Christoph Bannat | Kritik
Schirn und Gmür

Zwei Malerei- Ausstellungen die unterschiedlicher kaum sein könnten, auf den ersten Blick. Die eine in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, die andere in der Ladengalerie Gmür in Berlin- Prenzlauerberg.
TURNER HUGO MOREAU, ENTDECKUNG DER ABSTRAKTION, 06. OKTOBER 2007 - 06. JANUAR 2008 www.schirn-kunsthalle.de
BONJOUR MONSIEUR ENSOR, bis 15.12.2007, Sa. u. So. 16 – 20.00 Uhr nach Vereinbarung Tel. 0176.700726, GMÜR , Christburgerstrasse 29 D- 10405 Berlin
Plus Interview mit Marcus Weber, Peter Stauss, Sebastian Hammwöhner

Kunsthalle-Schirn, Ausstellungsansicht.
Seit 2006 hat die Schirn Kunsthalle Frankfurt immer wieder großartige Ausstellungen zur Malerei gezeigt. Angefangen mit James Ensor und Odilon Redon, um jetzt mit Victor Hugo, Gustave Moreau und J.M. Turner ein weiteres Glanzlicht zu setzen. Leicht hätte dieses Glanzlicht zum Thema "Entdeckung der Abstraktion" zu einer Assoziationsgirlande mit den üblichen Leuchten von Kandinsky, Malewitsch, bis Pollock werden können, tatsächlich aber ist dem Kurator Raphael Rosenberg eine konzentrierte und erhellende Zusammenstellung gelungen und das, was bei historischen Ausstellungen äußerst selten ist, nicht ohne Humor. Die Ausstellung kann getrost als ein wegweisender Klassiker bezeichnet werden. In Frankfurt wird, anhand von Moreau, Turner und Hugo die Wirkungsästhetik, die theoretische Reflexion der Wirkung, die die Mittel der Künstler (Linie, Komposition und Farbe) auf den Betrachter ausüben und zum anderen die Faszination für Flecken, für durch Zufall entstandene Bilder, gezeigt. Neben den drei Klassikern werden Arbeiten von Laurence Sterne, Wilhelm Busch, William Hoghart, Justinus Kerner, Hermann Rorschach, oder Gustave Dore gezeigt, die die Werke der „Großen Drei“ unterhaltsam kommentieren. Das dies auf angenehm lockere Weise geschieht ist auch ein Verdienst der intelligenten Ausstellungsarchitektur. Die ältesten Malereien reichen bis in 14.Jhd., gemalten Marmorverkleidung unter Giotto-Fresken. Die Ausstellung animiert nicht nur zum Studieren, sondern zeigt, dass das Vertiefen in abstrakte Formen ein Menschheit altes Bedürfnis ist und keine Erfindung der Neuzeit.

Victor Hugo, Ruinenlandschft

Ausschnitt, Georgane Deen, Titel: 7 Shut The Fuck Up

Gmür- Ausstellungansicht.
Auch die Ausstellung in der Ladengalerie Gmür bedient sich der Indifferenz von Flecken, als Grundlage oder Kommentar. Die malerischen Fragestellungen von Ensor, Redon, Moreau, Turner und Hugo tauchen auch hier, allerdings in abgewandelter Form, wieder auf. Anders, als in der Frankfurter Schau mit seiner angenehm wissenschaftlichen Kühle, erlebt der Betrachter in Berlin eine zeitgenössische, gebrochene, Innerlichkeit. Marcus Weber, der die Ausstellung zusammengestellt hat, siedelt die Arbeiten im Zwischenreich von Groteske und Romantik , Exotismus und Art Brutal, Desolatio und Okkultismus, Cartoon, Seemansgarn und Astrophysik an. Die Stimmung aber ist, mit ihm selbst und Peter Stauss als Ausnahme, weltabgewandt, geisterhaft. Geisterhafter als die Arbeiten von Moreau, Hugo und Turner, die immer noch die Natur als Gegenüber hatten, ein Bezug der hier gänzlich fehlt. Das Absolute ist nun nicht mehr die Natur oder der Wille, sondern das gelöste Einzelne, das Individuelle, ein gewisses Etwas, bestimmt und unbestimmt zugleich. Es entsteht modo obliqudo, in der „unzentrierten Erfahrung“, George Brecht, zitiert von Hannes Böhringer, im Zusammenhang mit Jackson Pollock Dripping-Bildern, ein Zitat das auch für die Gmür Ausstellung gelten könnte.

William Turner, Meer mit nahendem Sturm.
Künstler der Ausstellung: Georganne Deen, Matthias Dornfeld, Marcus Weber, Peter Stauss, Michael Bauer, Sebastian Hammwöhner, Lutz Braun

Galerie Gmür, Lutz Braun, Spiegelung: Marcus Weber nach James Ensor.
Fragen von Christoph Bannat (C.B.) an Marcus Weber( M.W.), Peter Stauss (P.S.), Sebastian Hammwöhner(S.H.) .
(C.B.) Wie kam es zu der Auswahl der Künstler?
M.W.: Maurus Gmür hat mich gefragt ob ich eine Gruppenausstellung in seinem Raum kuratieren will. Nach kurzer Überlegung hab ich mich an ein Ensor- Bild ( „Malendes Skelett“, 1896) erinnert und das war die Initialzündung. Dadurch ergab sich eine Assoziationskette von Namen und Werken. Ausserdem sind die Räume mit ihren Stuckdecken sehr verlockend dort eine Ausstellung zu inszenieren, die eine Atmosphäre von Salon oder Privatsammlung hat.
C.B.: Warum Ensor ?
M.W: Ensor fand ich als Referenzfigur treffend, weil er sehr viele unterschiedliche Dinge vereint, vom Symbolismus zum Expressionismus bis hin zur Karikatur. Das trifft auch auf die Künstler die bei GMÜR teilnehmen zu, denn auch bei Ihnen werden die unterschiedlichsten Stilrichtungen ineinander vermengt. Anders als in der Malerei der 80er oder 90er Jahre, in der die einzelnen Verweise noch erkennbar nebeneinander stehend zitiert bzw. folienartig übereinander geschichtet wurden verschmelzen die Einflüsse heute miteinander, amalganisieren und sind kaum noch zu dechiffrieren.
P.S.: Für mich war der Ensor- Bezug auch von Anfang an plausibel. Ensor war einer der ersten KünstlerInnen, bei denen eine Überdrehung des Intimen sichtbar wird. In den Arbeiten der Ausstellung spielt das nach Außen gekehrte Intime ja auch eine wichtige Rolle.
S.H.: Ich finde das alles auf einen Nenner zu bringen eher schwierig. Ich sehe da eher Anleihen aus der Kunstgeschichte, und das diese hier aber weiter gebracht werden. Was ich interessant finde dass es so etwas wie Groteske gibt und dass diese hier sehr stark über eine Interpretation von Figur kommt.
C.B: Ist das eine zeitgenössische Ausstellung?:
M.W.: In dem Sinne, dass alles zeitgleich verhandelt wird ?
P.S: Die Ausstellung vereint schon unterschiedliche Szenen. Sie verbindet die Positionen indem sie den Zusammenhang erfindet. Vielleicht ist gerade das zeitgenössisch.
C.B.: Seht ihr das Fleckenhafte, das in vielen Arbeiten auftaucht als malerisches Signet dieser Ausstellung und wofür steht dies heute ?
M.W.: Nicht als Signet, das wäre zu einfach gedacht.
P.S: Aber der Zufall als Formmerkmal war in der Ausstellung schon sehr präsent. Mir kam es so vor als würden fast alle Künstler diese Ebene jenseits des Graphischen und Kontrollierbaren bewußt suchen.

Ausstellungraum, Marcus Weber Skulptur, Matthias Dornfeld,Lutz Braun,Titel: Rilze. Marcus Weber,Titel:Dada Berlin Lutz Braun,Titel: Lachende Schmerzen.
S.H.:Geht es jetzt etwa um die Frage von Figuration und Abstraktion...knister... knister....gähn.
M.W.: Die Ausstellung heißt ja nicht „Der Fleck in der Kunst der Nullerjahre“.Der Eindruck entsteht wahrscheinlich weil Lutz, Matthias, Michael und ein bisschen auch Peter, auf eine Malerei zurückgreifen, die, salopp gesagt, zwischen Art Brut und Tachismus angesiedelt werden kann, ohne diese jedoch zitathaft zu benutzen.
S.H.: Ich fand das interessant, das sind ja Leute die sich alle mit Abstraktion beschäftigen, das aber eher mit einer psychologischen Abstraktion, vielleicht wie bei Ensor da passt ja grotesk wieder. In diesem Sinne sehe ich das Fleckenhafte, als Geste oder auch Collage.
M.W.: Das pendelt zwischen psycho und grotesk, depri und lustig.

Marcus Weber,Titel: Dada Berlin.
C.B. :Marcus, Deine Arbeiten sind sehr determiniert, bis zur ISBN-Nummer eines Reclam-Heftes erkennbar , im Gegensatz z.B. zu den Bildern von Lutz Braun.
S.H.: Aber wenn er auf einer Fußmatte malt ist das doch sehr konkret.
P.S.: Aber wenn Du mal den Bedeutungskontext der Fußmatte als Malgrund weg läßt, dann ist es ja viel vager.
M.W.: Du kannst die Referenzen aber nicht weglassen. Ich sehe die überall.
P.S.: Aber es gibt schon ein Problem wenn sich die Referenzen nur auf ein vages Understatement beziehen. Ich finde es schon wichtig, daß man formuliert was man meint, notfalls bis an die Grenze des Peinlichen. Wie zum Beispiel die tätowierte Harfe auf der Brust bei Georganne Deen oder bei deinen Reclam Heften Marcus.
M.W.: Ich kann das nicht unterscheiden.
C.B.: Am wenigsten hat man bei der Ausstellung doch an Asger Jorn gedacht.
M.W.: Hmm
C.B.: O.k. vielleicht an Klapheck....
M.W.:...der vielleicht größte Ensor- Sammler des Rheinlands...

Sebastian Hammwöhner,Hintergrund. Vorne, Matthias Dornfeld.
C.B: Sebastian, dein Teppich ist ja so etwas wie ein Eckpunkt der Ausstellung, super realistisch, abstrakt und dekorativ zugleich. Kamst du dir fremd vor mit dieser Arbeit innerhalb der Ausstellung?
S.H: Nicht fremd, ich hätte das jetzt nicht so eingeordnet. Obwohl es mich interessiert etwas zwischen Figuration und Abstraktion herstellen, ohne beides es zu verneinen.
M.W.: Das ist übrigens sein erster Teppich mit einem Gesicht.
P.S.: Der hat ja auch eine ordnende Funktion in der Ausstellung und ist ein Verweis auf Ensors Intimismus, man kennt ja die Bilder von ihm, auf denen die Wohnung mit Teppichen und Bildern überdekoriert ist.
C.B.: Bei Marcus gibt es ja eher einen kommentierenden, fast journalistischer Verweis auf Farbe.
M.W: Das liegt daran dass ich die Figuren... das sind ja Werbefiguren, Trademarkcharacters, die dazu dienen den Verkauf zu fördern, dieser Funktion enthebe und in einer anderen Umgebung ansiedele. Der Rest geschieht über die Malerei und entsteht aus dem Machen heraus.
C.B.: Welche Bedeutung haben die Flecken auf Deinen Bildern, gibt es dort eine Zuschreibung ?

Peter Stauss, o.T.
P.S.: Ich versuche dem Fleck und der bewusst gemalten Figur ihre Zuordnung, oder Legitimation abzufordern. Die Figur ist ja bewusst gewollt und hergestellt. Das ist ja eine Art der Legitimation. Der Fleck kommt dagegen von außen. Aber im Ergebnis, wenn ein Fleck so bleibt wie er geworden ist kommt er dem Status einer Figur schon sehr nahe.
C.B.: Sind das Deine Extreme? Figur und Fleck?
P.S.: Ich würde eher sagen, ein sehr produktiver Gegensatz, in der Synthese kann sich ein Bild formen.
C.B: Spielt abstrakte Kunst für Euch überhaupt eine Rolle?
S.H.: Nicht als Vorbild sondern etwas auf das man sich bezieht. Oft stehen Minimal Art , Konzeptkunst oder Abstraktion gegeneinander, ich finde es aber interessant etwas zu integrieren etwas zusammen zu bringen. Zutaten zu nehmen und zu einen neuen Brei zu machen. Der hoffentlich aktuell ist und etwas zur Zeit sagt.
P.S: Und am besten über eine Ironisierung hinausgeht. Wenn man heute Figuration mit Minimalismus zusammenbringt hat man meist als Ergebnis eine ironischen Form.
M.W: Oder etwas Oberlehrerhaftes. Heute ist der Grad an Informationen soviel mehr geworden, daß sich das sowieso im Kopf alles mischt ... man das nur noch gemischt denken und deshalb auch nur so Kunst machen kann...dass heute überhaupt keine eindeutigen Positionen mehr möglich sein können.
C.B.: Ist das eine Frage von Authentizität?
M.W.: Das ist ja die Authentizität, dass es keine mehr gibt, oder geben kann.
C.B.: Ist die Ausstellung ein Statement diesbezüglich ?.
M.W.: Sie war aber nicht als Statement angelegt ... ist es aber vielleicht geworden.
C.B.: Jetzt haben wir gar nicht mehr über die Skulptur in der Ausstellung gesprochen, Marcus, was hat es mit der auf sich?
M.W.: Vielleicht sagt sie : „ Die lange tot geglaubte Malerei ist immer noch tot“.
C.B.:...hat kein Fleisch auf den Knochen.
P.S.:...und keine Farbe auf der Palette.

Justinus Kerner

Gustav Moreau,TOMYRIS UND KYROS, O.J.
Christoph Bannat, 02.12.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
sehr gute ausstellung!, sehr guter gallerist!,
d. Kurator kenne ich nicht...
sehenswert und endlich mal jemand der ‘anders macht‘....
will check that out!
Sa 15.Dez ab 20 Uhr Finissage mit DJ Mobiletti
big up
honesTees
| 12.12.07
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