Christoph Bannat | Bücher

Geschichten aus der Familie


Paul Hornschemeier, Komm zurück, Mutter. Carlson.

Freiheit ist wichtiger als Wahrheit. Drei Comic-Novellen zeigen: die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. In diesem Fall der Familie. Doch zuvor mussten die Autoren sich die Freiheit nehmen, sich die Wahrheit zu vergegenwärtigen.


Alison Bechdel, Fun Home. Kiepenheuer & Witsch

"Fun Home" kann jetzt bereits als eine der besten Comic Novellen 2008 bezeichnet werden. Wenn stilsichere Vielschichtigkeit ein Kriterium für "Kunst" ist, so ist dieser Comic kunstvoll. Dabei sieht zunächst alles nach einer klassischen Szene-Erzählung aus, handelt es sich doch bei Alison Bechdel um ihr Coming-out als Lesbe. Schnell aber wird klar, dass es sich hier um ein Mehrfach-Coming-out handelt. Denn Bechdel zeichnet auch ihren Weg aus einer eiskalten, körperlosen, kleinstädtisch und bildungsbürgerlich geprägten Familienstruktur auf. Eine Familie, sie hat noch zwei ältere Brüder, in der Bildung, für Bechdel die Literatur, als das bestimmende Wertesystem gilt, welches die Familienmitglieder voneinander trennt. Normalerweise führt das zu heftigen Gegenreaktionen, gezeichnet von Hass auf ein kulturbeflissenes Bildungsbürgertum, das Bildung als Instrument der Ausgrenzung missbraucht. Doch Bechdel entdeckt ihre literaterarische Bildung auch als einen Subtext zwischen sich und ihren Eltern. Sie nutzt diesen später, um die verschütteten sexuellen Unterströmungen der Familie aufzudecken. Wenn Kritik heißt "sich nicht so beherrschen lassen zu wollen", so ist dieser Comic auch die Geschichte einer persönlichen Literaturkritik. Henry James, Scott Fitzgerald, Proust, Albert Camus, Colette, Oscar Wilde, James Joyces und Homer werden von ihr unter dem Gesichtspunkt ihrer sexuellen Konditionierung neu gelesen. Es ist eine lustvoll-detektivische Arbeit, an der sie uns teilhaben lässt. Und wenn hier von sexueller Konditionierung die Rede ist, dann deshalb, weil sie das ungelebte Coming-out ihres schwulen Vaters mit ihrem eigenen als Lesbe zusammendenkt. Und um die Last für das Kind noch größer werden zu lassen, begeht dieser kurz nach ihrem Coming-out, das sie der Familie schriftlich mitteilt, Selbstmord. Oder war es doch nur ein Unfall, als ein Lastwagen während der Gartenarbeit ihren Vater erfasste? Und sie fragt sich, ob sie diesen nur als logische Folge seines verlogenen Lebens auslegt, um sich selbst als Überlebende ihrer eigenen Geschichte begreifen zu können? Gerade weil sich Alison Bechdel keine Frage verbietet und der Leser spürt, dass zwischen den Fragen ihrer Selbsterforschung die Wahrheit schlummert, ist diese Familiengeschichte so ergreifend und ein großes Plädoyer für den Mut zur Wahrheit. Der bei ihr zur lebensnotwendigen Befreiung (zeitweise leidet sie unter neurotischen Zwangshandlungen) führt. Dass Alison Bechdel die Geschichte ihrer Selbstwertfindung in Form einer autobiografischen Comic-Novelle veröffentlicht, spricht auch für dieses Medium. Gerade als Randbereich einer sogenannten Hochkultur. Denn als ambivalentes Zwitterwesen von Literatur und bildender Kunst entwickelt der Comic erst seine eigene Kraft. Diese Kraft muss auch der TV- und Deutschlandfunk-Literaturkritiker Denis Scheck gespürt haben, denn er zeichnet mit Sabine Küchler für die Übersetzung verantwortlich.


Paul Hornschemeier, Komm zurück, Mutter. Carlsen.

Das Hineingeworfensein in das Machtkontinuum Familie nennt man wohl Kindheit. Hier ist Anpassung an das herrschende Wertesystem eine Überlebensstrategie. Nur kann es sein, dass die erlernten Fähigkeiten der Anpassung mit der Zeit außerhalb der Familie das eigene Unglück bedeuten.


Paul Hornschemeier, Komm zurück, Mutter. Carlsen.

Bei Paul Hornschemer bricht die Familie auseinander, als seine Mutter stirbt und der Vater glaubt, Schuld an ihrem Tod zu sein. Als der Vater, an schweren Depressionen leidend, in der Wohnung verwahrlost, übernimmt das Kind die Rolle des Beschützers und Versorgers. Er glaubt sich später noch, als er mit ihm die Psychiatrie verlässt, als Retter seines Vaters. Der dann seinen Schuldkomplex an den Sohn weitergibt, indem er in dessen Anwesenheit, wenn auch nicht vor dessen Augen, Selbstmord begeht.

Familie erscheint in beiden Fällen als der Ort von Konditionierungen und delegierten Problemen. Was die Eltern nicht schaffen, das haben die Kinder zu erledigen. Jede Formfindung und jede mediale Äußerung birgt das Versprechen, dem als formlos erlebten Leid eine Form geben zu können. Eine Form, die es ermöglicht, Abstand zu nehmen, wie von einem Bild an der Wand.

Das Alison Bechdels Mutter zu der Zeit die Scheidung einreicht, als sie ihr Coming-Out äußert, zeigt wie schwierig der Lebensentwurf Familie nicht nur für die Autorin ist, und welche Anstrengungen unternommen werden, das richtige Leben im falschen zu führen, Freiheit und Wahrheit mit einer schönen Lebenslinie zu verbinden.


Alfred & Olivier Ka, Warum ich Pater Pierre getötet habe, Carlsen.

Oliviers Familie zerfällt erst am Ende seiner Erzählung. Bei ihm ist es der sexuelle Übergriff einer erwachsenen männlichen Vertrauensperson, der ihm das Leben verdunkelt. Später mutet er dieser Vertrauensperson die Wahrheit über dessen Verhalten zu, das ist seine Geschichte. Dass er in den Zwischenkapiteln behauptet, Pater Pierre seinen Peiniger bereits mit 7 Jahren umgebracht zu haben, obwohl der sexuelle Übergriff erst mit 12 Jahren geschah, zeigt wie sich für ihn seine Kindheit retrospektiv verdunkelte. Es kann aber auch so gelesen werden, dass das Alter eigentlich keine Rolle spielt. Doch um sein Leben nachträglich nicht als falsch oder lediglich als Masterplan eines Erwachsenen, der sich sein Vertrauen erschleicht, zu lesen, vergegenwärtigt er sich hartnäckig die Schönheiten seiner Kindheit. Indem er nach den Freuden der Kindheit die Wahrheit über den sexuellen Übergriff veröffentlicht, versucht er seine unterbrochene Lebenslinie wieder aufzunehmen. Schönheit und Wahrheit gehen hier mit dem Glücksversprechen, das jeder Formfindung innewohnt, eine Allianz ein.
Mit den drei Beispielen tritt das Medium Comic die "Suche nach der verlorenen Zeit" an. Dass solche Fragestellungen heute in Comic, Film und Fotografie aufgeworfen werden, erzählt viel über diese Medien und über das, was wir heute bildende Kunst nennen. Zur Zustandsbestimmung letzterer demnächst mehr.

Alison Bechdel, Fun Home. Kiepenheuer & Witsch, www.kiwi-verlag.de
Alfred & Olivier Ka, Warum ich Pater Pierre getötet habe. www.carlsencomic.de
Paul Hornschemeier, Komm zurück, Mutter. www.carlsencomic.de

Christoph Bannat, 24.02.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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