Christina Zück | Kritik
Close to your desires
Jeff Wall: Belichtung
Deutsche Guggenheim, Berlin
3. November 2007 bis 20. Januar 2008
Um zum Joint Venture einer Bank und eines Museums zu gelangen, muss man an weiteren hybriden Phänomenen am Prachtboulevard Unter den Linden vorbeigehen. Ein barocker Wille zum "largeur du faire" hat sich an einem ganzen Häuserblock an der Friedrichstraße manifestiert, wo ein 30 Meter langes Plakat mit einer sich räkelnden Frau in Unterwäsche hängt. Das beliebte BH-Motiv, das ganz oft in kleinen Mobilier-Urbain-Glaskästen auftaucht, nimmt hier nochmal, und zwar nicht nur räumlich, eine neue Dimension an. Dass das Brandenburger Tor mit Telekom-Werbung beklebt war, dass Alice über das Charlottenburger Tor turnte, dass die Krebspatienten im neunzehnten Stock der Charité die Aussicht versperrt bekamen mit einer Vanity-Fair-Komplettumhüllung, daran hatte man sich ja inzwischen gewöhnt. Der öffentliche Raum wurde halt gewinnbringend verhökert. Aber die gigantische Nackte will uns an die Wäsche. Das ist das Ende des Dreierpacks Unterhosen für zwei Euro vom Wühltisch, für die man sich von nun an in Grund und Boden schämen muss, wird man damit in der Sammelumkleide des Schwimmbads erwischt. "Close to your desires" steht auf einem ähnlichen Dessousmodell-Plakat am Oranienburger Tor - diesmal nur so groß wie ein Haus und um die Ecke verdoppelt. Was sind diese Desires, die ja doch auch in der Jeff-Wall-Ausstellung verhandelt werden?
Neben der Deutschen Guggenheim liegt der Showroom der Volkswagen-Group, in dessen Schaufenster ein fünfzigjähriger Mann in einer Antiklederjacke das riesige Bentley-Cabriolet betrachtet. Eigentlich ein Jeff-Wall-Snapshot. Ist die Substanz seines Begehrens, in diesem Traumauto an den elektrifizierten Lindenbäumen entlangzufahren, in die nächste Baustelle zu geraten und im Stau steckenzubleiben, der durch die Besucher der acht Quadratkilometer großen Zone aus Weihnachtsmarktbuden ausgelöst wird?
Damals, um 1989, als ich Fotografie studierte, stand Jeff Wall an oberster Stelle des unausgesprochenen Kanons, den man intuituiv erahnen musste, damit man unter den Studenten als sozial integrierbar galt. Kurz hinter ihm kamen Gerhard Richter (er benutzte ja Fotos als Vorlagen), William Eggleston und Walker Evans. Man mußte vorsichtig sein, um nicht die falschen Sachen gut zu finden. Der Mastermind hinter unserem hipsten Professor hieß Jean-François Chevrier und hatte das "Tableau" - auf Deutsch könnte man Tafelbild sagen - zum Maßstab der Fotografie erklärt. Viele der Studenten begannen, bizarre Konstellationen mit Schauspielern zu inszenieren und sie auf das größtmögliche Format, das die Einlaufbreite der Farbmaschine hergab, aufzublasen. Im Seminar wurde anschließend stundenlang über den Diskurs des jeweiligen Bildes geredet. Die Frau unseres Profs landete mit Portraits unserer Studenten, die Geldscheine zwischen sich hin und her wandern ließen, auf der Documenta. Die Arbeit bezog sich auf Robert Bressons "Pickpocket" und - klar - die Zirkulation des Geldes im Kapitalismus. Jean-François wandte sein kunstwissenschaftliches Interesse irgendwand ab von der Fotografie und hin zur Architektur. Die jeff-wall-inspirierten Arbeiten der Studenten führten nicht weit. Es war viel einfacher, eine schlichte taxonomische Strategie wie die der Bechers aufzugreifen, und durch Multiplikation auf die feinen Unterschiede innerhalb der Trostlosigkeit der modernen Welt hinzuweisen. Jeff Wall war zu komplex, um eine populistische Bewegung in der Fotografie-Produktion loszutreten.
"Das Thema von Jeff Wall sind Situationen am Rand der Gesellschaft", erkläre ich meinem Cousin, der mich an diesem "I like Mondays"-Montag begleitet. Er hat vor kurzem sein BWL-Studium beendet und seinen ersten Job als Vertriebsleiter bei einer mittelständischen Firma angetreten. "Jeff Wall bezieht sich ganz stark auf die Kunstgeschichte und er hat als erster so werbeplakatgroße Fotos gemacht, ja und er ist einer der teuersten Fotokünstler überhaupt, stell dir vor, so ein Teil kostet fünfhunderttausend Euro." Wir stehen vor einem monochromen, fast schwarzen Bild. Langsam, wie beim Ankommen in der Dunkelheit, tritt etwas Wiedererkennbares hervor, es ist Wasser, ein See, nein, eine Pfütze. Ist das eine Höhle? In der oberen Ecke sind Menschen, Obdachlose, die dort draußen die Nacht verbringen. Toller Effekt. Auf dem nächsten Bild spielen Kinder in zu großen und zu neuen weißen Turnschuhen in einer Vorstadtsiedlung Krieg. Die Analogie zu afrikanischen Warlords, die dort herangeholt wird, ist ein bißchen dick aufgetragen. An allen Bildern hat Jeff Wall wochenlang gearbeitet, so dass jedes Detail, jede Geste, jeder Blick stimmt, so dass die Belanglosigkeit durch die Komposition besonders zufällig bedeutungslos und trivial aussieht, wie die Realität halt. Das dokumentarische Abfotografieren der Realität reicht da nicht aus. "Die Halluzination ist ein beständiger Faktor in der Transformation von Wahrnehmung", schreibt Jean-François Chevrier in einem Begleittext, aber auch in der Transformation von künstlerischer Kontingenz in lähmende Routine, möchte ich hämisch hinzufügen. Den auf Arbeit wartenden Tagelöhnern hat Jeff Wall sogar einen Job verschafft, indem sie zwei Wochen lang an ihrer zum Filmset gewordenen üblichen Stelle herumstanden, solange bis sie richtig herumstanden. Exposure, der Titel der Ausstellung, ist ja nur bruchstückhaft in Belichtung übersetzt worden und meint eigentlich Ausgesetztsein oder Bloßstellung.
Das interessanteste Bild in der Ausstellung ist der Kühlraum, ein industrieller Raum mit Betonsäulen und bröckelnden Eiszapfen unter der Decke, ganz ohne Personen, aber im Text dazu erscheint der Hinweis auf die unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Leute darin arbeiten müssen. Hier, in der Spiegelung der Besucher auf der Glasscheibe des Bilderrahmens, tut sich für mich eine Parallelität zu dem White Cube auf, in dem ich mich gerade befinde: einem, wie Judith Hopf es nennen würde, Betonraum, in dem unausgesprochene Kämpfe der gesellschaftlichen Positionierung ausgetragen werden und gleichzeitig nach Außen hin von gemeinschaftlichen Verbindungserlebnissen gesprochent wird - was grundsätzlich zu Dauer-Unbehagen führt, aber zur eisigen Normalität geworden ist. An diesem Montag gibt es Gratis-Führungen von einigen Praktikantinnen, die weiße Schlabber-T-Shirts tragen. Auf deren Rücken steht: "more performance, more passion, more art". Aber das Autohaus ist doch nebenan? Wie immer im sogenannten liberalen Kapitalismus gehen wieder mal alle Erscheinungen und die dahinterliegenden Strömungen nicht richtig zusammen und schmerzen untergründig und unerkannt weiter. Aus dem leicht abgewandelten Titel eines Bob Geldof Songs, bei dem es um ein nihilistisches Schulmassaker geht, ging die spezielle Produktlinie "I like Mondays" für den Museumsshop hervor. "Der Propagandadruck ins Positive, der zur Zeit überall so brutal unbesiegbar auftritt, ist für die Wahrheitskräfte der Kunst ein Desaster", schreibt Rainald Goetz in seinem Blog.
Die Darstellung der Ärmsten wurde von der Renaissance an über den Realismus des späten 19. Jahrhunderts zu einem Genre in der bildenden Kunst. Bereits Hugo van der Goes hatte 1476 das sogenannte Lumpenproletariat inmitten von Maria, Josef, dem Christkind, den Engeln und Eseln, den Stiftern und heiligen Königen, sehr wirklichkeitsnah gemalt. Damals hießen diese Leute noch nicht Lumpenproletariat, sie durften auch in den Stall rein, das Christkind anschauen. Heute heißen sie homini sacer. Die Aufgabe der Bewußstseinserweckung für das Leid ging später immer mehr an die dokumetarischen Medien Film und Fotografie über. Dabei entstand immer die gleiche Botschaft: Menschen geht es schlecht, sie sind arm, sie werden ausgebeutet, sie haben keine Chance; die Architektur um sie herum folgt den Prinzipien des Profits und sieht dementsprechend scheiße aus.
Jeff Wall kann nichts dafür. Er kann düstere graue Tableaux herstellen und die Ausstellungsmacher warnen, dass sie mit ihm ein Risiko eingehen und die Auftragsarbeiten vielleicht nicht fertig werden. Er kann sich fundierte visuelle Konzepte ausdenken und monatelang seine Bilder vorbereiten und nachbearbeiten. Mehr Arbeit wird wie immer mehr Kunst erzeugen, aber kein Verhältnis zum sinnlosen Weiterrattern dieser Maschinerie aufbauen. Seine Kunst wirkt inmitten der Repräsentationsbemühungen großer Konzerne wie ein modernes Memento Mori, irgendwie barock mit einem Hang zur Depression, bloss dass der Tod nicht mehr zum Schlimmsten gehört, das einem passieren kann, sondern der soziale Absturz und Ausschluß. Als größte Angst, die über uns allen schwebt, infiziert sie auch unser Desire. Nicht mal ein richtiges phantasmatisches Begehren bleibt dabei übrig.
Kurz vor Weihnachten bin ich nochmal an die Ecke Friedrichstraße / Unter den Linden gegangen, um ein Foto von der nackten Riesin zu machen. Das Plakat war weg, an dessen Stelle hing ein knallrotes Banner des DGB mit einem Roosevelt-Zitat von 1938.
Jeff Wall wird nicht von der VG Bildkunst vertreten.
Christina Zück, 03.01.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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