Michael Reuter | Kritik

Abenteuer Sammlung – Work in Progress

Konzentriert! Kunst von 1350 bis heute
Staatsgalerie Stuttgart
17. November 2007 bis 17. November 2008


Raum 32, © Staatsgalerie Stuttgart/Gerhard Ziller 2007

Sean Rainbird, seit Ende 2006 neuer Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie, traten jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn er auf die Schätze blickte, die wegen der Renovierungsmaßnahmen der Öffentlichkeit seit Jahren nicht zugänglich waren. So macht man nun in Stuttgart aus der Not eine Tugend und versucht sich in der Neuen Staatsgalerie an einer Neuhängung von Teilen der Sammlungsbeständen aus der Zeit vor 1900. Der postmoderne Bau des englischen Architekten James Stirling wird so für ein Jahr zur Heimat handverlesener Exponate, bevor die Alte Staatsgalerie Ende 2008 wiedereröffnet wird. 15 Räume stehen für 800 Jahre Kunstgeschichte zur Verfügung, eine Herausforderung, die nur die Präsentation eines Konzentrats der Bestände erlaubt, die quinta essentia der Staatsgalerie.


Sean Rainbird

Rainbird geht es um eine kontinuierliche Arbeit mit der Sammlung, auch weil es mit Leihgaben immer schwieriger wird. Dieser Ansatz ist sparsam, ehrenwert, aber auch riskant, denn das »Abenteuer Sammlung« geht ins Detail und verlangt vom Betrachter mehr Verständnis für Zusammenhänge als eine Prunk-Ausstellung nach dem Motto »Manet, Monet, Money«, auch wenn ein Erfolg derartiger Projekte nicht automatisch gegeben ist.

Bilder verschiedener Epochen treffen sich nun in weißen Räumen und luftiger Hängung. Es ist noch genug Platz, um das eine oder andere Stück hinzuzufügen oder zu entfernen. Hier trifft die 1558 gemalte Venus von Giorgio Vasari auf die Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck, Paninis imaginäre Galerie »Roma Antica« von 1754/1757 auf eine Reflexion über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft künstlerischen Schaffens des 1940 in Genua geborenen Arte poverta-Künstlers Giulio Paolini und der riesige Kopf des schrecklichen Hulks von Jeff Koons begegnet Cranachs »Judith mit dem Haupt des Holofernes«.


Raum 28, © Staatsgalerie Stuttgart/Gerhard Ziller 2007

Ob die neue Hängung funktioniert, ob es zu einer Spannung zwischen den Werken kommt, die im Zusammenspiel mehr ist, als die Summe ihrer Teile, muss jeder Besucher, müssen auch die Mitarbeiter der Staatsgalerie unter Sean Rainbird, im fortgesetzten Diskurs erst herausfinden. Eine Aufgabe, die sich lohnt und die in der von Geldsorgen gebeutelten deutschen Museumslandschaft einen Weg in die Zukunft weist. Selbstverantwortlich, konzentriert und anspruchsvoll.

Link: Staatsgalerie Stuttgart, Ausstellung Konzentriert

Michael Reuter, 18.11.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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