Christoph Bannat | Kritik

Heinz Emigholz


Ausstellungsansicht

Heinz Emigholz - "Die Basis des Make-Up"
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin

Werkraum 24. bis 24.Februar
www.hamburgerbahnhof.de

Denken in Bildern, wie geht das?

Bilder sehen heißt sie zu gebrauchen. David Hockney

Diese Ausstellung sieht aus, als basiere das Lebenswerk von Heinz Emigholz auf dem Tod, und seine Kunst ist die Schminke, das Make-Up auf der Basis des Totenschädels.


Ausschnitt aus dem Katalog "Die Basis des Make-Up"

Heinz Emigholz wurde 1948 in Armin bei Bremen geboren und hat im Laufe seines Lebens wie kein anderer ein dicht vernetztes Werk geschaffen. In seinem Werk vernetzt er Schrift, Film und Zeichnung miteinander. Mit „Die Basis des Make-Up“ stellt er einen Knotenpunkt im Netzwerk aus, allerdings einen, in dem viele Fäden zusammenlaufen. Dabei achtet er darauf, dass es nicht beim Netzwerkeln um seiner selbst willen bleibt, denn am Ende seiner Findungen steht immer ein reproduziertes und reproduzierbares Produkt. So ist im Laufe seines Künstlerlebens ein weitgefächertes Warenangebot entstanden. Dabei geht es ihm bewusst um das Wertespiel zwischen Original und Reproduktion. Deutlich wird das bei seinen 550 Zeichnungen (1974-2007), die keine sind, seinen 200 künstlerisch gestalteten Notizbüchern, die er am liebsten als Faksimile-Druck reproduziert veröffentlichen würde oder an seinem über 400 Seiten starken Ausstellungsbuch, das er lieber auf billigem Papier gedruckt für 10 Euro unters Volk gebracht hätte. Heinz Emigholz legt keinen Wert auf Exklusivität. In diesem Sinne ist er ein Künstler, der sich dem Wertetanz um den Fetisch des Originalkunstwerks verweigert. Alle seine Arbeiten sind in Form von Reproduktionen, auf DVD, Video, als Druck oder als fototechnische Reproduktion käuflich zu erwerben.


Ausstellungsansicht

Heinz Emigholz scheint sämtliche seiner Interessen und Lebensbereiche zugänglich zu machen, was aber nicht heißt, dass man einen Einblick in sein Privatleben bekommt. Er hasst den Terror des Privaten, der den Betrachter in der Komplizenschaft des Augenzeugen gefangen hält. Seine Zeichnungen, die keine sind, seine Notizbücher, oder seine Essay-Filme suggerieren nur, dass wir etwas über seine privaten Bedürfnisse, seine intimen Erlebnisse (z.B. bei der Arbeit als Schauspieler), seine Ängste oder sexuellen Vorlieben erfahren. Sein Werk verweigert, und das macht einen großen Reiz seiner Arbeiten aus, eine private Ichform. Sein Künstler-Ich ist ein konstruiertes, das nur durch die Kombination von Worten und Bildern spricht. Er weigert sich zu psychologisieren, versteht man unter Psyche die beständige und bestimmende Anwesenheit von Abwesenheit. In diesem Sinne kann seine Kunst als Konzeptarbeit gelesen werden. So verweigert er auch jeden Duktus. Deutlich wird dies bei seinen Zeichnungen, die streng genommen keine sind, denn es sind photomechanisch vergrößerte Reproduktionen von Zeichnungen, die kaum jemand gesehen haben dürfte und die vermutlich vernichtet wurden. Der seismografische, stimmungsbedingte Ausschlag der Hand und dessen Deutung fällt bei diesen Zeichnungen aus. Das macht sie zu einem Fixpunkt für jeden, der an Zeichnungen interessiert ist.


Ausstellungsansicht

Trotzdem schafft er es, die Zeichnungen mit Emotionalität aufzuladen. Die sich überlagernden Motive seiner Rebuszeichnungen stammen zu gleichen Teilen aus persönlichen, privaten sowie einem kollektiven (un-)bewussten (Nach-)Bilderreservoir. In reines Schwarz-Weiß (das Kennzeichen für Schrift) übersetzt, wiederholt, negativ gedruckt oder gespiegelt, von allen Halbtönen befreit, scheinen sie uns typografisch geklärt und doch nicht fassbar. Sie versprechen Klärung, vielleicht weil wir Klarheit damit gleichsetzen, doch sind wir nie mit ihnen am Ende, sie bleiben mystisch. Und Mystik ist, ganz allgemein, das Wesen von Bildern. So irrt das Auge haltlos über die Bildfläche, gelockt vom Versprechen auf Enträtselung. Je mehr Bilder das Hirn zu verarbeiten hat, das wird in der Ausstellung deutlich, desto stärker wird das Rauschen. Das Rauschen von sich überlagernden Bedeutungsebenen ist das Rauschen miteinander konkurrierender Reize. Bildreize, die den standardisierten Hierarchien von Wahrnehmung wie Zentralperspektive oder Rhythmus enthoben sind und so ein Rauschen im Raum erzeugen. Das Rauschen von Bedeutung, ein bedeutungsvolles Rauschen. Dies Rauschen ist bei vielen seiner Arbeiten ein Grundton, bei „Die Basis des Make-Up“ aber ein durchgehender. Beim Film ziehen 24 Bilder in einer Sekunde am Betrachter vorbei, und Heinz Emigholz fragt, wie das Nachbild, jenes Bild, das zuerst auf der Retina und dann im Kopf entsteht, bei 90 Minuten (Spielfilmlänge) aussieht. In einem anderen Experiment erklärt er seine Rebuszeichnungen. Normalerweise zerstören solche Bildbeschreibungen - und er kann jedes Detail, dessen Herkunft und Bedeutung erklären - den persönlichen Zugang und ketten das Bild unwiederbringlich an die Erzählung (wie beim Film der Ton sklavisch an das Bild gekettet wird). So nicht bei den Zeichnungen von Heinz Emigholz, hier scheint die Ausdeutung nicht ins Bildmaterial eingeschrieben zu werden. Das Gefühl, alles zu sehen, nichts zu begreifen, alles zu ergreifen, aber nichts verstehen zu können, entsteht bei allen seiner „Make-Up“-Arbeiten. 'Der Schädel, der Totenschädel, der Tod ist die Basis des Lebens' könnte seine Dialektik lauten. Und alles andere ist Schminke, Verdrängung, Angst und der Wunsch, kein Gemüse zu werden. Über dem Schädel liegt die Haut, die Haut ist Oberfläche der Projektion und Untergrund für Bemalung, fürs Make-Up. Der Schädelknochen schützt das Hirn, das ewig sein will, denn der Geist will ewig sein, während der Körper verfällt, und eben das ist zynisch. Sein Film „Der zynische Körper“ behandelt diese Thema. Der Rausch ist der Rausch der Bilder. Solange wir leben müssen wir sehen, und irgendwann schließen wir für immer die Augen. Bilder sind Reize, Lichtimpulse, die auf die Netzhaut treffen und sich dort, beziehungsweise im Hirn, einschreiben. Der Film ist ein Rauschen in der zeitlichen Dimension, Standbilder und Zeichnungen in der räumlichen und Schrift in einer linearen Dimension. Heinz Emigholz befragt die Konventionen, mit denen wir diese Dimensionen zu lesen gelernt haben, indem er sie kollidieren lässt. Schrift als Film, Bild als Schrift, Standbilder als Film etc.. Dabei kommt der Betrachter an die Grenzen seiner Wahrnehmung, denn er kann sich nicht mehr auf die tradierten und gelernten Sehgewohnheiten verlassen. Die Dispositive einer ganzen Gesellschaftsordnung versagen. Und bedeutet Rausch nicht auch, dass die Hierarchien durcheinandergeraten. Bei Heinz Emigholz findet das Befragen von Hierarchien bereits im Bildaufbau statt, wofür seine für ihn typischen gekippten Bildräume ein Beleg sind. Und so hört man auch bei seinen handgeschriebenen Büchern ein Rauschen. Sie sind wie in einen Fluss geschrieben, mehr begleitender Grauton für die eingeklebten Bilder als Information. Sie sind wie mechanisch geschrieben - keine Fehler, keine Stimmungswechsel in der Handschrift. Und das über Jahre. Sie wirken wie eine Transskription (wovon ?), mehr im Bewusstsein eines Lesers als eines Schreibenden verfasst, für das Schattenvolk der Leser.


Ausstellungsansicht

Und im Moment des Todes hört das Rauschen der Bilder und der Schrift und des Lebens auf. Und welche Bilder haben sich dann als Nachbilder in unsere Seele gebrannt, das wir es ein gelungenes Leben nennen können? Ganz so lyrisch nimmt es Heinz Emigholz freilich nicht, denn es geht ihm bereits zu Lebzeiten um diese Nachbilder.


Ausstellungsansicht

So thront ein Nachbild überdimensional vergrößert auf der Frontwand des Ausstellungsraumes. Es ist das kopfüberstehende Laborfenster auf der Retina eines bei offenen Augen getöteten Hasen. Aufgenommen wurde das Nachbild von Willy Kühne 1878, als Netzhautfotografie. Dies letzte Bild überragt als Zeichen alle Besucher, und man findet es als Prägedruck-Signet in allen seinen Zeichnungen, sichtbar nur durch Licht und Schatten.


Ausstellungsansicht

Das Bild öffnet die Wand, es ist ein Fenster. Der Bildteppich öffnet den Boden - es ist der fliegende Teppich aus tausendundeiner Nacht.


Ausstellungsansicht

Dies Rauschen in den Arbeiten von Heinz Emigholz ist nur ein Aspekt, neben seinen Essay-Filmen, Bildbetrachtungen und Beschreibungen sowie seinen dokumentarischen Filmen. Dazu gehört der Film „Goff in der Wüste“, der alle Poren zu öffnen vermag und für das Wesen von Film sensibilisiert .


Heinz Emigholz beim Signieren.

Heinz Emigholz erscheint in der Ausstellung als Ausnahmekünstler. Dabei ist er vielleicht nur der konsequenteste, hartnäckigste und eloquenteste einer heimlichen Schule. Denn es gibt oder gab an der Hamburger Kunsthochschule eine (heimliche) Tradition von Künstlern, die sich mit Print, Schrift und Bild und deren Verkettung beschäftigt haben. Angefangen bei Gerhard Rühm über Claus Böhmler bis Vlado Kristl. Hilka Nordhausen, die im Emigholzfilm „Wiese der Sachen“ in einer nachgestellten Lorenz-Entführung von Bernd Skupin (heute Kulturredakteur der deutschen Vogue) mit „After-Eight“ (Primetime im Fernsehen) zu Tode gefüttert wird - in ihrer Buchhandlung führte Dieter Roth seine legendären Leseperformances auf. Die Dreierbande Büttner-Oehlen-Kippenberger veröffentlichte in den Fanzines „Henry“ und „Nancy“ u.a. mit Emigholz und Klaus Wyborny. Die Reihe läßt sich fortsetzen über Michael Deistler mit seinem „Hans Kultur“-Fanzine, Ulli Dörrie (heute Galerie Dörrie u. Priest) mit seinen verschollenen Gedichten über Einzelgänger wie Klaus Hohlfeld, bis zu Peter Piller, Hans Christian Dany, Gunter Reski oder Jonathan Meese. Und wenn man möchte, kann man noch Otto Waalkes, Vicco von Bülow (Loriot) oder Horst Janssen hinzuzählen, denn auch sie wurden an der Hamburger Kunsthochschule sozialisiert.


Auschnitt aus dem Katalog "Die Basis des Make-Up".

Christoph Bannat, 12.12.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Heinz Emigholz«

Danke für Ihre Anmeldung, .
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden



Automatisch anmelden?