Christoph Bannat | Bücher

Blalla W. Hallmann - Interview mit Matthias Reichelt

Die Sprache verschlagen. Die Bildgewalt des Blalla W. Hallmann
Herausgeber: Matthias Reichelt
Hardcover- Verlag für Moderne Kunst Nürnberg
ISBN: 978-3-939711-91-2
EUR 35,00


Blalla W.Hallmann, Ausschnitt, Titel: Der Bad Ausschwitzer Kinderchor singt wieder zur deutschen Weihnacht am Denkmal zur teu(t)schen Eintracht in Originalkostümen. 1993, Acryl auf Leinwand 80 x 100 cm

Dieser unheilige und antireligiöse Zorn ist selten geworden. Auch deshalb ist die Monografie über den Künstler Blalla W. Hallmann mehr als nur eine Dokumentation. In Zeiten, in denen Religion wieder verstärkt politisch instrumentalisiert wird, bekommt auch dieser, der Aufklärung verpflichtete Zorn eine neue Bedeutung. Dabei bedient sich Blalla W. Hallmann (1941–1997) in seinen Bildern durchaus einer mittelalterlich-christlich anmutenden Ikonografie.


Blalla W.Hallmann, Ausschnitt, Titel: Frohe Weihnacht- es wird durchgearbeitet (groß deutsche Kraftwerks-Union) 1990,Acryl auf Leinwand 80 x 100 cm

Die Monografie mit dem Titel „Die Sprache verlagen – Die Bildergewalt des Blalla W.Hallmann“ ist mehr als ein Bilderbuch, dafür sorgen die Beiträge von Klaus Theweleit, Titus Milech und Anja Zimmermann, neben denen von Klaus Theuerkauf, Jörg Schröder, Barbara Kalender und Matthias Reichelt sowie Udo Kittelmann. Letzterer zieht dann auch „den (politischen? [Anm. des Autors]) Schwanz“ ein vor den Bildern Hallmanns, wie er selbst schreibt. Eine männliche Metapher für Präsenz in der Welt. Die Monografie aber geht über solche Metaphern hinaus. Sie ist Statement für jene, welche die vorgekauten „Spiegel“- und Guido-Knopp-Aufarbeitungen über WK II und die 68er-Revolte, zum Kotzen finden. Blalla W. Hallmann musste die Braune Suppe seiner Elterngeneration – wie viele der Autoren – als unmittelbar Betroffener noch selber auslöffeln und anschließend auskotzen, um zu Überleben, um Wachsen zu können. Worüber man nicht sprechen kann, davon soll man sich ein Bild machen. Für Hallmann ging der Leidensweg über die Flucht aus Pommern nach Emsdetten, (Kunstakademie in Düsseldorf, Meisterschüler in Nürnberg) nach Berlin ins Drogenmilieu San Franciscos der Jahre 1967–69, in denen er auch Robert Crumb traf, über die deutsche Psychiatrie und mehrere Selbstmordversuche. „Verrückt werden in San Francisco“, schreibt Klaus Theweleit: „Lässt man all das sonst Ausgeschlossene in den eigenen Körper einströmen, wird man verrückt, als Einzelner. Ließe eine ganze Kultur es einströmen, wären die Folgen unabsehbar.“ Unabsehbar waren die Folgen vielleicht einen Moment lang im Jahre 1968, eine heilsame Verwirrung stiftend, wie wir heute sicher sagen können. Und er schreibt weiter: „Hitler ‚realistisch’ im Verfolgen irgendeines seiner Ziele abzubilden ‚entlarvt’ nichts. Hallmann demaskiert nicht, nein, er maskiert Hitler und seine Umgebung mit allen erdenklichen notwendig zu ihnen gehörenden fürchterlichen Details.“ Und folgert mit Gottfried Benn: „Nur wer halluziniert, erblickt das Reale.“ Das zeigt auch die mögliche halluzinatorische Kraft des Mediums Malerei und Kunst im Allgemeinen. Zu den Möglichkeiten von Halluzinationen gehört für Hallmann auch Mickey Mouse und dessen Familie, die ihm als die Fortsetzung der Siegfried-Sage mit anderen Mitteln gilt. Theweleits Vorschlag: Je ein Hallmann Blalla- Hitler Piss-Painting rechts und links vom Eingang zu Wagners Bayreuth-Tempeln anzubringen, „zum Durchdefilieren für deutsche Politiker, als Lackmus-Porno-Test“ sollte beherzigt werden. Porno, hier freilich im Sinne von Achternbusch: Dass die Deutschen Hitler über alles geliebt haben. So sehr, dass sie heute niemanden mehr lieben können. Dieser gerechte Zorn fehlt heute und er sollte bewahrt werden. Dieses Buch erinnert eben nicht nur an Blalla W. Hallmann, sondern auch an den Zorn einer zu tiefst unterdrückten Generation.


Blalla W. Hallmann, Titel: Fürchtet Euch nicht!, 1990, Acryl auf Glas, 120 x 110 cm

Mir kam der unheilige Zorn von Klaus Theweleit (geb. 1942 ) und Titus Milech (geb. 1947), der Sound dieser Texte, wie ein alter Sound vor. Eine Mischung aus Politik und Sexualität, auf der Grundlage persönlicher Verletzungen. Ein Sound den (der frühe) Peter Handke, Thomas Bernhard oder Rolf Dieter Brinkmann hatten. Ein Sound, der einen heute wieder sehnsüchtig macht, wonach eigentlich?

Fragen an den Herausgeber Matthias Reichelt (M.R.)

Christoph Bannat (C.B.):
Hörst du diesen Sound auch und wie empfindest du diesen?

M.R.: Bei Klaus Theweleit gehört diese Sound ja zu seiner grundsätzlichen Art der essayistischen Arbeitsweise. Das Überzeugende bei ihm ist ja das Synoptische von verschiedenen Disziplinen wie Filmästhetik und -geschichte, Popmusik, Politik, Literatur. Bei ihm fließt alles in einen analytischen Text, der eben viele Facetten eines Werk berücksichtigt und ausleuchtet, ohne jedoch kalt und unberührt zu erscheinen. Das hat mir schon immer gut gefallen. Das war ja genau die Angst der tradierten Germanistik in den 70er Jahren vor Theweleits Promotion „Männerphantasien“. Die konnten da nämlich überhaupt nicht mit. Was hat denn Germanistik mit Musik, Pop, mit Geschichte, mit der Shoah etc. zu tun?, haben die sich wohl verwundert gefragt. Einige Germanisten, viele davon in Berlin, haben sich damals vielleicht mit der Germanistik im Faschismus auseinandergesetzt, dann war sie aber schon gut, gleichzeitig aber ziemlich einsam. Heute ist diese Art der Interdisziplinparität längst durchgesetzt und wird geradezu gefordert. Auf Theweleit kam ich, da nur er mir geeignet schien, mit dieser Monstrosität von Hitler im Hallmannschen Werk gerecht umzugehen, ohne Hallmann gleich als krank abzustempeln. Und, Theweleit verhandelt ja Themen, die ihm selber nahe sind. Er kommt ja schließlich auch aus Ostpreußen wie Hallmann und außerdem sind sie altersmäßig nur ein Jahr auseinander.
Bei Titus Milech kommt zu der großen Kenntnis von Hallmann, seiner psychischen Probleme und seiner politischen Erkenntnisse sowie seiner intimen Kenntnis des Hallmannschen Werks, das Gefühl für die deutsche Sprache, die bei ihm sowohl psychoanalytisch geprägt ist, als auch durch seine große Distanz zu Deutschland. Er lebt und praktiziert ja seit sehr vielen Jahren in Marseille. Seinen Text zu redigieren, war nicht einfach, da wir (Josefine Geier und ich) nicht einfach mit dem Duden und der neuen Rechtschreibung ran wollten, sondern möglichst viele Stellen mit dem „ertastenden“ und bewußtmachendem Nachspüren der deutschen Sprache bewahren wollten. Beide Aufsätze, das hast du sehr richtig erkannt, kommen Hallmann und damit auch der „deutschen Krankheit“ sehr nahe.

C.B.: Warum klingt dieser Sound heute so sehnsüchtig ?

M.R.: Vielleicht liegt das daran, dass beide Autoren nicht verleugnen, dass sie die Thematik ebenfalls angeht, sie betrifft. Weder Theweleit noch Milech bleiben ja auf der üblichen wissenschaftlichen Distanz, sondern lassen Empathie und Aggression spüren.

C.B.: Wann hast du Blalla W. Hallmann kennen gelernt?

M.R.: Blalla habe ich 1990 über die Vermittlung von Klaus Theuerkauf kennen gelernt. Wir haben mit anderen zusammen damals die Ausstellung „Endlich – Postrevolutionäre Kunst im IV. Reich“ für die NGBK im Lapidarium organisiert. Dort war auch Blalla mit einem Bild über die merkwürdige Popularisierung von Faschismus als Musical-Thema beteiligt: „Der Bad Ausschwitzer Kinderchor singt Lieder zur deutschen Weihnacht vor dem Denkmal zur teutschen Einheit in Originalkostümen“ von 1990. Aber meine Bemerkung ist viel zu kurz gegriffen. In dem Bild steckt ja viel mehr. Es geht um die Verdrängung des großen und traurigen Themas der Vernichtung der europäischen Juden, Sinti und Roma und vielen anderen durch die Deutschen mittels der besoffenen Freude über die Vereinigung der dt. Staaten. Der 9.11.1989 übertünchte die Reichspogromnacht (an die deutsche November-Revolution, einer der wenigen positiven Bedeutungen, hat ja eh niemand gedacht). Das Zuwiderlaufen von Geschichte und gesellschaftlicher Stimmung, von Massenbewegung und Mob und wirklichen demokratischen Bewegungen (die ja immer minoritär sind), das alles und noch viel mehr kannst du mit diesem Bild verhandeln. Das hat mich damals sofort fasziniert. Wie berserkerhaft sich da jemand die Wut, kombiniert mit intelligenter Analytik und mit Geschichtsbewusstsein, von der Seele malt. Wer hat das denn gemacht?? Da war Hallmann immer einsam und ist auch heute noch ein Außenseiter.

C.B.: Welches Verhältnis hattet ihr zueinander?

M.R.: Ich glaube, wir mochten uns, auch wenn wir lang nicht so eng befreundet waren wie zum Beispiel Klaus Theuerkauf und Blalla. Dem sehr emotionalen Text von Klaus Theuerkauf merkt man das ja auch an. Mir gefällt sehr, wie er seine Trauer über den Verlust eines guten, vielleicht sogar besten Freundes bekennt.
Also, ich habe eine große Hochachtung vor Hallmanns Kunst gehabt und wir haben uns auch ab und an besucht.

C.B.: Was hat dich an Hallmann fasziniert ?

M.R.: Seine unopportunistische Haltung in Bezug auf seine thematische Obsession. Mit seinem Können hätte er sich das Leben einfacher machen können. Aber er konnte nicht, weil er die ganze Deformation von Gesellschaft und Menschheit gesehen hat und sie auf die Leinwand bringen musste. Freilich ohne sich darüber zu erheben. Er war sich seiner selber nie sicher. Deshalb hat er sich auch in einem Bild gleich mit SA-Uniform dazu gemalt. Es ist ja vermessen, wenn man meint, man würde immer nur auf der richtigen und meistens ohnmächtigen Seite landen. Blalla war viel zu klug dafür, nicht genau zu wissen, wie wenig dazu gehört, einen Sozialdemokraten oder Kommunisten von heute auf morgen in einen Nazi zu verwandeln, der bei der „Endlösung“ gleich selber Hand anlegt. Genau deshalb ist es ja so notwendig, sich immer wieder damit zu befassen, um zu versuchen, den Mechanismen auf die Spur zu kommen. Es gab ja die Entdeckung der Akten des Reserve- Polizeibattailons 101 aus Hamburg, die durch Christopher Browning in den 90er Jahren ausgewertet wurden. Dieses Batailon war an der als „Endlösung“ bezeichneten Politik der Nazis beteiligt und bestand formals aus „ganz gewöhnlichen“ Männern (SPD, KPD, etc.). Bis auf wenige Ausnahmen (die sich weigerten und denen kein Nachteil entstand!!!) haben alle anderen an den Erschießungen vor den Massengräbern mitgemacht. Diese Mechanismen meine ich, wie jemand allmählich von links nach rechts wandert, oder von einem Unpolitischen zu einem Antisemiten wird. Wir sind ja heute keineswegs gefeit davor. Da ich mich immer sehr mit dem Faschismus und der Shoah auseinandergesetzt habe, um die Frage zu klären: Warum?, war mir Blalla sehr nahe. Denn auch ihn trieb diese Frage um. Aber, um das klar und deutlich zu machen, es gibt keine Antwort darauf. Der Begründer der Holocaustforschung, der kürzlich verstorbene Raul Hilberg, hat mal ausgeführt, dass ihm eine Antwort darauf immer unwahrscheinlicher wurde, je länger er dazu geforscht hatte.

C.B.: Wie kam es zu der Zusammenstellung der AutorInnen im Katalog ?

M.R.: Ich wollte nicht irgendwelche alten Texte wieder verwenden. Mein Ehrgeiz war es, neue Leute für eine Beschäftigung mit dem Hallmannschen Werk zu gewinnen. Ich war neugierig auf neue Perspektiven, Ansätze und einen neuen Sound, um deinen Begriff aufzunehmen. Ich hatte auch vor, Elisabeth Bronfen für einen Aufsatz zu gewinnen, die aber leider keine Zeit hatte.

C.B.: Du hast zuvor Kataloge und Ausstellungen von Unica Zürn, Dorothy Iannone und letztens einen Film mit Boris Lurie zu seiner Person gemacht. Kannst du beschreiben, was alle gemeinsam haben?

M.R.: Da muss ich dich korrigieren. Bei Unica Zürn waren Klaus Theurkauf und Erich Brinkmann federführen und bei Dorothy Iannone Ulrike Abel, die auch an der Ausstellung mit Boris Lurie beteiligt gewesen war. Ich habe die jeweiligen Arbeitsgruppen von der Geschäftsstelle der NGBK aus nur betreut, wo ich 18 Jahre lang von 1986–2004 gearbeitet habe. Konzeptionell hatte ich mit beiden Ausstellungen nichts zu tun. Aber gleichwohl treffen sie sehr meinen Geschmack. Mich berührt obsessive und autobiografische Kunst sehr. Bei der NO!art mit dem zentralen Künstler Boris Lurie, einem Überlebenden der Shoah (1924 in Leningrad geboren und seit 1946 in New York lebend) war ich jedoch Teil der Arbeitsgruppe, die 1995 eine Ausstellung an zwei Orten (NGBK und im Haus am Kleistpark) organisierte und einen Katalog bei der NGBK herausgab. Mit Lurie bin ich dann in Kontakt geblieben und habe mich mit ihm sehr angefreundet. 2002 entstand dann bei mir die Idee, seine Erzählungen über seine Zeit in den verschiedenen Gettos und Konzentrationslager, die Vernichtung seiner Mutter, Großmutter, einer Schwester und seiner ersten Liebe, seine Ankunft in New York und die dortige Kunstszene auf Video aufzunehmen. Bei der Rückkehr allerdings fragte ich mich, was ich mit dem mehr als 7-stündigen Material machen sollte und kam auf die Idee, eine/n professionelle RegisseurIn zu suchen, um einen richtigen Dokumentarfilm zu drehen und mein Material dafür als Informationsgrundlage zu nehmen. Mir ist das dann über die Vermittlung eines Freundes gelungen. Reinhild Dettmer-Finke aus Freiburg hat den Film in Zusammenarbeit mit mir von 2002-2006 gedreht. In einer von 88 min. auf 58 min gekürzten Fassung wurde der Film im Sommer auf Arte zusammen mit Liliana Cavanis „Nachtportier“ in einem Themennabend zu Sex, Macht und Ohnmacht gezeigt. Er soll aber im nächsten Jahr nochmal in voller Länge im WDR laufen.
www.borislurie-derfilm.de

C.B.: Als Germanist und Amerikanist, als der du ausgebildet bist, denkt man zunächst an Literatur. Woher kommt dein Interesse für die bildende Kunst?

M.R.: Während meines Studiums am John-F.-Kennedy-Institut, das eine interdisziplinäre Struktur und ein dementsprechendes Lehrangebot hatte, belegte ich Seminare bei einem Soziologen, der über Themen wie die American Indian Movement, die Black Panther und die US-amerikanische Arbeiterbewegung unterrichtete. Der Dozent hieß Reinhard Schultz (er erhielt Berufsverbot und ist heute freier Kurator und Publizist, der u.a. das Tina Modotti-Buch bei Zweitausendeins verfasst und zusammengestellt hat) und wir freundeten uns an. Es kam die Idee auf, eine Geschichte der US-amerikanischen Arbeiterbewegung zu publizieren. Dann kamen wir auf die Idee, sie zu illustrieren. Schließlich wurden wir 1981 Mitglieder der NGBK und gründeten eine Arbeitsgruppe. Die Ausstellung wurde dann unter dem Titel „Das andere Amerika“ ab März 1983 in der Staatlichen Kunsthalle Berlin gezeigt. Damals war mein Verhältnis zur Kunst noch sehr rudimentär und vor allem haben wir die Kunst funktionalisiert und reduziert zur Illustration historischer Ereignisse. Mein Verhältnis zur Kunst ist heute ganz anders. Ich respektiere sie als eine ganz eigene Form der Wirklichkeit. Neben den Vorlieben für obsessive und autobiografisch geprägte Kunst interessieren mich aber auch alle anderen möglichen Formen, eben auch künstlerische Interventionen, ob im Öffentlichen Raum oder im White Cube. Wichtig ist für mich, dass die Kunst irgend etwas mit mir macht, dass sie mich in irgendeiner Art und Weise berührt und fordert.


Blalla W.Hallmann, Ausschnitt, Titel: Die Umwandlung Unwerten Lebens in Hochwertige Fleischkonserven( Nach einem Entwurf des Herrn Dr. Engele mit freundlicher Genehmigung des Ministerium für Soziales), Blalla-Humor Dienst, 1985. Acryl auf Holz, 150 x 100 cm


C.B.: Wie siehst du deine Position im Verhältnis zu den Künstlern?

M.R.: Ich sehe mich als Transmitter bzw. als Dienstleister. Es kommt darauf an, in welcher Funktion. Wenn ich über Kunst schreibe, so versuche ich sie dem Publikum nahe zu bringen, was nicht unbedingt bedeutet, dass ich für alles um Verständnis bitte und verstehbar machen möchte.
Das will ich nicht. Die Voraussetzung ist auch hier, dass die Kunst irgendwie mit mir in eine Beziehung tritt. Über Kunst, die ich langweilig finde, die mich kalt lässt, kann ich auch nichts machen. Aus diesem Grund habe ich auch schon des öfteren Eröffnungsreden abgelehnt, da ich mir nicht den Ruf erarbeiten möchte, zu jedem und allem irgendetwas an Standardformeln, die entsprechenden Textbausteine, abzusondern. Das machen meiner Meinung nach viel zu viel Professionelle. Von einigen, die ich so im Berliner Raum beobachte, weiß ich, dass sie Kunst „hoch“ und „schön“ reden, mit der sie kaum etwas anfangen können.
Aber du fragtest nach meinem Verhältnis zu Künstlern. Das ist schwierig zu beantworten. Klar habe ich im Freundeskreis oder besser gesagt Bekanntenkreis Künstler. Manchmal allerdings denke ich mir, es ist nicht gut, Künstlern zu nahe zu kommen bzw. sie überhaupt kennen zu lernen. Manchmal tut das der Kunst und der eigenen Hochschätzung nicht gut. In diesem Sinne bin ich aufgrund meiner Erfahrung mittlerweile sehr vorsichtig.

C.B.: All die oben genannten Künstler haben ein abgeschlossenes Œuvre, bist du heute einer Szene verhaftet, die noch an einem solchen arbeitet?

M.R.: Nein! Die Kunst ist ja sehr disparat geworden, vor allem in dem Bereich, den man konzeptuell nennt. Für mich einer der wichtigsten konzeptuellen Künstler ist Timm Ulrichs, der m.M. nach nicht genug rezipiert wird. Warum z.B. hat es von ihm immer noch keine wirklich große monografische Ausstellung gegeben z.B. im Kunstmuseum Bonn, in der Akademie der Künste (warum ist er dort nicht schon längst aufgenommen worden?) oder im Museum für moderne Kunst Frankfurt etc.? Das nur am Rande. Also Ulrichs Werk auf einen Nenner zu bringen, ist schier unmöglich. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum einige KuratorInnen vor ihm Angst haben. Er ist nämlich so vielseitig und umfassend und fundiert gebildet, damit können sich aber viele überhaupt nicht messen. Und hier kommen wir auf ein brisantes Problem: Dass nämlich diese ganze Kuratorenmischpoke sich oft (Ausnahmen bestätigen die Regel!) für klüger und wichtiger hält als die KünstlerInnen. Aus diesem Grund sehe ich mich in dem Job des Kurators (ich spreche lieber altertümlich vom Ausstellungsmacher, wo Hammer und Nagel anklingen) als Dienstleister und behutsamen Ratgeber. Ich würde mir niemals anmaßen, dem Künstler, der Künstlerin etwas zu oktroyieren, wenn es um die Ästhetik des Werks geht.


Blalla W. Hallmann, Ausschnitt, Titel: 1a Metzelsuppe 80er Baujahr( die >Wüste< brennt)( Hölle in spätgotischem Stil) good night old Europe, 1981.Tempera auf Hartfaser,76 x 158 cm

C.B.: Interessiert dich zeitgenössische Kunst?

M.R.: Mich interessiert die Kunst sehr, allerdings geht mir das Betriebssystem Kunst gehörig auf den Wecker. Diese ganze Wichtigtuerei, dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten nervt mich sehr. Was meinst du, wie viele Leute es gibt, die alles unternehmen, um in diesem Bereich ja nicht als subaltern zu gelten. Ich kann ja auf meine Erfahrungen bei der NGBK zurückblicken. Für mich gab es nie Berührungsängste mit irgendeiner Arbeit. Ob das Bilder aufhängen, den Boden wischen oder Sekt ausschenken bei der Vernissage betrifft. Alles musste gemacht werden und hat seine Bedeutung. Heute jedoch herrscht – das ist natürlich nicht nur im Kunstbetrieb so – das Gesetz des Scheins. Am liebsten würde sich jeder eine Visitenkarte drucken lassen und sich darauf als Direktor einer Abteilung ausgeben. Das ist alles so lächerlich. In diesem Bereich gab es mal ganz positive Ansätze zu fast kollektiven Formen. Alle haben bei einer Ausstellung zusammengearbeitet und der Eröffnung entgegengefiebert. Immer wieder war das ein Abenteuer. Alle haben wie bei einem Netzwerk an ihren Plätzen das Richtige oder Wichtige getan, alles war wichtig und notwendig für ein Gelingen und darauf waren am Ende alle gleichermaßen stolz. Heute ist es gerade in diesem Bereich zu einer Re-Hierarchisierung gekommen, die viel Leidenschaft kaputt macht. Der ungeheuere Individualisierungsdruck des neoliberalen Systems zwingt die Leute dazu, sehr früh ihre persönlichen Credits zu sammeln. Kollektivarbeit ist da nicht gefragt. Es geht nur um das ICH. Aber natürlich braucht es auch Leute, die das mit sich machen lassen. Es existieren ja auch positive Beispiele von Menschen, denen es in erster Linie um die Sache geht und nicht darum, ihr Ego zu befriedigen und sich im Rampenlicht zu sonnen. Aber ich will jetzt nicht noch mehr abschweifen.
Kurze Rede langer Sinn: Mir macht die Beschäftigung mit Kunst trotz der beschriebenen Begleitumstände viel Spaß, weil mich die Kunst immer wieder aufs Neue fordert und sie auch alles darf und nichts muss. Eines der Systeme, die jedem Versuch der Bändigung widerstehen. Deshalb ist Kunst auch so wichtig!


Blalla W.Hallmann, Titel: Der Pop-Star,1991,Acryl auf Leinwand,150 x 110 cm

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Christoph Bannat, 25.11.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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