheit, Essen und Trinken, Paare, Familie und Sonntagsbilder? Themen, die man mit einem eher traditionellen Rollenverständnis verbindet und die dem Buch als Gliederung dienen. Frauen »identifizieren sich mit dem Dargestellten und wollen die Geschichte entdecken, [...] betrachten Kunst emotional und einfühlsam«. Schön und gut aber es erstaunt, dass die weibliche Sicht der Dinge sich wirklich so darstellt, wie man(n) es immer befürchtet hat. Überschriften wie »Das Schicksal in der Hand«, »Früher war alles besser?« und »Im Schmerz vereint« lassen eher an eine Telenovela, als an ernsthafte Bildexegese denken. Die Besprechung von Wybrand de Geests »Familienbild« von 1621 endet mit der Festestellung: »Wo gibt´s denn heute noch so eine heile Familienwelt? Nur in der Regenbogenpresse, mit ihren Hochglanzfotos von Adels- und Prominentenfamilien?« Hätte dieses Buch ein Mann geschrieben, er sähe sich (zu recht) wütenden Fragen zu seinem konservativen Frauenbild ausgesetzt.
Ein Bildband also für Frauen, die sich sonst mehr mit dem »Goldenen Blatt« als mit Kunst beschäftigen und hier vielleicht einen ersten Zugang finden könnten? Kunst für eine kurzweilige Stunde auf der Terrasse, bevor die Gäste zum sonntäglichen Kaffeekränzchen kommen? Eva Hermann wäre begeistert.
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Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in Artheon – Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche.
Michael Reuter, 11.10.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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