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Gastbeitrag | Essay

Leben bevor die Handwerker kommen

– zur Ästhetik des Durchwurstelns

von Ulrich Heinke

„Die eigentümliche Ausschließung, die der Arme seitens der ihn unterstützenden Gemeinschaft erfährt, ist das bezeichnende für die Rolle, die er innerhalb der Gesellschaft, als ein besonders situiertes Glied derselben spielt; indem er technisch ein bloßes Objekt der Gesellschaft ist, ist er im weiteren soziologischen Sinne ein Subjekt, das einerseits wie alle anderen die Realität derselben bildet, andererseits, wie alle anderen, jenseits der überpersönlichen abstrakten Einheit derselben steht.“1

KünstlerInnen sind vielleicht mittellos, aber nur selten motivationslos. Wenn einer in seinem Souterrain aus Spanplatten vom Sperrmüll Skulpturen schraubt ist er nicht zwangsläufig ein Verweigerer, sondern jemand mit festen Überzeugungen: geschäftsführend weltverbessernd. So üben die KünstlerInnen selten den Teilnahmeverzicht, sondern sehen sich als gesellschaftstheoretische Speerspitze, die für ihre überdurchschnittlichen Ansichten den Preis der relativen Armut bezahlen. Sicher, eine Minderheit von KünstlerInnen ist so wohlhabend, dass die Bank zur Steuerflucht rät. Der größere Teil kann sich zwar den Drink an der Bar leisten, aber ob es eine Krankenversicherung gibt, die den Sturz vom Barhocker auffängt ist dann schon die nächste Frage. KünstlerInnen leben nicht in stigmatisierter Armut, aber soziale Sicherheit gibt es nur in der Light – Version; ein bürgerliches Leben ist selten gewünscht, aber auch selten erreichbar.

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30.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

Gastbeitrag | Kritik

Schlagzeug ist auch ein Instrument

von Ulrich Heinke

Hoffen und Jäten
Martin Städeli
19.1.-23.2.08
allgirls, Berlin

Obwohl mir die Arbeiten von Martin Städeli bekannt sind und ich vor nichts Unerwartetem stehe, gibt es in der Ausstellung „Produktion ohne Versprechen“ doch einen überraschenden Moment. Die Begegnungen mit den Pappmascheefiguren, die Städeli nicht nur optisch, sondern auch in einer erweiterten, fast literarisch zu nennenden Weise ähnlich sind, bergen für einen selbst eine Form von wohligem Überraschtsein, die ziemlich nahe am netten Effekt der Selbstübertölpelung steht. Etwa wie ein alter Lappen in der Garage, den man jetzt schon zum dritten Mal für eine Katze hält. Man ist einen kurzen Moment lang ganz gut bei sich. Um diese Situation in der Ausstellung zu erhalten, hatte ich auch den prompten Wunsch, Städeli nicht inmitten seiner Kunst zu sehen und war ganz froh, dass er sich die überwiegende Zeit in einem Nebenraum aufhielt. Fotos vom Künstler neben seiner Kunst, oder beim Herstellen seiner Figuren sind so auf sympathische Art unvorstellbar.

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28.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

thw | Sonstiges

Manufacturing art

Das hört sich so ähnlich an wie »manufacturing consent« und da habe ich meine Ohren schön gespitzt anlässlich der Pressekonferenz des Museum of Modern Art in New York in KW Berlin. Schließlich ist ‚Manufacturing consent’ der Titel eines Buches von Noam Chomsky und Edward Herman:
"Diese Einseitigkeit hat für amerikanische (und britische) Politiker gewisse politische Vorteile. Indem das Augenmerk auf die Opfer des feindlichen Staats gelenkt wird, zeigt man, diese Staaten sind böse und verdienen jene Feindschaft, die ihnen die USA entgegenbringen. Die Verleugnung der Opfer der USA und der US-Klientenstaaten auf der anderen Seite ermöglicht der aktuellen US-Politik ein ungestörteres Vorgehen. Man muss sich keine Gedanken machen, die Opfer könnten einem politisch in die Quere kommen" (»New introduction to Manufacturing Consent - The Political Economy of the Mass Media«, Pantheon, 1988, Herman gegenüber »Media Lens« am 27. August 2002).
Gefunden hier.

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26.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

Michael Reuter | Kritik

Das Kunstlaboratorium der Nelly Knatz

Vom 22. Januar - 02. März 2008 in der Galerie Deck, Stuttgart


Nelly Knatz: 15.07.2007/1 (Erhalten des Gefühls am französischen Nationalfeiertag (14.07.2007))

Auf den ersten Blick wirkt die Ausstellung »Böse Limonade« der 1976 in Tübingen geborenen Nelly Knatz wie die verstreuten Reste eines Sperrmüllhaufens. Hier ein mit Wortfetzen bemaltes Zelt und ein Stapel Paletten zwischen schnell hingeworfenen Zeichnungen, dort ein Föhn und ein alter Fernseher, die wider Erwarten noch funktionieren. Nichts, wonach man sich auf der Straße bücken würde.

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22.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

Michael Reuter | Kritik

Aufbruch im Abbruch

Die studentisch organisierte Gesamtausstellung »TESTBILD 2008« in Stuttgart


Malerei von Mona Ardeleanu

Obwohl eine der ältesten und größten Kunsthochschulen in Deutschland, gelingt es der 1761 gegründeten Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart nur selten, aus ihrer provinziellen Beschränkung hervorzutreten. Aber warum sollte der nächste Hype nicht mal aus Stuttgart kommen, denken sich die Studenten und lassen sich die Kunst nicht vermiesen. In den ehemaligen Räumen der Firma Polster City zeigen vom 18. Januar bis zum 8. Februar mehr als 130 Künstler, Kommunikationsdesigner, Bühnenbildner, Architekten und Industriedesigner aktuelle Arbeiten. Klar, bei einigen Werken wendet sich der Geist mit Grausen, aber es ist erstaunlich, was die Studentenschaft jedes Jahr auf die Beine stellt und welche ausgefallenen Örtlichkeiten bespielt werden. Dabei erliegen die Planer immer wieder dem morbiden Charme abbruchreifer Gewerbeimmobilien. Vielleicht, weil hier ein Hauch von Berlin durch die Räume weht?


Teekanne von Jeong Hyun Park

Infos zur Ausstellung: Testbild 2008

22.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

Gastbeitrag | Kritik

For the Love of Money

Silke Müller über
Damien Hirsts Diamantschädel

Wenn in fünf Jahren die Lager- und Versicherungskosten für Privatsammlungen den Wiederverkaufswert der Kollektionen übertreffen, werden sich ein paar Eingeweihte an den 30. August 2007 erinnern: Das war der Tag, an dem der britische Künstler Damien Hirst seinen mit Diamanten besetzten Totenschädel für angeblich 75 Millionen Euro an eine Investorengruppe verkaufte, der er selbst angehörte. Allein die Materialkosten für das Werk For the Love of God lagen bei rund 19 Millionen Euro. Hirst vollstreckt einen Paradigmenwechsel: Statt Differenz in die Zeichen zu bringen, decken sie sich hier; Wert ist auf einmal, völlig entgegen der Diskurse der Nachkriegskunst, gleich Geldwert. Und geradezu hinterhältig wird bei der Umwälzung der Werte das Vertrauen in deren unbegrenztes Wachstum zerstört.

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11.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

Esther Ernst | wo ich war

BONY OSCAR - CENTRO CULTURAL RECOLETA - MUSEO DE ARTE CONTEMPORANEO DE ROSARIO - MUSEO PALACIO FERREYRA

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BONY OSCAR
Obras 1965 / 2001
Malba, Buenos Aires
+ Oscar Bony kenn ich nicht. Aber seine Werke kamen mir nicht ganz so fremd vor wie vieles bisher Gesehene in Argentinien. Bony’s Arbeiten liessen mich kunstgeschichtliche Bezüge herstellen und das ermöglichte ein gewohnteres Gucken. Die 60-iger waren offensichtlich auch in Buenos Aires wild und Bony stellte eine Arbeiterfamilie für mehrere Tage auf’s Podest und ins Museum. Mitte der 70-iger malte er hyperrealistische Himmel- und Wolkenbilder (ob er Richter kannte?), bevor er dann auf der Flucht vor der Militärdiktatur für 11 Jahre nach Mailand ging. Viel Raum nehmen die späten, mit Revolverkugeln durchlöcherten Fotografien ein. Meist Selbstportais auf die er in gerahmten und verglasten Zustand schoss und sie durchnummerierte „Suicidios“ nannte. Mich haben sie nicht wirklich überzeugt, trotzdem eine tolle Ausstellung und ein tolles Museum.

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08.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

Michael Reuter | Vorschau

HHORRRAUTICA im Media Space

Der 21. Stuttgarter Filmwinter vom 17. bis 20. Januar 2008 zwischen Trash und technischer Avantgarde


©Telemach Wiesinger, 3x1, 2007

Walt Wobulon
7:00, Stereo, 2007,
von Christian K. Burns
Grüne Wellen-werfende Tapes. Wabernde Fleisch-werdende Gesichter. CKB-Körper & und Worte von Whitman reagieren auf analoge Familienmaschinen. Siebziger Jahre- Wohncontainer aus Ziegelstein.

Keine Ahnung, worum es geht? Dada? Meese? Sammlung Prinzhorn? Weit gefehlt: Ein Ausschnitt aus dem Experimentalfilmprogramm des bevorstehenden Filmwinters, dessen wort- und bildgewaltigen Medientheoretiker und -künstler das Ländle zum nunmehr 21. Mal beglücken. Kunstpuristen sollten schon zum Warm-up das Weite suchen, denn am 11. Januar steht eine DVD-Präsentation des Machwerks WOTØRWOERLD auf dem Programm des Filmhauses, eine Persiflage auf Kevin Kostners Film, gedreht mit einer Koalition der Willigen in der Abstellkammer von Oberwelt e.V. in Stuttgart.

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08.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

Christina Zück | Kritik

Close to your desires

Jeff Wall: Belichtung
Deutsche Guggenheim, Berlin
3. November 2007 bis 20. Januar 2008

Um zum Joint Venture einer Bank und eines Museums zu gelangen, muss man an weiteren hybriden Phänomenen am Prachtboulevard Unter den Linden vorbeigehen. Ein barocker Wille zum "largeur du faire" hat sich an einem ganzen Häuserblock an der Friedrichstraße manifestiert, wo ein 30 Meter langes Plakat mit einer sich räkelnden Frau in Unterwäsche hängt. Das beliebte BH-Motiv, das ganz oft in kleinen Mobilier-Urbain-Glaskästen auftaucht, nimmt hier nochmal, und zwar nicht nur räumlich, eine neue Dimension an. Dass das Brandenburger Tor mit Telekom-Werbung beklebt war, dass Alice über das Charlottenburger Tor turnte, dass die Krebspatienten im neunzehnten Stock der Charité die Aussicht versperrt bekamen mit einer Vanity-Fair-Komplettumhüllung, daran hatte man sich ja inzwischen gewöhnt. Der öffentliche Raum wurde halt gewinnbringend verhökert. Aber die gigantische Nackte will uns an die Wäsche. Das ist das Ende des Dreierpacks Unterhosen für zwei Euro vom Wühltisch, für die man sich von nun an in Grund und Boden schämen muss, wird man damit in der Sammelumkleide des Schwimmbads erwischt. "Close to your desires" steht auf einem ähnlichen Dessousmodell-Plakat am Oranienburger Tor - diesmal nur so groß wie ein Haus und um die Ecke verdoppelt. Was sind diese Desires, die ja doch auch in der Jeff-Wall-Ausstellung verhandelt werden?

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03.01.08 | Permalink | Kommentare (0)

 

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