Michael Reuter | Vorschau

HHORRRAUTICA im Media Space

Der 21. Stuttgarter Filmwinter vom 17. bis 20. Januar 2008 zwischen Trash und technischer Avantgarde


©Telemach Wiesinger, 3x1, 2007

Walt Wobulon
7:00, Stereo, 2007,
von Christian K. Burns
Grüne Wellen-werfende Tapes. Wabernde Fleisch-werdende Gesichter. CKB-Körper & und Worte von Whitman reagieren auf analoge Familienmaschinen. Siebziger Jahre- Wohncontainer aus Ziegelstein.

Keine Ahnung, worum es geht? Dada? Meese? Sammlung Prinzhorn? Weit gefehlt: Ein Ausschnitt aus dem Experimentalfilmprogramm des bevorstehenden Filmwinters, dessen wort- und bildgewaltigen Medientheoretiker und -künstler das Ländle zum nunmehr 21. Mal beglücken. Kunstpuristen sollten schon zum Warm-up das Weite suchen, denn am 11. Januar steht eine DVD-Präsentation des Machwerks WOTØRWOERLD auf dem Programm des Filmhauses, eine Persiflage auf Kevin Kostners Film, gedreht mit einer Koalition der Willigen in der Abstellkammer von Oberwelt e.V. in Stuttgart.

Daneben gibt es Schweizer Super-8 Filme (unter anderem präsentiert David Pfluger eine psychedelisierte Kurzabhandlung über seinen Küchenboden), Videokunst, Medientheorie, Net Art, Offline-Projekte, Performance, Musik, ein Workshop-Angebot für Kinder und Erwachsene und, laut Kuratorin Xenia Leydel, auffallend schöne Installationen im Ausstellungsbereich. Der »Media Space«, eine transdisziplinäre Plattform, die sich mit der Beziehung zwischen Raum und Medien, Architektur und Informationstechnologie beschäftigt, findet dieses Jahr erstmals als eigenständige Sektion im Rahmen des Filmwinters statt.

Das Festival bewegt sich seit seinen Anfängen textlich und inhaltlich zwischen Trash und medienphilosophisch-poststrukturalistischem Tiefgang. Die Programme sind jedes Jahr durchsetzt mit Unverständlichem und Skurrilitäten: Vorträge über die Geschichte des Kannibalenfilms vermischen sich mit neuen Formaten wie Handyfilmen, Machinimas und Demos, unscharf-verwackelte Studentenvideos konterkarieren die aufwendigen Medieninstallationen. Nachdem die Räumlichkeiten des Kunstvereins nicht mehr zur Verfügung stehen, bespielt der Filmwinter verschiedene Galerien wie den »Kunstbezirk«, die »fluctuating images« und den »gez. raum für urheber«, was die Verantwortlichen an die Grenzen ihrer logistischen Möglichkeiten bringt.

Liebe Kulturpolitik, gewährt dem Festival etwas mehr Planungsstabilität, denn es gibt nur eine Veranstaltung in Stuttgart, die mit dem Feuer der Siegessäule konkurrieren kann – den Filmwinter.

Werfen wir also noch einen irritierten Blick ins Filmprogramm:

In einer Welt, die für das Obszöne Gesetze schafft aber das Grausame legitimiert, repräsentiert HHORRRAUTICA unsere sexuelle Evolution.

Nix wie hin.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 55, Januar 2008.

Michael Reuter, 08.01.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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