Gastbeitrag | Kritik

Zwischen Freizeit und Freiheit - Über das Coming-Out als Künstler

Zwischen Freizeit und Freiheit
Über das Coming-Out als Künstler
von Wolfgang Müller

Wie wird ein Mensch zum Künstler? Gibt es dafür eine Art Coming-out? In manchen Familien sind vom Großvater bis zum Enkel fast alle Künstler. Zum Beispiel meine Freundin Carola Regnier. Sie ist eine wunderbare Schauspielerin, ihr Vater Charles war es ebenfalls. Carolas Opa ist Frank Wedekind und ihre Mutter Pamela Wedekind, die berühmte „Lulu“.

Martin Kippenberger, Dialog mit der Jugend, 1978; courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln/© Estate Martin Kippenberger – Es gefiel der Punkerin „Ratten-Jenny“ überhaupt nicht, als der Künstler Martin Kippenberger als zeitweiliger Pächter des Punkclubs „SO 36“ in Kreuzberg die Bierpreise erhöhte. Sie prügelte den Künstler krankenhausreif. Punk trifft Kunst. Kippenberger dokumentierte sein lädiertes Gesicht als Gemälde und nannte die Arbeit „Dialog mit der Jugend“. Der Altersunterschied zwischen Kippenberger und „Ratten-Jenny“ betrug allerdings gerade mal vier Jahre.

Meine Oma Minna Neckien war Kneipenwirtin in Ostpreußen und meine Mutter Edith Einzelhandelskauffrau in Wolfsburg. Auf dem Wolfsburger Bahnhof hat Edith Müller einmal Charles Regnier gesehen. Er stieg gerade aus dem Zug, privat. Carola hat nämlich eine Schwester, die in Wolfsburg wohnt. Sie ist Musiklehrerin, was ja auch wieder mit Kunst zusammenhängt. Als ich im März 2007 in der Städtischen Galerie Wolfsburg meinem Bruder Max ausstellte, war diese auch anwesend. Adrienne ist genauso reizend wie ihre Schwester.

Dass eine Künstlerfamilie sich freut, wenn Töchter und Söhne auch Künstler werden wollen, wird allgemein angenommen. Vielleicht stimmt das aber gar nicht. Vielleicht sagen manche Künstlereltern ihren Kindern auch: „Geh bloß nicht zum Theater, in diese Intrigenwirtschaft, nur Lug und Trug!“ Oder: „Maler? Verzichte auf diesen unsicheren Hungerleiderjob.“

In den frühen 1980er, als sich der 16-jährige Ben Becker in Risiko und Cri Du Chat, den Szene- und Punklokalen Westberlins herumtrieb, war jedem Punk klar, dass er aus einer bekannten Schauspielerfamilie stammt. Wenn er also wirklich mal randaliert hat, dann beeindruckte das die Hardcorepunks nur beschränkt. Es war ihnen klar, dass Bens Eltern im Falle eines Falles immer für den Schaden aufkommen würden. In Jürgen Teipels Punkbuch „Verschwende Deine Jugend“ liest es sich so, als sei Ben Becker der wildeste Punk von allen gewesen. Tatsächlich war er immer sehr umgänglich und damals nicht einmal besonders pathetisch.

Um in die Fußstapfen von Klaus Kinski zu treten, bot sich dann Teipels Buch an. Statt grauer Nachkriegszeit, Schwarzhandel und Strichererfahrungen in Westberlin, wie es Kinski aus seiner Jugend schildert, blühte hier die harte, graue Welt der Westberliner 80er Jahre Punkszene auf. Verlag und Lektor selbst hatten sicher nichts dagegen, bei einer Legendenbildung mitzuwirken. Und heute, 2007 liest Ben Becker begleitet von einem Orchester aus der Bibel – so rückt er Kinski immer näher.

Statt aus einer Künstlerfamilie zu stammen, galt es natürlich als viel revolutionärer, die Tochter eines Hauptkommissars zu sein („Ratten-Jenny“), zappelnd und kreischend bei einer Hausbesetzung vor den Augen des Vaters herausgetragen zu werden. Oder die Punkerin mit zerrissenen Netzstrümpfen, die sich im Kreuzberger KZ 36 (Kultur-Zentrum) als Tochter des Westberliner FDP-Wirtschaftssenators Lüders outete. Also, etwas darzustellen, was den Kontrast erst richtig perfekt macht. Für das gegenwärtige Künstlerbild ist das Wort „Punk“ und die ihm innewohnende Widerstandsformel deshalb perfekt. Es wird immer mehr zum Kunstbegriff. „Punk“ bedeutet heute fast so etwas wie „Dada“.

Mein Vater arbeitete am Fließband im Volkswagenwerk, meine Mutter als Hausfrau. Ich wollte unbedingt Künstler werden, zeichnete Comics, malte Bilder und schrieb Gedichte wie „Das Lügenmeer“ (1964). Als mein Berufswunsch in der Pubertät immer noch nicht einer realistischen Berufsperspektive gewichen war, bekamen es meine Eltern allmählich mit der Angst zu tun. Sie organisierten einen Termin beim Psychologen. Das Gespräch fand in einem der Häuser mit Spitzdach statt, die noch aus dem Wolfsburg der 40er Jahre stammten. Bis Kriegsende 1945 wurde die Nazigründung offiziell „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ genannt. Der Psychologe fragte, ob ich lieber mit ihm alleine reden wolle. Da ich ja stur auf meinen angestrebten Künstlerberuf beharrte, hatte ich nichts dagegen, dass meine Eltern anwesend waren. „Ich verstehe gar nicht, wo das Problem liegt“, sagte schließlich der Psychologe, als meine Eltern als zentrales Problem den Berufswunsch „Künstler“ vorbrachten und wies auf die Wände seines Büros: „Ich habe doch auch Kunst in meinem Büro hängen.“ Diese Bilder waren zwar grässlich, aber sie halfen mir sehr. Sie brachen den elterlichen Widerstand. Ich war also nicht verrückt.

Es wäre unangemessen zu sagen, ich entstammte einer Arbeiterfamilie. Denn in den 70er Jahren wurden die Arbeiter, die im Volkswagenwerk am Fließband arbeiteten, allmählich so eine Art Bürgertum, zumindest verstanden sie sich als solches. Und einige legten sogar Wert auf höhere Schulbildung ihrer Kinder, wenigstens für die männlichen Nachkommen. Bemerkenswert war, dass im Wolfsburger Gymnasium die Berufe der Eltern im Klassenbuch für alle Lehrer und Mitschüler deutlich sichtbar vermerkt waren. Und hier, in der Arbeiterstadt Wolfsburg, wo seinerzeit die Hälfte der Menschen am Fließband bei VW arbeiteten, existierten im gymnasialen Klassenbuch so gut wie keine „Arbeiter“. Alle waren Töchter und Söhne von Pädagogen, Beamten oder Buchhändlern. Ich schien der einzige Schüler zu sein, bei dessen Vater das „Arbeiter“- Wort vorkam: „Bandarbeiter“. Meine Mutter bekam irgendwann das Buch zu sehen und sagte vorwurfsvoll: „Warum hast du dem Lehrer denn „Bandarbeiter“ gesagt? Vati ist doch gelernter Tischler!“ Offensichtlich war Bandarbeiter kein Beruf, auf den man stolz sein konnte.

Im Keller zimmerte mein Vater Möbel und furnierte sie mit Schachspielen oder Ornamenten. Er bastelte Vogelkäfige aus Draht und Holz, malte Landschaftsbilder von Postkarten ab. Das war sein „Freizeit“-Vergnügen. Und so konnte er sich auch einen Künstler vorstellen: ganz privat, im Hobbyraum.

Nach dem Besuch beim Schulpsychologen akzeptierten meine Eltern den Berufswunsch Künstler. Mit einem „Nicht versetzt in die 11. Klasse“- Zeugnis, versehen mit Bemerkungen wie „Wolfgang stört den Unterricht durch Privatgespräche“ und dem klein eingetippten Zusatz „verleiht nachträglich die gleichen Rechte wie die Mittlere Reife“ rückten die Aussichten auf den von Mutter und Vater erträumten Beruf Rechtsanwalt oder Bankangestellter eh in weite Ferne. Ja, mein Vater fuhr mich schließlich sogar in die nächste Stadt, wo ich 1978, drei Jahre später an der Kunsthochschule Braunschweig meine Bewerbungsmappe abgab. Dass ich dort schon in der Vorauswahl scheiterte, empfand ich als persönliche Beleidigung. Immerhin hatte ich neben hübschen Zeichnungen auch eine wunderbare Kollektion von über fünfzig montierten Spickzetteln meiner Mitschüler in die Bewerbung gelegt: Meine erste Konzeptkunst, die eine umfangreiche Etymologie des Wortes „spicken“ umfasste. Im Betrügen, so meinte ich, beweise und entfalte sich die wahre Kreativität und Gestaltungskraft des Schülers. Im Schulunterricht selbst war Kreativität gar nicht erwünscht. Disziplinierung war angesagt. Abweichungen wurden rigoros bekämpft, so meine Erfahrung. Und Kunst soll doch befreien. Ja, die Kunst ist das Einzige auf der Welt, was uns befreien kann.

Mitsamt meiner Spickzettelsammlung zog ich 1979 nach Westberlin. Das war der Ort, an dem alles möglich schien. Vor allem, mit sehr wenig Geld ganz gut und frei zu leben.

Jetzt wurde es plötzlich peinlich Künstler zu sein. Denn für die Punks war das Wort „Künstler“ oder „Kunststudent“ ein Schimpfwort – zu Recht. Tatsächlich entpuppte sich die Kunstszene Westberlins als ähnlich spießig und brav wie der Rest der Gesellschaft. Erfolgreich bewarb ich mich 1980 an der Hochschule der Künste in Berlin, wo mein erster studentischer Vortrag, eine Eloge auf S.C.U.M., Valerie Solanas Manifest zur Vernichtung des Mannes, nicht nur bei den männlichen Studenten, sondern auch den Studentinnen auf einhellige Ablehnung stieß. In der Westberliner Kunstszene war der „Kritische Realismus“ angesagt, im Osten der „Sozialistische Realismus“. Später, als die „Kritischen Realisten“ verstummten, weil sie endlich ihre Professuren hatten, führten „Wilde Maler“ die Berliner Realistentradition weiter fort.

Die Aussicht vom Hochglanzmagazin ART als „Neuentdeckung“ gefeiert und „talentierter junger, wilder Künstler“ in der Westberliner Paris-Bar abzuhocken und zu warten, bis Peter Fonda oder Jack Nicholson durch die Tür stiefeln, war unattraktiv. Das soll Freiheit sein? Wenn es um gesellschaftliche Konvention geht, erwies es sich für mich als viel befreiender, eine Mutter zu haben, die auf meinen fröhlichen Anruf: „Mutti, ich bin mit Die Tödliche Doris nach Tokio eingeladen!“ fassungslos murmelt: „Wie, mit dieser Musik??“ Oder anlässlich meiner Ausstellung verunsichert fragt: „Was soll ich denn den Leuten sagen, was du für Kunst machst, wenn die mich danach fragen?“ Wer so unverstanden ist, der kann frei und rücksichtslos walten und zwar nicht nur im familiären Umfeld.

Wolfgang Müller, Frisuren der Tödlichen Doris, sichtbar gemacht durch Kirlianfotografie ihres Kopfes an verschiedenen Orten (Detail): Aurastempel Budapest (4), New York (5), Basel (9) und Warschau (10), 2004; courtesy Galerie Dörrie * Priess, Berlin

Heute ist es nicht mehr peinlich, „Künstler“ genannt zu werden. Denn während in den 80er Jahren die Bezeichnung allgemein noch für die Behauptung stand, besonders kreativ, frei und individuell zu sein, ist ja inzwischen die gesamte Gesellschaft davon überzeugt, kreativ, frei und individuell zu sein oder zu denken. Alles, was in der Konsumgesellschaft heute produziert und verkauft wird, ist mit Worten von „Selbstverwirklichung“, „Unabhängigkeit“ und „Freiheit“ aufgeladen. Tatsächlich hat jede und jeder die individuelle Wahl zwischen zahllosen Telefongesellschaften und Stromfirmen, die ihrerseits auf der Suche nach dem präzise passenden Individuum für ihr Produkt sind. Die Kunsthallen sind voller Menschen, wie früher die Kirchen und Kathedralen. Sie suchen nach Gegenständen und Befreiern, an die sie glauben können, die sie noch mehr befreien können.

Der Aktionskünstler Christoph Schlingensief schien mir eine Zeitlang einer dieser Befreier zu sein. Tatsächlich aber ist er der katholischen Kirche, dem Papst Ratzinger und CDU-Politikern wie Innenminister Schäuble sehr viel näher, als er selbst ahnt. Mir wurde das klar, als, ausgelöst durch diffuse Warnungen des Berliner Innensenators über mögliche islamistische Terrorattacken, die Intendantin der Deutschen Oper Mozarts Ideomeno absetzte. Alle Warnungen entpuppten sich als paranoider, hausgemachter Unsinn. Nun diskutierten die Künstler aber anschließend nicht etwa über Islamophobie, Rassismus oder Xenophobie in unserer Gesellschaft, sondern über die Rückständigkeit „anderer Kulturen“. Schlingensief kommentierte das Ereignis am 27. September 2006 im Feuilleton des Tagesspiegel, indem er den festen Glauben an die fortschrittliche Überlegenheit „unserer“ christlichen Kultur stärkte: „Wir können von einer Kultur, die 500 jünger ist als das Christentum nicht verlangen: Burka aus, Minirock an, bitte schnell.“ Wir? Wer ist wir? Schäuble und ich? Das war ernüchternd. Fünfhundert Jahre Kolonialkultur haben offensichtlich tiefe Spuren hinterlassen. Und wo ist die Befreiung? Das meint die Befreiung der Frau von der Kleidung, so wie sie im Privatfernsehen im „Ruf-Mich-An!“-Format zu sehen ist. Statt konsequenterweise dafür zu kämpfen, dass dort endlich auch Schwänze und stöhnende, penetrierte Männer gezeigt werden – das ist nämlich nach wie vor streng tabu – gilt dem heterosexuellen männlichen Künstler also die nackte, entkleidete Frau als größte Freiheitsvision. Mit Kundrys Ablegen der Burka in seiner Bayreuther Wagner-Inszenierung, so Schlingensief weiter im Tagesspiegel, „entkleidet sie sich ihres Auftrags“. So einfach läuft das mit der Freiheit. Kein Wunder, dass Schlingensief mit den Koksnasen Jörg Immendorf und Michel Friedmann für ARTE in gutem Einvernehmen durch die Nacht fuhr. Leider landete er mit ihnen nicht im Puff – das wäre nämlich wirklich genial gewesen, gar erlösend und befreiend. Auch der von seinem Künstlerfreund Jonathan Meese verkörperte Ausdruck des wilden, ungehemmten, verrückten, zugleich etwas neurotischen Künstlers bietet wenig Orientierung. Denn sich von Guido Westerwelle brav den B.Z.-Kulturpreis im Springerhaus überreichen zu lassen und die Zeremonie anschließend als Video in der Berliner Volksbühne zu zeigen, ist weder subversiv, noch befreiend. Es ist total normal. Alles bleibt so nämlich schön an seinem Platz.

Selbst Künstler, die den Hang zum Rebellischen verkörpern, bieten also inzwischen keine wirkliche Befreiung mehr an, sondern strahlen Anpassung und Konservatismus aus, plus – als Überbleibsel wilder Tage – einer Portion Melancholie. Zusammenfassend habe ich mich deshalb entschlossen, dem Künstlerberuf Lebewohl zu sagen und mich voll und ganz meiner neuen Bestimmung als Elfenexperte zu widmen. Als solcher kann ich „Unsichtbares“ wie Auren, Zwergenmützen, die Grenzen und Konventionen des Elfenreichs sichtbar machen, mich und damit auch unsere Welt befreien, eingeschlossen die Kunst.

Der Text von Wolfgang Müller erschien zuerst in der Zeitung Junge Welt am 8.12.2007.

Gastbeitrag, 31.12.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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