Gastbeitrag | Interview
Respekt ist eher kannibalisch
Interview: Thomas Putz
Dieses Interview erschien in der Klassikerausgabe Oktober 2007 von hEFt für literatur, stadt und alltag
Punk und sein Umfeld in Erfurt zu Beginn der achtziger Jahre. Ein Gespräch mit Monique Förster, Christian »Spinne« Duschek und Andreas »Fozzy« Link

Fotos: die Abgebildeten
Derzeit läuft der Film »ostPUNK! - too much future« in den Kinos, es gibt Ausstellungen und Publikationen - es wird viel über die Zeit der ersten Punk-Generation geredet und aufgearbeitet. Erfurt war für die Entwicklung des Punk in der DDR ein wichtiger Knotenpunkt. Im Bezirk Erfurt registrierte die Staatssicherheit damals genauso viele Punks wie im Bezirk Leipzig. Die Band Schleim-Keim war berühmt für ihre bodenständigen Exzesse, hier gab es eine enge Verbindung zwischen Punk und Kunst. Und dann war da noch der Blues ...
Wie würdet ihr die Zustände in Erfurt zu Beginn der achtziger Jahre beschreiben, und was machte Punk für Euch damals attraktiv?
Spinne: Die Stadt sah grau aus. Wer damals in diesem Land lebte, weiß, was ich meine. Ein bißchen vermisse ich das heute.
Monique: Ich bin Anfang der achtziger Jahre aus Berlin von der Kunsthochschule nach Thüringen gekommen. Das war natürlich ein totaler Einschnitt. Was mir gefallen hat, war dieses Alte. Erfurt hatte ein Geheimnis. In Berlin gab es Weite, da hatte man Möglichkeiten und auch eine gewisse Freiheit. Durch die räumliche Enge in Erfurt war es dagegen möglich, nach innen, in die Tiefe zu gehen. Damals hat sich ja ganz viel in den Kellern abgespielt. Wenn man heute Fotos von früher hat, kann man das sehen: alles war ziemlich runtergekommen, sah aus wie nach dem Krieg. Dieses Düstere, dieser Verfall hat mich fasziniert. Ich suchte nach starken Impulsen. Und dann hab ich die ersten Thüringer Punks gesehen und dachte: das interessiert mich! Das hatte mit Kraft und Autonomie zu tun und hatte etwas Anarchisches. Punk ist für mich etwas, das sich frei macht von allem. Da gab es für mich Parallelen, eine innere Nähe.
Spinne: Punk ist der Drang, sich immer wieder abzukoppeln, sich aus den Rekrutieranstalten herauszulösen. Freiheit im philosophischen Sinn gibt es ja nicht. Aber diesen Impuls immer in sich zu tragen: raus aus der Rekrutieranstalt. Ich bin in dem Sinn professioneller Autodidakt. Ich wollte eine Ausnahme bilden, mich abgrenzen, und das hab ich dann auch. So eine Kunstform, widerspenstig zu sein und zu sagen: Nö! Man kann ja erst mal Nein sagen. Unsere Parole war damals: No respect - für Toleranz! Wir waren respektlos allem gegenüber. Heute ist Respekt ein Unwort, eine Worthülse für Gutmenschen. Respekt ist eher kannibalisch.

Observationsfotos aus OV Herberge Kürschnergasse 7, Foto: BStU
Fozzy: Bei mir ist das Musikmachen angeboren. Für mich war Punk die einzige Möglichkeit. Individueller Anarchismus sozusagen.
Wie kann man sich die damalige Punk- und Alternativszene vorstellen? Als homogene Gruppe, die sich gegenseitig befruchtet und regelmäßig ausgetauscht hat, oder gab es auch Abgrenzungen?
Fozzy: Wir hatten damals ja mit Schleim-Keim keine Band, wie man sich das heute vorstellt, mit regelmäßigen Konzerten und so. Jeder war autonom und machte sein Ding.
Monique: Als Künstlerinnen haben wir damals eine Performance gemacht, die hieß »Figuraler Einzelgang zeitgemäßer Erscheinungen«. Und ich glaube, so war es auch. Jede war ’ne Einzelperson. Auch wenn ich euch damals im Keller beim Musikmachen gesehen hab, waren es Einzelpersonen, die dann für ein Stück oder ein Bandprojekt temporär zusammengearbeitet haben. Viele Namen und wechselnde Besetzungen. Man kam und man ging. Und obwohl man sich ja verbunden fühlte, war es nichts ewig Bindendes.
Spinne: Einen Gruppenzwang gab es nicht. Es konnte jeder tun und lassen, was er wollte. Wir haben ganz viel miteinander gemacht: Bier getrunken. Bier getrunken. Bier getrunken. Musik gehört. Und versucht, einer Dreierkette aus dem Weg zu gehen: Wachtmeister, Hauptwachtmeister, Hund.
Erfurt ist ja seit jeher eine Blues-Hochburg. Wie kamen die Punks mit den Bluesern zurecht?
Spinne: Anfang der achtziger Jahre sind wir ja immer am Treffpunkt Johannesplatz aufgeschlagen. Und die Blueser waren unsere besten Verbündeten. Zur »Blaulicht- Disko« kamen Leute aus der ganzen Republik. Es gab damals ja die FDJ-Ordnungsgruppe, und die wollten uns raushaben. Gerade als dann 1982/83 die ersten Direktiven von Mielke rauskamen, denn man hat geschnallt, daß da etwas gewachsen ist, was man gar nicht kontrollieren kann. Die Blues-Leute haben dann eine Art schützenden Ring um uns aufgebaut. Das waren sympathische Haudegen. Das waren keine Hippies, sondern Leute von Schrot und Korn. Da war einfach ein Verständnis da. Die fanden uns klasse, auch wenn sie uns nicht verstanden haben. Wir hatten auch Kontakt zu Schwerstkriminellen. Damals gab es Lokale wie die »Gärtnerklause«, heute »Anger Maier«, oder das »Wildbret«. Da ist kein normaler Mensch reingegangen. Wir hatten damals eine ausgeprägte Kneipenkultur, obwohl wir fast überall Kneipenverbot hatten. In der »Penne« wurde ich einmal vom Kellner begrüsst mit: »Neger und Punks werden hier nicht mehr bedient«.
Monique: Von Ausnahmen abgesehen war Blues nie mein Ding. Sowohl der Blues als auch die Szene, die da dran hing, waren für mich immer der totale Horror. Thüringen hatte den Blues und scheinbar sind die Punks hier eher Bluesliebhaber gewesen und haben eine härtere Form des Blues entwickelt (lacht).
Fozzy: Unser Blues war Punk. Der Thüringer ist ein bißchen derb. Wenn wir unterwegs waren, hieß es ja auch manchmal: Macht die Türen zu, die Erfurter kommen! Die stinken und sind dreckig.
Monique: Erfurt ist ja sehr klein und man hatte unabhängig von dieser Gruppenzugehörigkeit, die ja heute viel ausgeprägter ist, natürlich auch persönliche Freundschaften darüber hinaus gehabt.
Spinne: Man muß ja auch sehen: wir Punks waren Anfang der achtziger Jahre nur ein kleines Häufchen, vielleicht zehn Leute, wenn wir richtig akut waren.
Wie und wo haben sich die Kreise zusammengefunden?
Monique: Teilweise sind Sachen zufällig passiert, haben sich in dieser kleinen Stadt Dinge gefunden. Ich war damals auf der Suche, andere auch, Gabi Kachold zum Beispiel, mit der ich dann Fotos und Filme gemacht habe. Spinne hab ich ’81 kennengelernt. Von ’82 bis ’84 hat sich so etwas zusammengeschoben und verwoben. Das war eine ganz intensive Zeit, weil man viel gemeinsam gemacht hat. Es sind Leute aus Berlin nach Erfurt gekommen, weil hier was los war, wie Mita Schamal, Conny Schleime, Reinhard Zabka oder Bernd Wagner. Es gab das Haus in der Kürschnergasse 7, wo sich viel konzentriert hat. Das war damals ein altes, verfallenes Haus, teils legal bewohnt und viele andere Räume waren leer. Hier haben wir im Mai 1984 eine Ausstellung mit Leuten aus Erfurt und Berlin gemacht. Die war natürlich dann öffentlich zugänglich, man konnte also immer rein, zur Eröffnung sowieso. Die Ausstellung hat sich ohne viel Werbung ziemlich schnell rumgesprochen. Eine Freundin von mir war 14 Tage später an der Ostsee und ist daraufhin angesprochen worden, daß in Erfurt ja ’ne ganz spannende Ausstellung sei. Und es waren richtig viele Besucher da, von der Staatssicherheit mal abgesehen. Innerhalb kürzester Zeit sind dann auch alle Leute verhaftet und verhört worden, die als Besucher oder als Organisatoren mitgewirkt hatten. Dann gab es gegen einzelne Personen ein Ordnungsstrafverfahren und der operative Vorgang zur Liquidierung der Kürschnergasse wurde eingeleitet.
Fozzy: Bis 1986 wurde das Haus dann systematisch zerstört. Leitungen wurden von der Staatssicherheit zerhackt, das Wasser gekappt oder der Stromzähler ausgebaut. Als die KWV [heute KOWO] das Haus stillgelegt hat, wurden Türen und Fenster einfach mit dicken Platten zugeschraubt. Dabei war ja noch alles drin.
Welche Bands existierten zu der Zeit in Erfurt?
Fozzy: Bis ’84 haben wir in der Kürschnergasse eine Band gehabt: das Konstruktive Liebeskommando. Mit Faupel, Gesang, Pallas, Gitarre und Gesang, Anthony, Orgel, und mir am Schlagzeug. Danach bin ich bei Schleim- Keim als Trommler eingestiegen. Die Band war der Punkt, um den sich alles gedreht hat, zumindest hier in Erfurt. Weimar hatte ja auch ’ne eigene Szene. Aber mehr gab’s hier nicht. Ich bin dann 1986 nach Eisenach gezogen und hab da meine eigene Band, die Fanatischen Frisöre, gegründet. Manchmal hab ich bei Schleim-Keim noch ausgeholfen, wenn einer mal wieder ausfiel oder Otze [Dieter Ehrlich, Sänger und Trommler] zu besoffen war, um Schlagzeug zu spielen. Dann hab ich eben ’ne Stunde rumgeprügelt. Da konnte er sich am Mikrofon mal richtig austoben. Ich erinnere mich an ein Konzert in Halle. Da ist Otze stinkbesoffen vom Hocker gekippt und hat noch von Wutanfall das Mikrofon zertreten. Da hatte der schon drei Flaschen Schnaps drin. Da ging natürlich nix mehr ? aber grölen konnte er noch prima. Außerdem bin ich eben auch rumgefahren und hab mit Leuten zusammengespielt ? Weimar, Berlin, Leipzig, Jena.
Wie oft seid ihr damals aufgetreten, ihr hattet ja keine Einstufung?
Fozzy: Selten. Zwei, drei mal im Jahr vielleicht. Das war ja alles streng konspirativ. Trotzdem war es bekannt. Eine Einstufung [Berechtigung, offiziell auftreten zu können, Anm. d. Red.] war für uns niemals ein Thema. Die hat mir 1988 mit den Frisören dann so ein Kulturfuzzi, »Dr.« Benndorf, Amt für Kultur in Eisenach, angeboten ? aber ohne uns spielen zu sehen. Der hätte uns den Lappen einfach hingelegt. Wir hätten allerdings den einen oder anderen Text weglassen müssen. Da hab ich seinen Schreibtisch durcheinandergebracht, ’n Stuhl zerkloppt und bin raus. Für mich wäre das nicht denkbar gewesen. Wir waren da eher subversiv.
Spinne: Wir haben natürlich auch Sachen wahrgenommen, die im Kopf überhaupt nicht zusammengepaßt haben. Da war einerseits der Punk, und da war aber andererseits auch die Neue Deutsche Welle. Solche ostzonale NDW-Ableger wie Pankow oder Keks haben wir eben auch mitgenommen. 1983 haben in Mühlhausen Pankow und Mona Lise gespielt. Bei den schicken Mona Lise haben wir dann rumgepogt und die Sache eskalierte. Mit einem Mal flogen Teller, Tassen, Gabeln, Messer, Bockwürste, Brötchen. Wir lagen nur auf dem Boden und haben uns da rumgesuhlt und Zugabe gerufen. Und da hat uns die Band tatsächlich vier Zugaben gegeben. Am Ende haben wir mit acht Leuten im Grunde die ganze Veranstaltung geschmissen. Irgendwann hat der Veranstalter dann den Saal räumen lassen. Wir haben uns draußen getroffen und da waren vielleicht hundert Leute und wollten Streß. Die haben sich dann aber nicht wirklich an uns rangetraut. Die wußten einfach nicht, wie sie mit uns umgehen sollten ? wir sahen so zerstört aus und haben uns ja auch zerstörerisch benommen. So was passierte regelmäßig.
Monique: Die zerstörte Aufmachung der Punks war auch sehr inszeniert und sehr aufwendig vorbereitet. Stundenlang die Stiefel geschnürt bis das Erscheinungsbild so war, wie man sich das gewünscht hat.
Spinne: Alle dachten, wir seien ungewaschen und würden stinken, dabei sahen wir nur so aus.
Fozzy: Ich jedenfalls hatte mal ein Jahr lang die selben Sachen an.
Ihr habt schon die Ausstellung in der Kürschnergasse angesprochen. Was gab es außerdem für Höhepunkte?
Monique: 1984 entstand in Folge dieser Ausstellung der Super-8-Film »Das Puttennest« von Conny Schleime, Malerin und Sängerin der Dresdener Künstler-Band Zwitschermaschine, in dem Spinne, Jens Ernst »Tukie« Tukiendorf sowie Mita Schamal aus Berlin mitwirkten. Oder auch »Schreiende Stadt« von Stefan Schilling und Matthias Schneider, beide von Ausschnitten in dem jetzt laufenden Film »too much future« bekannt. »Die Austreibung aus dem Paradies«, ein Film von Gabi Kachold, Claudia Räther und mir, lief im Kino Eiszeit zum Filmfestival in Westberlin. Sascha Anderson war der Kurier. Im Juni ’82 gab es im Johannes-Lang-Haus ein Konzert mit Schleim-Keim, Wutanfall und Zwitschermaschine. Danach war ’ne Hinterhofparty am Fischersand 5, wo sich Sascha Anderson und Otze erstmals trafen. Daraus entstand dann 1983 die LP »DDR von unten/eNDe« mit Zwitschermaschine und Schleim-Keim, die bei dem Westberliner Label Aggressive Rockproduktion herauskam. Es war das erste Mal, daß DDR-Punk auf Vinyl gepreßt wurde. Und noch sehr wichtig in dieser Zeit: das »Intermedia- Festival« 1985 in Coswig, bei dem Punk und die akademischen Wilden extrem aufeinandertrafen.
Spinne: Es gab regelmäßig lose Zusammenkünfte mit Leuten aus anderen Städten. Ich würde von einem festeren Netz zwischen Erfurt, Leipzig und Berlin sprechen. Ich hab zum Beispiel 1986 mit Jens Ernst »Tukie« Tukiendorf und Matthias »Baader« Holst eine Anarcho- Zelle gegründet. Wir haben uns regelmäßig in Potsdam getroffen und haben philosophiert, Bakunin und Stirner und andere Texte des klassischen Anarchismus gelesen. Propaganda durch die Tat.
Fozzy: Ein Höhepunkt für mich war zum Beispiel, als Nomeansno aus Kanada 1987 im »Erlöser-Keller« in Berlin gespielt haben. Streng konspirativ, vielleicht 50 bis 60 Zuhörer. Davon hab ich erst tags zuvor erfahren, so geheim war das. Ein Konzert für geladene Gäste. Organisiert hatten den Coup Berliner Punks.
Öffentliche Auftritte, ob als Band oder Performancegruppe, waren ja nur illegal oder unter dem Deckmantel der Kirche möglich. Wie waren da Eure Erfahrungen?
Monique: Die Offene Arbeit und Wolfgang Musigmann hatten sehr früh schon Räume aufgemacht und Platz geboten. Es gab öfter Konzerte.
Fozzy: Das geschah aber wirklich auf Druck. Die haben das nicht gerne gemacht. Wir sind da eingeritten und haben gesagt: Wir spielen jetzt hier. Das wuchs denen dann auch schnell über den Kopf.
Spinne: Da war zum Beispiel die Sache mit der Klokette. Die wurde bei einem Konzert abgerissen. Eine Lappalie, eigentlich. Bei einem Vorbereitungskreis kam das dann auf den Tisch. Damals wußten wir noch nicht, daß er zur Hälfte aus IM‘s [Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit, Anm. d. Red.] bestand. Und die haben sich natürlich ganz stark gemacht, um die Punks da raus zu bekommen. Und die Leute, die »ehrlichen« und »sauberen«, wie Musigmann, haben sich natürlich absolut beeinflussen lassen. Andererseits haben wir Punks auch nie in die Offene Arbeit reingepaßt. Für uns war das eine Nische, die wir uns genommen haben, um weg von der Straße zu sein. Die Offene Arbeit, auch DDR-weit, hatte ja immer auch so einen sozialpädagogischen Anstrich gehabt: Wir holen euch auf die andere Seite und machen aus euch gesellschaftsfähige Mitglieder. Aber das hatten wir ja gar nicht vor. Wir wollten uns ja eher rausnehmen. Und dann kulminierte das eben an Kleinigkeiten. Die Klokette ist ein typisches Beispiel dafür. Die Leute aus der Offenen Arbeit hatten sowieso kein gutes Grundgefühl uns gegenüber, konnten aber aus ihrer christlichen Intention heraus nicht sagen: Hey, so geht‘s hier nicht! Das wäre ja noch ok gewesen.
Monique: Auch aus den Stasi-Akten kann man das heute noch entnehmen. Zum einen haben sie die Türen geöffnet, von ihrem christlichen Menschenbild her, aber dann waren sie auch ganz schnell mit der Situation überfordert, mit den biersaufenden und rauchenden Punks auf dem Altar.
Fozzy: Wir waren an ihrem Angebot nicht interessiert, aber an der Möglichkeit, daß wir da Unterschlupf finden. Andererseits gab’s auch immer wieder Leute, die sich solidarisch gezeigt haben, Pfarrer Lothar König zum Beispiel, oder Walter Schilling.
Wie kann man sich die damalige öffentliche Wahrnehmung Eurer Sachen vorstellen? Hatte der Durchschnitts-Erfurter überhaupt eine Ahnung, was ihr da treibt?
Fozzy: Wir waren ja ziemlich öffentlich, haben uns in der Innenstadt rumgetrieben. Man hat uns mit Verboten belegt: nicht auf dem Anger sitzen, oder gar Innenstadtverbot. Da haben wir drauf geschissen.
Monique: Und das ist heute noch genauso. Die Frage ist ja: Wo kommt das hin, was man nicht sehen will. Das zeigt die ewig währende Diskussion um die Punks hinter der KraÅNmerbrücke. Mit unserer Musik und Kunst hat sich die Staatssicherheit auseinandergesetzt, in ihren pseudokunstwissenschaftlichen Beurteilungen und Berichten, die dann von Pornografie bis sonstwohin gingen. Die Durchschnittsbevölkerung hat unsere Sachen gar nicht so mitbekommen. Schon eher Leute, die ein bißchen offener waren, auf der Suche, also eher Randgruppen. 1987 wurde das Portrait des Erfurter Malers Hans P. Szyszka von Spinne auf der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden gezeigt. Das schlug schon hohe Wellen. Erstmals tauchte ein Punk in der offiziellen DDR-Kunstwelt auf.
1983/84 wurden die Protagonisten der ersten Punk- Generation entweder ausgewiesen, zur Armee geschickt oder in den Knast gesteckt. Wie waren eure Erfahrungen mit den staatlichen Organen? Konnte man die Konsequenzen für sein eigenes Tun damals überhaupt einschätzen?
Monique: Das Strafmaß war oft nicht berechenbar, aber es war klar, in welcher Spanne es sich bewegen kann. Es gab Ordnungsstrafverfahren, Hausdurchsuchungen, Erpressungen, Gewaltandrohung, oder tatsächlich Gewalt, bis hin zu Haft. Und dann fielen auch Sprüche, wie: »Ihr gehört vergast« und Ähnliches. Das war keine Ausnahmeerscheinung.
Fozzy: Es mußte auch kein Anlaß dagewesen sein. Das hieß dann: »Kommen ’se mal mit, zur Klärung eines Sachverhalts.« Bei mir war das besonders einfach. Ich hatte einen »PM 12«, einen Hilfsausweis. Damit durfte man den Bezirk nicht verlassen und war quasi Freiwild. Wenn dich ein Polizist antraf, haste garantiert ein paar Stunden auf irgendeiner Wache zugebracht.
Spinne: Es kam vor, daß wir wegen einer Lappalie um Mitternacht einkassiert wurden. Wir mußten uns ausziehen und die Haare waschen. Dann standen wir alle acht Stunden mit gespreizten Beinen an der Wand, bewacht von zwei Hunden. Die Willkür hatte Methode. Ab ’83 hab ich einige Zeit in Berlin verbracht um mal etwas Abstand zu bekommen. Die hatten mich ziemlich auf’m Kieker. Es war so eine Gradwanderung: mit einem Bein hast du immer im Gefängnis gestanden.
Vom vielzitierten »gesellschaftlichen Stillstand« der achtziger Jahre kann heute keine Rede mehr sein. Es gibt Reibungspunkte zuhauf. Trotzdem findet eine aufbegehrende jugendliche Protestkultur nur selten statt. Wo seht ihr die Gründe dafür?
Monique: Du hast dich ja damals in einem abgesteckten System mit wenig Möglichkeiten bewegt, aber dort hast du dir das Maximum geholt. Und dieser eroberte Raum war mehr wert als das, was heute bleibt, in dieser scheinbaren Offenheit.
Spinne: Man kann das nur genauso machen, wie wir es gemacht haben: positive Aneignung. Wenn ich einen Raum brauche, dann nehme ich mir den Raum und mach dort das, was ich machen möchte, was mir wichtig ist, was mich vorwärts treibt.
Monique: Das Schwierige ist ja heute, überhaupt an den Punkt zu kommen, wo man was Eigenes herausbilden kann, ohne daß es sofort vom Markt vereinnahmt wird. Damals war jeder eigene Gedanke was Neues, was Frisches. Es geht ja darum, die eigene Persönlichkeit herauszubilden. Heute kannst du alles sein und es interessiert überhaupt keinen mehr. Es fehlt die vorantreibende Reibung und Auseinandersetzung.
Fozzy: Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, daß wir heute älter sind und die Jugend nicht mehr verstehen können oder müssen. Sie können sich mit ganz anderen Sachen beschäftigen und sind auch schon viel weiter. Wenn du heutzutage zwölf Jahre alt bist, machst du dir einen Iro, haust für ein Jahr ein bißchen auf die Kacke, und dann kiffst du dich halb tot, und dann bist du 14 und hast schon das durch, wofür andere 20 Jahre brauchten.

1984, Spinne und Conny Schleime - Foto: Gabriele Kachold

1986, Hans P. Szyszka, SPINNE - Foto: Hans P. Szyszka

1984, Ausschnitt aus »die Austreibung aus dem Paradies« - Foto: Gabriele Kachold, Monique Förster

1984, Ausstellungsansicht NO ART, Kürschnergasse 7 - Foto: BStU
aus hEFt für literatur, stadt & alltag, Ausgabe 10 (3. Jg.), Oktober 2007
Herausgeber: Kulturrausch Erfurt » Redaktionsadresse: Krämerbrücke 25, 99084 Erfurt
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Gastbeitrag, 02.11.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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