Christoph Bannat | Interview
Rolf Dieter Brinkmann, Weltneuheit, DVD-Box

Ausschnitt aus Rolf Dieter Brinkmanns Super8-Filmen, 1967-70.
Weltneuheit und Meisterwerk. Interview mit Harald Bergmann
„Man müsste den Wörtern mit der Brechstange in die Fresse schlagen“, lautetet ein Statement von Rolf Dieter Brinkmann das sein körperliches Verhältnis zur Sprache verdeutlicht. Das der Schriftsteller Brinkmann (1940-1975) Fotocollage-Romane montierte und schrieb, weiß man spätestens seit Rom-Blicke, seinem Villa Massimo-Stipendiumsbericht. Das er auch Filme gemacht hat konnte man seinen Texten entnehmen, sehen aber konnte man sie bis jetzt nicht - bis jetzt.
Brinkmanns Zorn,Directorscut auf Drei DVD´s mit Originalmaterial aus dem medialen Nachlaß von Rolf Dieter Brinkmann, www.goodmovies.de 20,99 Euro

Ausschnitt aus Rolf Dieter Brinkmanns Super-8-Filmen, 1967-70
Der Regisseur Harald Bergmann (geb. 1963) hat Brinkmanns Super8-Filme digitalisiert und mit Zwei weiteren DVDs mit Brinkmanns Tonaufnahmen und Collagen unter dem Titel: "Brinkmanns Zorn", herausgebracht und mit Musik von Harald Bergmann und Geräuschen von Brinkmann unterlegt. Die filmisch reproduzierten Rom-Collagen, wurden mit choralartig arrangierten Sprechtexten vertont, unterbrochen von Interviews mit Zeitzeugen aus Brinkmanns Leben und nachgestellten Spielfilmszenen. Die Drei DVD´s können als ein Film in Vier Kapiteln gesehen werden. Die Spielfilmszenen basierend auf Originalschauplätzen, nach Brinkmanns Fotos und Super-8 Filmen. So Brinkmanns Aufenthalt in einer Waldhütte, bei dem die Bilder Bergmanns von einem Fließtext aus Brinkmanns Tagebuch überlagert werden. Oder Harald Bergmanns Spielfilm, der bereits in den Kinos lief, der Lippensynchron nachgespielt auf den Original-Tonbandaufnahmen von R.D. Brinkmann entwickelt wurde. Ingesamt sind so über fünf Stunden Film entstanden; der Direchtoscut. Indem Harald Brinkmann die unterschiedlichen Ebenen von Brinkmanns Film, Schrift, Bild und Tonaufnahmen neu miteinander verkettet, mit eigener Musik unterlegt, Texte sprechen lässt und einblendet interpretiert er dessen Werk. Dabei ist ihm ein komplexes, bei aller Distanz aber auch berauschend liebevolesl Portrait von R.D. Brinkmann gelungen. Das Harald Bergmann Ton, Film, Schrift und Fotocollagen, fast konzeptuell, in vier Kapitel getrennt hat lässt den Gesamtfilm, den die Kapitel im Kopf des Betrachtern ergeben noch eindringlicher werden. Das ist eine Weltneuheit im Umgang mit einem künstlerischem Nachlass.
Zwar stellt sich bei diesem Vorgehen die Frage nach der Authentizität des Zusammenschnitts, im Sinne eines wissenschaftlichen Reinheits- und Verwertungsgedankens wie man mit einem solchen künstlerischen Nachlass umzugehen hat. Doch Bergmanns Portrait bringt einen den ganzen Brinkmann als Familienvater, Freund und Phänotyp so nahe, dass seine Filme wie ein humanistisches Plädoyer erscheint - geprägt von Brinkmanns Zorn.

Ausschnitt aus Rolf Dieter Brinkmanns Super 8- Filmen, 1967-70.
Bergmanns Filme sind vielleicht ein Schlag in die Fresse der Gralshüter und Devotionalienhändler von Literatur- Nachlassverwaltern und deren selbstlosen Reinheitsgeboten. Bergmanns Filme sind sicherlich eine Interpretation von Brinkmanns (künstlerischen) Leben. Sie sind aber auch eine herzergreifende Übersetzung für die Lebenden, denn wie heißt es so schön: Nur der Tod kann eine Geschichte zu Ende erzählen - nun wir gehören zu den Lebenden.

Ausschnitt aus Rolf Dieter Brinkmanns Super 8- Filmen, 1967-70.
Wer mehr über die Kämpfe der 60er und 70er Jahre wissen möchte, wer als Neuleser bei Brinkmann einsteigen möchte und auch für jene die meinen alles über Brinkmann zu wissen ist diese DVD-Box unergründlich wertvoll. Wer z.B. Warhols wahre Kraft und Bedeutung, sein tuntiges, Drogenumflortes Image für die Späten 60er Jahr nachempfinden will, der muss Rolf Dieter Brinkmanns Super8-Filme sehen. Oder wer über Kontemplation und Zerstreuung, Massenmedien und Erlösungsversprechen von Nachkriegsverletzten etwas erfahren möchte, also über Jene die sich (auch für uns) Leibhaftig die Nazivergangenheit aus dem Leib schreiben mussten, sind diese 3 beschichtet und bedruckten Scheiben ein großer Gewinn und jetzt bereits ein Klassiker.
Fragen von Christoph Bannat an Harald Bergmann, zu den Super 8 Filmen. Der Kinofilm „Brinkmanns Zorn“ wurde bereits im Kunst-Blog.com besprochen
C.B. Haben Sie die Original-S-8 Filme von R.D.Brinkmann geschnitten?
H.B.: Ja und Nein. Entscheidend ist, daß Brinkmann ja nicht nur gefilmt, sondern sein Material schon selber in Cut-up Sequenzen geschnitten hat und so als Dichter aus seinem Material etwas komponiert hat. Die Bedeutung stellt sich erst im Schnitt her. Ich habe also grundsätzlich diese geschnittenen Sequenzen Brinkmanns zugrunde gelegt und versucht diese soweit wie möglich zu erhalten und unangetastet zu lassen. Das Gesamtmaterial beträgt aber 6 Stunden und die hier vorgelegte 88 Minuten Struktur ist gewissermaßen ein Extrakt daraus.
C.B.: Welche Rolle spielte beim Zusammenstellen die Musik?
H.B.: Das Original-Material für sich ist ja erstmal technisch bedingt stumm wie ein Fisch. Aber auch in Brinkmanns Ansatz und seiner Behandlung ist die Musik gar nicht wegzudenken. Er hat geschnitten und das Ganze dann mit Musik angeschaut. Ich habe mir von Freunden, mit denen er gefilmt und geguckt hat, das genau schildern lassen, wie das ablief, und das war für mich der Schlüssel um überhaupt an dem Material arbeiten zu können und das zu begreifen. Ganz egal was für einen Musikgeschmack man hat, ganz egal was man für eine Musik da wählt, eins ist ganz offensichtlich: diese Bilder öffnen sich dann, wenn sie getaktet werden. Wenn man die Filme als Material stumm anschaut, -was ich ja lange gemacht habe, fehlt irgendwie schmerzlich eine entscheidende Kraft. Insofern mußte da angesetzt werden. Sonst ist es ein Alltagsmaterial, das stumm sein Potential kaum zeigt.
C.B.: Und die Geräusche?
H.B.: Die Geräuschebene ist gewissermaßen die Gegenkraft oder der Gegenpol zu der Musik, die ja teils mit großen Orchesterklang arbeitet, es sind Alltagsgeräusche, die wieder auf das Detail zurückgehen; und diese verwendeten Geräusche sind auch wieder zum Teil von Brinkmann selbst aufgenommen. Aber eben viele Jahre später. Zum Beispiel die Einstellung, in der er filmt, wie er in seinem Treppenhaus in der Engelbertstraße hinuntergeht. Und 5 Jahre später hat er in seinen Tonbandexperimenten das Gleiche gemacht, nur mit dem Ton, das Türzuschlagen und seine Schritte. aufgenommen. Und in der Montage füge ich das zusammen, wobei es sich eben durch die Musik bindet, die wieder von mir ist.
C.B.: Hatten sie Bedenken Musik einzusetzen?
H.B.: Wie gesagt, ich hatte keinerlei Bedenken, als ich begriff, daß es die Musik ist, die fehlt.
C.B.: Musik kleistert, im Film, ja schnell etwas zusammen was szenisch oft keinen Zusammenhang hat. Ausserdem beeinflusst es die Stimmung, einmal davon abgesehen dass man damit das Bild sklavisch an den Ton gekettet hat.
H.B.: Das Kritische Ihrer Frage möchte ich hier genau umkehren: Etwas zusammenzubringen, was scheinbar keinen Zusammenhang hat, Stimmungen zu schaffen und die Relationen von Bild und Ton zu erkunden und zu mobilisieren, ist gerade das Erfreuliche am Filmemachen.
C.B.: Wonach richtete sich der Schnitt, welche Vorgaben haben sie sich gegeben? ( wenn diese nicht von Ihnen geschnitten wurden) Nach welchen Kriterien haben Sie diese zusammengestellt ?
H.B.: Das ist ein Kristallisationsprozeß, den ich nicht in Kategorien beschreiben kann- es ist eher so ein Graben, wie in einem ärchologischen Terrain, wo man Funde macht, und die sich dann anguckt, sie zusammensetzt, und Schritt für Schritt setzt sich dann auch ein Bild, von dem Palast, der da vielleicht mal stand, zusammen... Ich kann es auch technischer beschreiben: Die Musiken sind im Ansatz nicht zu den Bildern komponiert worden, sondern sind unabhängig enstanden, und mit Ihnen ist es so ein Cutup Prozeß gewesen: Man legt Musiken und die Brinkmannsequenzen über-einander, sieht die Punkte die sich öffnen, legt diese wieder über andere Sequenzen und so bilden sich Schritt für Schritt aus der Logik des Materials Strukturen, die teils meinem Willen gehorchen, teils von der Beobachtung , wohin das Material will, abhängen.
Daraus bildet sich auch diese letztlich unauflösbare Textur, die aus Brinkmanns Schnitten besteht, aber auch aus meinem Weiter-schneiden auf eine Struktur hin, aus den Originalengeräuschen, den von uns gesetzten Geräuschen. Schon im ersten Bild hört man die Blätter der Bäume in Köln rauschen, Straßenbahngeräusche aus den 70igern, all das läuft fast unbewußt und bringt einen näher an die Phänomene heran. All das ist von meinem Soundesigner Kai Tebbel gesetzt, mit dem das eine schöne und sehr enge Zusammenarbeit war, diese Vertonung, diese Stille zwischen Musiken durch zu komponieren.
C.B.: Was bedeutete es bei den Super 8 Filmen Regie zu führen ?
H.B.: Meinen Sie die Frage auf Brinkmann oder auf mich bezogen? Ich habe bei ‚Brinkmanns Zorn’ Regie geführt. Die Super 8 Filme sind ja nur ein Kapitel eines ganzen Prozesses, nämlich die ganze Reise von der Popzeit bis zu seinem Tod 1975 mit ihm zu machen. Und es ist auch eine Reise durch verschiedene mediale Formen, nämlich den Tönen von Brinkmann Bilder zu geben, den Bildern Töne und dann noch die ganzen Mischformen dazwischen, auch die Schrift, zu durchmessen. Auch bei Brinkmann kann man bei den Super 8 Filmen schlecht von Regie sprechen. Es ist hier ja eher ein dokumentarischer Anspruch, den Moment festhalten und beschreiben zu wollen, die Zeit, den Ort, die Menschen, unter denen man lebt, zu zeigen, die Begierde, die Suche nach Intensität - da scheint mir der Regiebegriff nicht so recht zu passen. Mindestens so wichtig scheint mir dagegen der Begriff der Montage. Nicht umsonst hat Brinkmann eben sein Material extrem geschnitten und völlig heterogene Ebenen zusammengebracht. Da ist der Dichter am Werk, da, in diesem strukturierenden Eingriff, liegt letztlich das Geheimnis.
C.B.: Hatten sie jemals Bedenken ins Werk Brinkmanns zu sehr einzugreifen? Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Original und Interpretation?
H.B.: Sie fragen immer nach Bedenken. Ich habe ständig Bedenken. Die ganze Arbeit der Montage besteht fast ausschließlich darin, zu bedenken und zu fühlen, ob und wann etwas funktioniert und wann nicht. Und das war bei „Brinkmanns Zorn“ die Kategorie und nicht ein moralisch furchtsames Urteil, zu was man berechtigt ist. Um eine eigenständige Arbeit, einen Film, der als Film funktioniert, zu schaffen, war und ist es eben gerade nötig, diesen dichterischen Impuls des strukturierenden Eingriffs oder Übergriffs auch umzusetzen und zu wagen. Ob das dann richtig oder gelungen ist,
das müssen andere entscheiden.

Ausschnitt aus Rolf Dieter Brinkmanns Super8-Filmen, 1967-70.

Ausschnitt aus Rolf Dieter Brinkmanns Super8-Filmen, 1967-70.
Christoph Bannat, 01.12.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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