Michael Reuter | Kritik

Das Kunstlaboratorium der Nelly Knatz

Vom 22. Januar - 02. März 2008 in der Galerie Deck, Stuttgart


Nelly Knatz: 15.07.2007/1 (Erhalten des Gefühls am französischen Nationalfeiertag (14.07.2007))

Auf den ersten Blick wirkt die Ausstellung »Böse Limonade« der 1976 in Tübingen geborenen Nelly Knatz wie die verstreuten Reste eines Sperrmüllhaufens. Hier ein mit Wortfetzen bemaltes Zelt und ein Stapel Paletten zwischen schnell hingeworfenen Zeichnungen, dort ein Föhn und ein alter Fernseher, die wider Erwarten noch funktionieren. Nichts, wonach man sich auf der Straße bücken würde.

Nelly Knatz arbeitet zurzeit, ausgestattet mit einem Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, in einem der über 250 Studios der »Cité Internationale des Arts« in Paris. Dort hängte Sie, vermutlich inspiriert durch diverse Stiche französischer Blutsauger der nahen Seine, eine Schreibtischlampe aus dem Fenster.
Mit der Registernummer »21.06.2007/1 ((Fliegen-Außenfalle, Umleitung (Licht am Bau))« landete die »Installation« schließlich im Werksverzeichnis, gemeinsam mit all dem vermeintlichen Wohlstandsmüll, der von Nelly Knatz zu abstrusen Experimenten und rudimentären Environments verarbeitet wird.


Ausstellungsansicht

Zu jedem ihrer Versuche erstellt sie ein penibles Protokoll mit Versuchsbeschreibung, Materialien und Dokumentationsnachweis, im Falle der Fliegenlampe mit dem Ergebnis: »Durchgeführt und unwesentlich«.

Ihr Versuch »15.07.2007/1 (Erhalten des Gefühls am französischen Nationalfeiertag (14.07.2007))« besteht aus besagtem Föhn, der, auf ein Stativ installiert, die Fotokopie eines Propellerflugzeuges anbläst. Durch den Luftstrom klebt das Bild an der Wand.

Solche flüchtigen, gebastelt wirkenden Szenerien provozieren einen angenehm unverkrampften Gedankenfluss. Nelly Knatz bemisst das Gewicht einer gedanklichen Reflexion nicht in zentnerschweren, raumverschlingenden Objekten, die alleine über ihre erdrückende Anwesenheit Sinnschwere einfordern. Die Stärke der vermeintlich sinnlosen Installationen und begleitenden Zeichnungen liegt in der flanierenden Begegnung des Betrachters mit ihren Ideen. Wie eine Feder, die das Gehirn kitzelt, kommt man über den Föhn zum Selbstverständnis einer Nation, zu Fehlern der Vergangenheit, militärischem Druck und Feuerhitze.
Ein zweiter, verweilender Blick auf die zuerst spröde wirkende Ausstellung ist allemal lohnend.


Nelly Knatz

Michael Reuter, 22.01.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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