Markus Wirthmann | Netz

Kunst und das zweite Leben

Kann man in einer Welt, die ganz und gar aus Marmelade besteht, Marmelade herstellen?

SL one • Live from Second Life
Sonntag, 10. Februar 23:00 Uhr

SL two • Live from Second Life
Freitag, 15. Februar 18:00 Uhr
Directors Lounge Berlin


Moderator und Reisender in Second Life: Klaus W. Eisenlohr - dahinter ein Konzert des AOM , Avatar Orchestra Metaverse

In Second Life wird das auf jeden Fall schon seit geraumer Zeit versucht.
Außer den vielbeschrieenen Sexsüchtigen, Fetischisten und Rollenspielern jedweder Couleur tummeln sich nämlich eine große Zahl von Kreativen im Metaversum. Eine ganze Menge bildender Künstler, Architekten und Musiker entwickeln künstlerische Ansätze in dieser total künstlichen Welt. Theater gibt es natürlich auch in SL. Mit schöner Regelmäßigkeit landen beispielsweise Einladungen zu Tschaikowskys Nussknacker-Ballett in meinem Inventar. Das Inventar ist übrigens die virtuelle Kleider- und Gerümpelkammer jedes Avatars - und eben auch der Briefkasten.


Konzert des AOM. In der Bildmitte ein Musiker mit seinem Instrument (das reifenförmige schwarz-weiße Objekt auf seinem Rücken

Nun, zurück zur Marmelade. Wie ist das, wenn das Referenzsystem für meine künstlerische Arbeit schon größtenteils Kunst und nicht wie im Real Life mehr oder weniger scharf abgegrenzt ist?
Die Inhalte von Second Life sind fast ausschließlich von den Second-Life-Usern hergestellt. Deshalb heißen sie auch nicht Benutzer, also User, sondern Einwohner. Im Unterschied zu den meisten anderen Systemen dieser Art, wie zum Beispiel Computer- und Konsolenspiele, aber auch die Konkurrenz-Welten von Sony oder wem auch immer, gibt es in SL kaum Vorgefertigtes. Der Legende nach begann alles mit der Wüste - und dann kamen eine Handvoll Einwohner und erschufen die Objekte und Gebäude aus den Prims, dem virtuellen Grundstoff aller Dinge in Second Life.


Ein Teil des Konzert fand auf der Insel des "ZKM" Karlsruhe statt

Mittlerweile stellt sich die Second-Life-Welt als zwei Landmassen von der Größe mittlerer Urlaubsinseln dar, die auf einem blauen Ozean dümpelnd von einigen Tausend viel kleinerer Inselchen umgeben sind. Auf dem Land und den Inselchen befindet sich eine Unzahl von Objekten und Gebäuden jedweder Art und Klasse. Das Rotlichtviertel von Amsterdam samt Grachten, Fernsehtürme in Düsseldorf, Berlin (sogar mehrere) und Stuttgart, unzählbar viele spießige Einfamilienhäuser und natürlich haufenweise Shops für alles Mögliche und Shopping-Malls für noch viel Möglicheres. Und natürlich Galerien, die Kunst in einer Anzahl und Bandbreite zeigen, die der obigen Aufzählung in nichts nachstehen will.

Man muss in dieser Welt ohne den Gegensatz zwischen der ohne unser Zutun existierenden Umwelt und den vom Menschen gemachten Gegenständen und Bedingungen auskommen, mithin also ohne den Unterschied zwischen Kultur und Natur.


Peter Weibel, bzw. sein Avatar, auf der Trainerbank des Boxrings, wo gerade Peter Sloterdijk Beat Wyss vermöbelt

Wenn alles Kunst ist und sich somit das Referenzsystem für künstlerische Handlungen nicht aus den Vorbedingungen ableiten lässt, ist man darauf angewiesen, dass sich die beteiligten Künstler, Vermittler und Rezipienten auf irgendetwas einigen. Meist ist das eine Anzahl von Dingen mit größtmöglicher Ähnlichkeit zu Gegenständen, die in der realen Welt die Aufgabe erfüllen jenes Referenzsystem zu markieren. Weiße Galeriewände zum Beispiel. Oder dicke rote Absperrkordeln aus altehrwürdigen Museen.
Manchmal einigen sich die Beteiligten allerdings nicht auf Gegenstände dieser Ordnung, und dann wird es kompliziert. Zumindest für den Außenstehenden, der jetzt nicht mehr von der einen gewohnten in die andere Welt hinein interpolieren kann.


Performance der Second-Life-Künstlergruppe Second Front

Deshalb sollte man vielleicht auf Vortragsveranstaltungen verzichten, die auf mehr oder weniger großen Leinwänden den Blick ins Second Life ermöglichen. Aus diesem Blickwinkel, eventuell auf einem loungigen ollen Ledersessel sitzend, rauchend und Getränke schlürfend, ist das, was Second Life ausmacht, nämlich die Immersion, also das Eintauchen in diese Welt, sowieso nicht möglich. Vom Sessel aus kann man sich höchstens am lustigen Dilettantismus des Personals delektieren, wenn Satzfetzen durch den Raum fliegen wie schon seit Erfindung der Steckdose: „Hast Du mal ein Kabel ... ?!“. Und wenn die Vorführung dann endlich begonnen hat, nicht ohne einen Entschuldigungssermon des Conferenciers, dann setzt sich der Dilettantismus fort in einer ruckeligen 3D-Welt: „Wir haben hier einfach zu viele Lags ... ich muss mal nen Neustart machen ...“.

Nach 'ner Stunde ist´s dann auch meistens geschafft, der Laden läuft einigermaßen stabil, die Avatare ruckeln vielleicht ein bisschen, aber grundsätzlich könnte man jetzt versuchen zu erklären, warum Second Life interessant ist oder warum sich das Experiment lohnt, in dieser Welt mit Kunst zu hantieren. Aber leider haben die meisten Zuschauer sowieso schon den Weg in die nächste Bar gefunden oder sind in Privatdiskussionen über computerferne Themen verstrickt. Nur ein paar ganz lederne Gestalten harren noch aus bis zum Ping des Ausloggens: „... und die DJ-Night kann beginnen!“

Kinders lasst das! Second Life muss man ausprobieren. Die Immersion, das, zumindest teilweise Eintauchen in die Playmobilwelt, die sozialen und kommunikativen Aspekte muss man erleben – Erklären kann man die schwer. Schon gar nicht, wenn man so viele Lags hat und die Kabel fehlen.


Directors Lounge Berlin

Markus Wirthmann, 16.02.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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