Gastbeitrag | Kritik
For the Love of Money
Silke Müller über
Damien Hirsts Diamantschädel
Wenn in fünf Jahren die Lager- und Versicherungskosten für Privatsammlungen den Wiederverkaufswert der Kollektionen übertreffen, werden sich ein paar Eingeweihte an den 30. August 2007 erinnern: Das war der Tag, an dem der britische Künstler Damien Hirst seinen mit Diamanten besetzten Totenschädel für angeblich 75 Millionen Euro an eine Investorengruppe verkaufte, der er selbst angehörte. Allein die Materialkosten für das Werk For the Love of God lagen bei rund 19 Millionen Euro. Hirst vollstreckt einen Paradigmenwechsel: Statt Differenz in die Zeichen zu bringen, decken sie sich hier; Wert ist auf einmal, völlig entgegen der Diskurse der Nachkriegskunst, gleich Geldwert. Und geradezu hinterhältig wird bei der Umwälzung der Werte das Vertrauen in deren unbegrenztes Wachstum zerstört.
Tricky - aber eigentlich ganz leicht: Nie zuvor hat ein Künstler des 20. Jahrhunderts eine Arbeit durch einen solch hohen Materialwert abgesichert. Seit Marcel Duchamps Erfindung des Readymade galt im Gegenteil, möglichst periphere, massenhaft verfügbare, später gar vergängliche Materialien einzusetzen, um das Distinktionspotential des Kunstwerks auf die intellektuelle Ebene zu verlagern. Was freilich den Markt nicht daran hindern konnte, Künstlerscheiße in Dosen, Fettecken und »Fallenbilder« aus Essensresten nach Kanonisierung der Künstler in begehrte Sammelobjekte zu verwandeln. Hirst dagegen ist der erste, der offensiv auf dem Börsenparkett mitgedealt und dabei auch noch den Kunstbegriff erweitert hat. Seine Arbeit »For the Love of God« besteht nicht nur aus dem Platinschädel, sondern beinhaltet auch die Strategie des Künstlers, das Begehren des Marktes nach immer teureren Sensationen sowohl ästhetisch umzusetzen als auch am Wertsteigerungs- und Gewinnabschöpfungsprozess aktiv teilzunehmen. Hirst ist, mal wieder, ganz neu. Und lässt den Kunstmarkt dabei alt aussehen. Als Oberspekulant, der auch noch am Weiterverkauf mitverdient, sticht er Galeristen, Händler und Auktionatoren aus. Und blamiert das geheimbündlerische System Kunstmarkt als komplett durchschau- und manipulierbar.
Sein Coup besticht auch durch das perfekte Timing. Bei den Frühjahrsauktionen drehte der Markt komplett durch. Alles, was sich über einen Keilrahmen spannen lässt, erzielt Rekordpreise. Der britische Observer widmete der »Woche, in der die Kunstwelt durchdrehte« die Titelstory seiner Kulturbeilage. Im Herbst, bei der zweiten jährlichen Auktionswelle in New York und London, kippte die Stimmung: »Der Wendepunkt im Kunstmarkt«, so das Handelsblatt, sei wohl erreicht. Und weil alle genau das fürchten, wurde soviel auf den Markt geworfen wie wohl nie zuvor. Das ewige Spiel der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Schnell weg mit den Wandaktien, bevor der ganze Irrsinn implodiert. Nur so zur Erinnerung: Ein Drip-Painting von Jackson Pollock (1912 bis 1956) gilt seit 2006 als teuerstes Bild aller Zeiten. Es wechselte für angeblich 140 Millionen Dollar den Besitzer. »Das Geld ist da draußen«, sagt Christie´s Chef Edward Dolman. »Das ist nun eben der Preis für ein großes Kunstwerk.« Doch Pollock hinterließ eine ganze Reihe solcher Tröpfel-Gemälde. Was würde wohl die Mona Lisa kosten, stünde sie irgendwann zum Verkauf?
Mittlerweile gibt es wohl mehr Tage im Jahr mit einer internationalen Kunstmesse als ohne. Basel, Frankfurt, Köln, Berlin, London, Paris, Madrid, New York, Miami – das sind die Stationen auf dem Kreuzweg des globalen Kunstmarkts, die ein Galerist erleiden muss, will er im großen Spiel mitmischen. Doch auf Messen kann man nur Marken präsentieren. Und die Macht, Marken zu etablieren, haben nur ganz wenige. Um eigene Künstler aufzubauen, auf den ersten Markt zu pushen und sie später beim Wiederverkauf erneut zu verwerten, erwarb unlängst Christie´s eine eigene Galerien-Kette. »Haunch of Venison«, eine angesagte Adresse, ist nun der ausgetreckte Arm des wohl größten Sammlers zeitgenössischer Kunst weltweit: François Pinault, Eigentümer von Christie´s und unter anderem auch der Luxusgüter-Firmengruppe PPR (Gucci, Yves Saint-Laurent etc.). An seiner Sammellust verdient der Franzose jetzt selbst. Ein Konzept, das Hirst gefallen müsste. Hirst gewinnt das Spiel das Kapitals mit den Waffen der Kunst, Pinault genau umgekehrt. Die Kunst, die er selbst für bedeutend hält, kauft Hirst vor allem Künstlerkollegen ab und hortet sie in seinem viktorianischen Landschloss »Toddington Manor«. Kleiner Seitenaspekt des dort entstehenden Privatmuseums: bislang etwa 200 gefälschte Picassos, die Hirst neu signiert hat. Nach bestem Jekyll-und-Hide-Muster wird hier wieder einmal die Kunstwelt manipuliert. »Indem man sie kauft, erschafft man den Markt dafür. Nur, weil ich sie kaufe, kaufen verdammt nochmal Massen von Leuten sie auch – die sind überzeugt, dass die Dinger echt sind.«
Wenn 2012 der Markt aufgrund gefälschter Hirst-Signaturen auf Picasso-Fälschungen, die über Christie´s an Francois Pinault verkauft wurden, zusammenbricht, wird Damien Hirst seinen Diamantschädel aus dem Safe holen und bei einer Benefiz-Auktion für ruinierte Sammler versteigern lassen. Ein Erlös von 19 Millionen Euro ist garantiert.
Der Beitrag stammt aus Buch Das war 2007. Stern-Jahrbuch., das ab 11. Januar im Buchhandel erhältlich ist
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Gastbeitrag, 11.01.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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