Michael Reuter | Kritik
Der Schrank - Wissensgehäuse oder Grab der Erkenntnis?

Wer glaubt, sich in der Ausstellung »auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften« des Museums der Universität Tübingen durch ein Labyrinth wunderbar verschnörkelter Solitäre bewegen zu können, deren Geheimfächer und wundersame Geschichten überraschen und schockieren, dürfte enttäuscht sein. Keine Schreckgespenster, die aus barocken Truhen hüpfen, und keine zusammengerollten, vergessenen Weltformeln, die es zwischen Spinngewebe zu entdecken gilt. Im doppelten Wortsinn ein »sperriges« Thema, definiert sich doch der Schrank als Schranke zwischen einem Innen und einem Außen.
Die Ausstellungsräume im »Hausmeisterhaus« präsentieren sich vom Keller bis zum Dach als eine räumliche Bedrängnis, der sich die Ausstellungsmacher nur durch den weitgehenden Verzicht auf Voluminöses zu erwehren wussten. Ergo gibt es vor allem eines in diesem verwinkelten Hexenhäuschen nur in homöopathischer Dosierung – Schränke. Kaum eine Handvoll Exponate, einige Schrankminiaturen für Puppenstuben, viel gedruckter Text auf sorgfältig abgeklebten Wänden, zwei Schauvitrinen mit alten Schlüsseln … das war’s.

Nun, auch wenn die Vorstellung einer schnaufenden Gruppe von Studenten, die einen monströsen alten Gaschromatographen über die engen Stiegen ins Obergeschoss zerren, durchaus für Erheiterung sorgt, haben die Kuratoren eine bessere Lösung ersonnen. Sie gewannen die Fotokünstlerinnen Simone Demandt und Candida Höfer, die sich in den Gebäuden der Universität umsahen und jeweils eine Serie von Fotoarbeiten schufen, die sich, auch wenn kein einziger Homo sapiens sapiens zu sehen ist, dem Thema Schrank und Mensch widmen. So entstand ein, wenn auch rudimentärer, »visueller Dialog zwischen Möbeln und Fotografien«, der in einen sehr gelungenen Ausstellungskatalog mündet. Hier endlich findet man eine Klammer, die die wechselvolle universitäre Geschichte der Schrankobjekte und ihr wissenschaftliches Umfeld mit der kühlen Ästhetik der Bilder von Demandt und Höfer verbindet.

Lothar-Meyer-Bau I Tuebingen 2007, Candida Hoefer © VG Bild-Kunst
Schränke als Orte der Sicherung und Aufbewahrung, aber auch im Besitz einer eigener Ästhetik und fest eingebunden in soziale Hierarchien und rituelle Praktiken. Unterteilt in Zeigemöbel, Schließmöbel, Ordnungsmöbel, Schränke, die unter Strom stehen, und Repräsentationsmöbel wird der Schrank als Teil der »materiellen Kultur« der Universität in verschiedenen Texten behandelt. Mal als Einzelstück, wie die Liebhaberschränke von Immanuel Gottlieb Boehringer, dessen Sammlung von fragilen Schneckengehäusen und Muscheln jahrelang unerreichbar in einer Ecke des Dachbodens der Zoologischen Schausammlung verstaubten, mal als sichtbarer Ausdruck sozialer Hierarchien, wie der ehemalige Direktorenschrank, dem zwar der Dachboden erspart blieb, der nun aber, gekrönt von einer Haube aus alten Leitzordnern, sein Dasein in einer tristen Büroecke fristet. In den Texten lassen sich Details zur Inneneinrichtung des Bibliotheksbaus der Universität von Paul Bonatz, errichtet zwischen 1909 und 1912, ebenso finden wie der kleine geschichtliche Exkurs »Vom Einräumen der Erkenntnis« der Museumsleiterin Anke te Heesen, die ersten Schritte vom einzelnen Schrank zum Systemmöbel oder die Funktionsvielfalt eines -80°C -Gefrierschranks, an dessen Inhalt, Ordnung und Zugriffsberechtigungen sich Forscherleben rekonstruieren lassen.
Die in Baden-Baden arbeitende Simone Demandt (geb. 1959) und die Becher-Schülerin Candida Höfer, Jahrgang 1944, machen das Beste aus scheinbar Banalem und verdeutlichen mit ihren kühlen, stets menschenleeren Bildern, wie dem Individuellen durch das pragmatisch notwendige Ordnen und Sortieren auch immer Gewalt angetan wird. »Manche Lehrmittel wirken auf Demandts Bildern so endgültig abgestellt, dass wir den vertotenden Sog zu spüren meinen, der alle Sortiersysteme und Archive unterschwellig mitprägt«, schreibt Matthias Winzen zu den Fotos, die zu negieren scheinen, dass das Universum stets und unaufhaltsam zu Unordnung und Chaos tendiert. Sicher verbirgt sich doch das eine oder andere Schreckgespenst in den Schränken der Universität Tübingen.
auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften
Eine Ausstellung des Museums der Universität, in Zusammenarbeit mit der Graphischen Sammlung am Kunsthistorischen Institut der Universität Tübingen
24.10.07-15.2.08
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 54, Dezember 2007.
Michael Reuter, 09.12.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Schränke habens in sich, da geht kein Weg dran vorbei - ohne neugierig zu werden. Doch liegt in ihm wirklich nur "materielle Kultur" vergraben? Sind sie nicht viel mehr Gefässe ideeller, spiritueller ja mystischer Kulturgüter?
irmgardartig
| 16.01.08