Christoph Bannat | Interview

Andrea Pichl

Andrea Pichl wurde 1964 in der DDR geboren. Mit der Ausstellung ostPUNK! / too much future 2005 und der Fluxus-East-Ausstellung "Fluxus-Netzwerke in Mitteleuropa" in diesem Jahr stellte sie ihre Arbeiten einem größerem Publikum vor. Dabei wurden ihre künstlerischen Fähigkeiten zu wenig beachtet, fielen diese meist unter den Oberbegriff Ausstellungsdesign, der hier zu kurz greift. Um zu zeigen, was für eine feine und vielschichtige Arbeitsweise hinter ihrer Arbeit steht, trafen wir uns in ihrem Atelier.

Zur Zeit sind Arbeiten von Andrea Pichl in Leipzig in der Ausstellung Die Gegenwart des Vergangenen - Strategien im Umgang mit sozialistischer Repräsentationsarchitektur zu sehen.



Ateliersituation

C.B.: Wo sind Sie aufgewachsen ?

A.P.: Geboren und aufgewachsen bin ich in der DDR, war 4 Jahre in Moskau und lebe in Berlin.

C.B.: Haben Sie sich im Studium schon für Architektur interessiert?

A.P.: Eher für Installationen, also raumbezogene Arbeiten. Meine Initialzündung, mich der Architektursprache der DDR zu widmen, kam mit der ostPUNK!-Ausstellung. Da wurde mir klar, worauf ich meinen Fokus richten möchte: auf die architektonischen Momente der DDR oder des Ostens, jedoch nicht im Sinne einer verklärenden Ostalgie. Mehr auf die Bearbeitung dessen. Ich würde meine Arbeit für die ostPUNK!- und Fluxus-East-Ausstellungen nicht nur als Ausstellungsarchitektur bezeichnen sondern auch als inhaltliche und raumbezogene Installationen, wenn ich das Ahornblatt in Berlin, Ostfassaden oder das Unterteil des Fernsehturms in Ausstellungen als Zitat verwende.

C.B.: Sind diese Zitate Statements zur Formensprache der Ideenwelt eines politischen Systems?

A.P.: Nicht allein Zitate der Formensprache, das zielt zu sehr auf einen Formalismus. Wenn schon, dann ziele ich eher auf die Ideenwelt, die dahintersteht, aber nicht im Sinne einer Politik. Es ist ja eine emotionale Sache, der Umgang mit diesen großen Werten, die im Osten damit verbunden waren. Diese Werte möchte ich verschieben, erweitern oder entwerten.

C.B.: Werten, was verstehen Sie genau darunter?

A.P.: Ich möchte die Werte, die diese Symbolik beinhaltet, neu verhandeln. Dabei ist es mir egal, ob ich jetzt Collagen mache oder eine Ausstellungsarchitektur wie bei ostPUNK!.


Blick in die ostPunk!-Ausstellung.

C.B.: Mit welcher Szene sympathisierten Sie in Ihrer Jugend?

A.P.: Ich war kein Punk, kannte aber Leute aus der Szene, der Berliner Independent-Szene, so würde ich diese besser bezeichnen.

C.B.: Wer hat Sie gefragt, das Ausstellungsdisplay zu gestalten?

A.P.: Ich kannte alle, die da mitgemacht haben persönlich. Ich habe im Arbeitsprozess meine Ideen immer wieder vorgestellt. Die wurden dann gemeinsam besprochen, immer im Zusammenhang mit den erforderlichen räumlichen Bedingungen für die Exponate. Die Organisatoren waren u.a. Christoph Tannert und Heinz Havemeister, der ja auch ein Buch zur Punk- und Independent-Szene in der DDR mitherausgebracht hat.

C.B.: In welchem Verhältnis stehen Ihre künstlerischen Arbeiten, die Sie in eigenem Auftrag machen und Ihre Ausstellungsarchitektur?

A.P.: Beide Tätigkeiten inspirieren sich wechselseitig, ich trenne das auch gar nicht, das waren Ausstellungsinstallationen, die sich genau mit den Themen beschäftigen, welche mir nahe liegen.


Ateliersituation

C.B.: Wie stehen Sie zu den historischen oder dokumentarischen Momenten Ihrer Arbeit?

A.P.: Ich würde die Ausstellungsarchitektur nicht als dokumentarisch oder historisch bezeichnen. Ich lege eine Spur, einen Weg, der eben auch ganz pragmatischen Vorgaben entsprechen muss, damit die Dinge am Wegrand zu sehen sind. Was mir wichtig ist, ist darüber hinaus thematische Entsprechungen zu finden und nicht nur clever Wände hin und her zu schieben.

C.B.: Ist Ihre Ausstellungsarchitektur ein leiser Kommentar, ein subversiver Eingriff oder eine intelligente Dienstleistung?

A.P.: Ich sehe das nicht ausschließlich als Dienstleistung. Ich sehe mich eher als jemanden mit einem künstlerischen Statement zu einem Thema. Ich nutze eben das, was Kunst alles sein kann, ohne exakte Festschreibung.

C.B.: Wie war Ihr Statement bei der Fluxus-East-Ausstellung ?

A.P.: Ich musste mich erst mal nach der inhaltlichen Gliederung richten, also habe ich zwanzig Skulpturen in einer Art Cluster aus originalen DDR-Schrankwänden im Verbund mit Ikea-Regalen gebaut.

C.B.: Sollten die Schrankwände als Stellvertreter für den Privatraum dienen oder sollte die Lesbarkeit vorwiegend über die billigen Materialien funktionieren ?

A.P.: Beides, es sollte sowohl das piefige Private, als auch das System, welches der Fluxuskünstler George Maciunas aufgestellt hat, zur Geltung kommen. Maciunas hatte 1965 das „Prefabricated Building System“ entwickelt, das u.a. die reichliche Verwendung von gebrauchten und vorhandenen Materialien sowie die simple Konstruktion und Herstellung vorsieht. Auch daran habe ich mich orientiert. Es gab also ganz klar inhaltliche Ideen, die sowohl die Materialität als auch die soziale Bedeutung der Gegenstände und deren Platzierung im Ausstellungsraum einschließen. Vielleicht nicht gerade auf den ersten Blick. So habe ich mit der massiven Verwendung von Schrankwandteilen in der Fluxus-East-Ausstellung auch an Maciunas gedacht. Er wünschte sich für seine Asche eine gewaltige Schachtel mit vielen Fächern und Behältern, sonderbar angeordnete Reliquienschreine. Gleichzeitig spielt bei solchen historischen Ausstellungen immer auch die jeweilige Ideenwelt eine Rolle. Bei Fluxus war es ja die Negation, also die propagierte Abwesenheit einer höheren Bedeutung, an der sich Fluxus ausgerichtet hat. Gleichzeitig haben mich die Ausstellungsarchitektur und Propagandastände der russischen Konstruktivisten interessiert, auf die sich auch Maciunas bezieht. Es spielen also die unterschiedlichsten Einflüsse eine Rolle.

C.B.: Wie war Ihre Herangehensweise bei der ostPUNK!-Ausstellung?

A.P.: Das Körperliche bei Punk spielte u.a. eine große Rolle, auch für die Größe und räumliche Anordnung der Zitate von Ost-Architektur wie z.B. das Architekturelement vom Alex, dort war eben auch ein Treff der Ost-Punks. Ich habe mich aber auch an den russischen Konstruktivisten orientiert und u.a. einen roten Stern im Grundriss gebaut, den man betreten konnte, der dann alles aber auch sehr eng machte.


ostPUNK!-Ausstellung mit Alexanderplatz Betonelement

C.B.: Die Fluxus-East-Ausstellung haben Sie jetzt im Contemporary Art Centre in Vilnius aufgebaut. Wie wird dort ihre Ausstellungsarchitektur gelesen? George Maciunas ist in Litauen (Kaunas) geboren und ging mit Vitautas Landsbergis, einem bekannten Fluxus-Künstler und ehemaligen Präsidenten Litauens (der Litauen später in die Unabhängigkeit geführt hat) in eine Schulklasse. George Manciunas, selbsternannter Fluxus-Vorsitzender, emigrierte 1948 in die USA. Er war ein wichtiger Herausgeber, Künstler und Veranstalter für Fluxusaufführungen in New York und Deutschland und starb 1978.

A.P.: Die Ausstellung wird im ehemaligen Kulturpalast, in einem riesigen Raum in einem riesigen Gebäude, gezeigt. Und der Kulturpalast stand damals voll mit diesen Möbeln, wie man mir sagte. Die Leute dort haben sofort mitgemacht und noch alte Schränke aus dem Lager geholt. Die haben meine Idee sofort lesen können.

C.B.: Sie stellen in Leipzig in der Ausstellung Die Gegenwart des Vergangenen - Strategien im Umgang mit sozialistischer Repräsentationsarchitektur aus. Diese Ausstellung behandelt genau Ihr Thema. Was wird von Ihnen zu sehen sein?


Aussenskulptur in Potsdam, rechts Entwurfsskizze

A.P.: Ich habe eine DDR-Außenraumskulptur nachgebaut. Das Original steht in Potsdam mit der letzten der Feuerbachthesen von Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern.“ Den Schriftzug habe ich ersetzt durch einen Textauszug aus dem Song „Anarchy in the U.K.“ der Sex Pistols. Die Skulptur wird innen wie eine Lampe beleuchtet und sieht wie ein Sputnik aus.

C.B.: Geht es darum Architektur mit Anekdoten zu füllen, um sie zu verlebendigen, Geschichte lebendig zu halten?

A.P.: Nein, eher nicht, es geht mir um Werteverschiebungen oder -erweiterungen.


Entwurfsskizze für den Straussberger Platz mit Punk-Kassettenarchitektur


http://www.fluxus-east.eu

www.gegenwart-des-vergangenen.de
08.-16. Dezember 2007
Tapetenwerk Leipzig

FLUXUS EAST: FLUXUS NETWORKS IN CENTRAL EASTERN EUROPE
30. November 2007 – 13. Januar 2008
Contemporary Art Centre, Vilnius

ostPUNK! / too much future

Christoph Bannat, 08.12.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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