Gastbeitrag | Bücher

Montage Bubbles

Susanne Weirich über

NORMALNULL
viewing room · SICHTUNGSRAUM
Ein Künstlerbuch in Erweiterung des Recherche- und Veranstaltungsraumes zur gleichnamigen Ausstellung
Organisiert, kuratiert, herausgegeben von Sibylle Hofter und Sven Eggers,
gefördert vom Hauptstadtkulturfonds, dtsch./engl.
Edition Schwimmer, Berlin 2007
ISBN 978-3-00-022828-5

Auf dem Cover hängt ein schmutziger Robert Gober-Fuß von der Brückenwölbung herab, darunter Spreekanalwasser. Auf Seite 31 ein Foto eines ebenfalls barfüssigen Mannes – Brian Catling, der eine mit Wasser gefüllte Glasschüssel auf dem Schoß hält und damit meditierend in der Ringbahn fährt. Orbitalperformance nennt sich das. Er dreht sich, während ein anderer mit einer identischen Schüssel im Drehrestaurant des Fernsehturms am Alexanderplatz sitzt. Normallnull dreht sich aber mitnichten um sich selbst. Es ist ein Künstlerbuch in Erweiterung der Ausstellung in und auf den Gewässern Berlins, die 2006 von Sibylle Hofter und Sven Eggers kuratiert wurde.

Beide haben auch dieses Recherche-Buch herausgegeben. Ein komplexes Entdecker-Buch über die Gleichzeitigkeit und das Umgekehrte. Es erklärt zugleich Dämme und bringt angestaute Gedanken zum fliessen. Über eine schwimmende Sauna mit integrierter Camera Obscura von Heidi Lunabba auf dem Weissensee etwa heisst es: »Da der See den Himmel spiegelt, ist oft nicht gleich zu erkennen, dass die Projektion auf dem Kopf stehen.« So kann einer voll bekleidet und mit Straßenschuhen in den See gehen und warten, bis das Wasser in den Campingkochern an Land verkocht (Markus Mußinghoff). Andere kommen wie der Bootgott Enki – eine Filmfigur von Robert Bramkamp – mit Turnschuhen aus dem See, um an Land zu helfen. Wieder andere laufen über das Wasser, tragen Fackeln über die Oberfläche, schreiben mit verlaufender Tinte bei Regen, spielen bei Überschwemmungen Backgammon, oder dürfen als Frauen nur bekleidet am Rand vom Toten Meer liegen, während der »appetite of the male for gadgets« (dieses Buch ist glücklicherweise zweisprachig) an mehreren Stellen amüsiert dokumentiert wird.

Normalnull zeigt wie Erzählen über Assoziationsketten funktionieren kann: Es wirft einen Stein ins Wasser und macht viele Kringel auf der Oberfläche: intelligente »Montage Bubbles« wie von Susken Rosenthal liegen da plötzlich real auf den Wasseroberflächen in Berlin Mitte. Badewannen, Blutsbrunnen und Barschel bleiben auf einer Bilderbuch-Seite, aber auch Aalto-Vasen, Gullideckel, Renzo Pianos Paul Klee-Museum und Weinkorken machen Wellen. Trockenschwimmgeräte bewegen sich nur testweise, die »Findelboje« von Monika Brandmeier bleibt fest an ihrem Platz, anderes bewegt sich unerwartet und schwimmt obwohl es sinken sollte: Material gewordene Piktogramme oder Prototypen sind die »Betonboote« von Sybille Hofter – denn »alles Sehnen ist schließlich geometrisch«.

Die Schwimmhelfer von »Normalnull« haben ein wunderbares Buch zusammengestellt, das in der Mitte auch textlich über die Ausstellung hinausgehend sehr humorvoll die behördlichen Wasserblockaden für Antragstellerinnen dokumentiert, einen Drehbuch-Exkurs über den Seesport und ein Interview über das Weinen integriert. Wie Burt Lancaster in Der Schwimmer landet »Normalnull« in den unterschiedlichsten Pools und bewegt sich mit Atemgeräten und Rettungsringen zwischen situationistischem Experiment und Technik- und Sozialanalyse. Die Kunst besteht in genau dieser Verbindung, denn »schwer zu ordnende Sachverhalte im Wasser können als Bild gelten« wie der Klappentext verrät. Dieser ist ausklappbar und enthält enzyklopädische Sach- und Personregister. So kann man durch die unterschiedlichsten Kanäle einsteigen: »Überall lauert Bedeutung«. Das Auflauern macht großen Spass.

Links:
normalnull.info
buero-schwimmer.de

Gastbeitrag, 26.11.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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