Christoph Bannat | Bücher
Wöchentlich aus Tokyo
Moresukine von Dirk Schwieger
160 Seiten, schwarzweiß, 21 x 13 cm, Softcover
ISBN 978-3-938511-43-5

Hara Museum- Tokyo, aus Moresukine von Dirk Schwieger
Es gibt sie an jeder Kunsthochschule - Comiczeichner. Sie sind nie bei den Meinungsführern zu finden und lassen das Hochschulgeschehen meist an sich vorüberziehen. Später findet man dann in ihren Erzählungen oft wie aufmerksam sie diese Zeit wahrgenommen haben. Dirk Schwieger war auch so einer. Er studierte an der UdK Berlin, stellte regelmäßig seine Arbeiten in den unterschiedlichsten Zusammenhängen aus und verlegte parallel seine Hefte im Eigenverlag. Mit Moreskuine ist ihm jetzt ein Hit gelungen.

Ausschnitt aus Moresukine von Dirk Schwieger, Auftrag: Geschlechter
Gefördert durch Ulli Lust und Kai Pfeifferwww.electrocomics.de bediente sich Dirk Schwieger einer theatralischer, performativen Taktik. Übers Internet ließ er sich während seines Aufenthalts in Tokyo Aufträgeschicken die er dann zeichnerisch dokumentierte. So entstand ein subjektiver Reiseführer der in keiner Reisebuchhandlung fehlen sollte. Im zweiten Teil kehrte er das Verfahren um und beauftragte andere Comiczeichner sich einmal nach japanischer Kultur in ihrer Stadt zu erkundigen.
Christoph Bannat (C.B.):Was bedeutet Moresukine, hat das etwas mit dem Künstlerbuch Moleskine zu tun, in das bereits Cezanne, Van Gogh und Louis-Ferdinand Celine ihre Notizen schrieben ?
Dirk Schwieger (D.S.):
Genau, alle Blog- Einträge wurden in ein Moleskine- Notizbuch gezeichnet, das Klischee-Künstlerbuch schlechthin, und sozusagen mein westlicher Referenzrahmen in den alle meine Eindrücke von Japan gequetscht wurden. Dann gibt es da aber noch so eine Doppelbödigkeit bei diesen Büchern, sie stehen für mich nicht unbedingt für Kreativität und Authentizität, sondern auch für Imitation und Fake: der italienische Hersteller imitiert ein altes französisches Notizbuch und ersetzt den Moleskin-Einband mit Plastik, und die allermeisten der Schriftsteller und Künstler die der Hersteller aufzählt haben das Ding nie in der Hand gehabt. Wenn man sich aber bei "Imitation" und "Fake" vom negativen Beigeschmack befreit, trifft man auf zwei Schlüsselbegriffe japanischer Kultur. Deswegen wollte ich ein Moleskine für meinen Japan-Comic verwenden, und "Moresukine" ist einfach die Transkription der japanischen Schreibweise.
In Moresukine berichtet Dirk Schwieger von Besuchen in einem Liebeshotel, von Achterbahnfahrten und Restaurantbesuchen. Er geht Fragen von Geschlechterverhältnissen und Religon nach und berichtet von seinen Erfahrungen bei Museumsbesuchen.

Origami-Museum, Tokyo
Fragen an Dirk Schwieger
C.B.: Wir sollten gleich zum Aktuellen kommen: Sie waren in Japan, wie kam es dazu ?
Das hing mit dem Abschluss meines Studiums zusammen. In den Jahren zuvor hatte sich viel Fernweh angestaut und konnte sich mit einem Mal entladen.
Japan zog mich schon eine Weile durch seine schiere Entfernung an, räumlich wie kulturell. Ich wollte den Moloch Tokyo erleben und eine hoch industrialisierte Nation, die sich so gar nicht auf der Grundlage westlicher Ideen und jüdisch-christlicher Traditionen organisiert. Und als Comiczeichner war für mich natürlich das Phänomen der Manga sehr spannend, die ja dort von allen Altersschichten häufiger gelesen werden als Bücher.
C.B.: Was haben Sie dort gemacht ?
Ab einem bestimmten Zeitpunkt war es kein Abenteuerurlaub mehr, sondern einfach Alltag. Ich habe gearbeitet, habe Freunde getroffen und bin durch’s Land gereist.
C.B.: Wie lange war der Aufenthalt geplant ?
Geplant war mindestens ein Jahr, Geld war allerdings nur für die ersten ein, zwei Monatsmieten da.
C.B.: Wie kam er zu der performativen Idee, sich losschicken zu lassen?
Ich hatte anfangs etwas Scheu davor, ein Blog zu gestalten. Inzwischen habe ich gelernt, es gibt durchaus sinnvolle Varianten wie Watchblogs oder Edublogs, aber zum damaligen Zeitpunkt war es für mich ein Thema, Nabelschau und Narzissmus gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Die Fremdbestimmung war aber auch der Versuch, mich strukturell dem Thema Japan zu nähern. Es war mir wichtig, das westliche Autoren-Ego im virtuellen Raum auszuhebeln, dabei ein bestimmtes Service-Verständnis gegenüber meinen Auftraggebern zum Ausdruck zu bringen, und mich von ihnen sozusagen als Avatar durch das für sie virtuelle Tokyo manövrieren zu lassen.
C.B.: Das ganze hat ja etwas theatralisches, jemand führt Regie indem er Ihnen Rahmendaten gibt und später zusieht was sie daraus machen. Haben sie sich zuvor für Spielarten zeitgenössischer Kunst, oder des Theaters interessiert ?
Schon, hauptsächlich für performative Spielarten. Also nicht die Schmerz- und Unmittelbarkeitskunst der 60er und 70er, sondern eher die medial gebrochenen Performances z.B. der Gießener Schule, also von Gruppen wie Gob Squad oder She She Pop.
Und ganz zu Anfang des Projektes, als ich an Gott und die Welt Mails verschickt habe, um Moresukine bekannter zu machen, hat auch Sophie Calle die Einladung erhalten, mir Aufgaben zu stellen.
C.B.: Wann haben sie angefangen Comics zu zeichnen ?
Der bewusste Schritt, mich als Comiczeichner zu verstehen, das muss 1999 gewesen sein.
C.B.: Sie haben auf der Kunsthochschule studiert ? Waren sie dort ein Einzelfall und wenn, wie wurden sie als dieser wahrgenommen?
Ich kam mir auf alle Fälle wie ein Einzelfall vor, war aber bestimmt nicht der erste und letzte Comiczeichner dort. Ein paar Jahre vor mir hatte Oliver Grajewski schon an derselben Hochschule zu den Prüfungen schlichtweg seine Hefte auf den Tisch gelegt und einige Kämpfe ausgefochten.
Ich selbst wurde die meiste Zeit meines Studiums achselzuckend in Ruhe gelassen und kann nicht klagen. Im Laufe der Zeit habe ich auch verschiedene Träger für meine Comics durchprobiert, z.B. Stapelmonitore zu überdimensionalen Comicseiten aufgebaut. Ein Monitor entsprach einem Panel und war mit einer Datenbank von Bildern und Worten verbunden. Ein Zufallsgenerator entwickelte dann live immer neue Bildfolgen und Sätze, eine immer neue Comicseite, wie sie auf Papier nicht möglich wäre. Für mich war das dann ein Zufallscomic, für die Professoren eine Video-Installation.
C.B.: Wie nehmen sie selbst zeitgenössische Kunst wahr ?
Also ich versteige mich jetzt besser nicht in „Bildende Kunst ist...“-Sätzen, dazu habe ich mich – z.B. in der Hochschule – einfach zu lange mit stereotypen Ansichten zum Thema Comic herumgeschlagen.
Nicht alle Künstler sind seelenlose Dienstleister ihrer Galeristen, und längst nicht alle Comiczeichner sind knuffige Kauze von nebenan. Ich habe mich persönlich gegen die Bildende Kunst entschieden, gegen den enormen Druck, der einen dazu verführt, statt Arbeiten gigantische Skizzen abzuliefern, und letztendlich auch dagegen, das Luxussegment zu bedienen.
C.B.: Der Autorencomic der 90er lebte von einer ernsthaften Selbstbezüglichkeit. Die Gefahr bestand darin das diese zur Selbstgenügsamkeit wird. Können sie diese Aussagen nachvollziehen und ist Reisen vor diesem Hintergrund ein befreiendes Moment ?
Reisen erleichert ganz sicher autobiografisches Erzählen ohne lästige Selbstreferentialität. Aber um ein Reisetagebuch im engeren Sinne ging es mir nie - Moresukine schildert ja in keiner Weise meinen persönlichen Japan-Aufenthalt. Ich hatte viele Begegnungen, Reisen und Schlüsselmomente, die im Comic nicht erwähnt werden. Es ging bei dem Projekt tatsächlich weniger um das Tokyo, das ich erlebt habe, als um das Fantasie-Tokyo der Leser aus aller Welt, die mit diesem Ort bestimmte Vorstellungen, Wünsche oder Klischees verbinden. Vorstellungen, die sich in den Aufträgen gespiegelt haben und die in manchen Fällen auch Rückschlüsse auf die Lebensumstände der Auftraggeber zugelassen haben.
Das Reisethema bleibt außerdem bis zum Schluss Behauptung, den Zeichnungen im Internet ist nicht anzusehen, ob sie nun wirklich in Tokyo oder in Castrop-Rauxel entstanden sind.
C.B.: War es ein Ziel das Künstler- Selbst in der Fremde zu hinterfragen ?
Das war wie gesagt erklärtes Ziel, allein schon um Japan gerecht zu werden. Es sollte eben kein Moleskine-Buch werden, wie es angeblich von Van Gogh, Hemingway und anderen großen westlichen Künstler-Selbsten in der Vergangenheit geführt worden ist. Die Autorschaft wurde über das ganze Internet verstreut, ein Auftrag kam aus Finnland, der nächste aus Argentinien.
C.B.: Schütze es Sie während ihrer Performances an die Verwertung zu denken, haben sie damit eine innere Distanz geschaffen, können Sie dies Gefühl beschreiben ?
Ja, klar, es war eine große Erleichterung, sich bei unangenehmeren, z.B. aber auch bei kostspieligeren Missionen zu sagen, okay, das war jetzt nicht deine Idee, du bist nur ausführendes Organ. Ich hatte schon eine andere Energie als Kunstfigur – wenn man nur Strich auf Papier ist, kennt man keinen Schmerz.
C.B.: Wann und wie haben sie gezeichnet ? Benutzen sie Fotos, oder entstand alles aus der Erinnerung ?
Oft habe ich anhand von Fotos gearbeitet. Manchmal allerdings passierte etwas zu schnell für den Fotoapparat, und an manchen Orten war Fotografieren einfach unangebracht oder sogar ausdrücklich verboten - z.B. im Ghibli Museum oder in der Achterbahn – dann habe ich mir unmittelbar vor Ort Skizzen und Erinnerungsstützen aufgezeichnet.
Meistens habe ich abends nach der Arbeit gezeichnet, viel zu Hause, aber zwischendurch auch an ziemlich schrägen Orten. Die Gender-Episode ist in einer Bibliothek in Nagoya entstanden, die Love Hotel-Episode sogar passenderweise in einem heruntergekommenen Casino in Las Vegas.
C.B.: An welchem Punkt standen sie vor der Reise und wo stehen sie heute ?
Beruflich hat das Japan-Blog viel in Gang gebracht, ich habe jetzt einen sehr guten Verlag und das Buch hat sogar einen Preis gewonnen. Dummerweise nehme ich das im Augenblick nur ganz entfernt wahr, vor kurzem bin ich nämlich Vater geworden, und bei meinen ersten orientierungslosen Schritten nur froh, dass das Visum diesmal unbefristet ist.
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Christoph Bannat, 23.11.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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