Christina Zück | Kritik
Barbarism begins at home
Re-Imagining Asia, 14.03. - 18.05.2008
Global Memory and Barbaric Transmission, Vortrag von Homi K. Bhabha, 14.03.2008
Haus der Kulturen der Welt
Song Dong hat den Inhalt des Hauses seiner Mutter im Foyer des Hauses der Kulturen der Welt ausgebreitet. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie sich immer mehr in ihre Trauer zurück, verließ das Haus nicht mehr und begann, alle Sachen aufzuheben. Jeder zerbrochene Blumentopf, jede Haarspange, jedes Stoffresteknäuel, jeder Joghurtbecher ist mit einem Moment in der Vergangenheit verbunden. Vielleicht ermöglichten es ihr die Gegenstände, Zugriff auf ihre verlorene Lebenszeit zu gewinnen. Die Installation ist sehr bewegend, mir fällt glücklicherweise erstmal kein Kunstwerk ein, auf das sie zurückgreifen könnte. Die Dinge aus China sehen ganz genau wie die aus, die sich im Haus meiner Großtante in Sichertshausen angesammlt haben, dieselbe unheimliche Voodoo-Strahlung geht von ihnen aus. Das Ordnen und Ausstellen ihrer Habseligkeiten hatte eine therapeutische Wirkung auf Song Dongs Mutter. Sie begann wieder, unter Menschen zu gehen und sich Alltagsaktivitäten auszudenken. Dass die Installation an die Tate Liverpool verkauft wird, lehnte sie jedoch ab.
Das Haus der Kulturen der Welt ist endlich renoviert und Asien kann wieder neu bebildert werden, frei nach Frankie Goes To Hollywoods "The world is my oyster". Die große Ausstellungshalle, auf die man beim Hereinkommen von oben herunterblickt, ähnlich wie bei der Documentahalle, wirkt etwas ungünstig für das Nebeneinanderstellen von großen skulpturalen Arbeiten. Ein als Panzer umgebautes japanisches Bambushaus, das ein bißchen arg plump die Ideen von Song Dongs Installation aufgreift, nimmt Kurs auf ein diagonal zerschnittenes Riesenmodell des pekinger Tors des himmlischen Friedens, Tian'anmen, in dessen Kellergeschossen sich Militär-, Folter- und Trainigsszenen abspielen. Also im Bauch von dem Ding sind auch Panzer. Daneben steht eine vierfache Tischtennisplatte von Gabriel Orozco, in deren Mitte ist ein Ozean oder Auffangbecken für abgestürzte Bälle und Plastiklotusblüten eingebaut. Weiter hinten liegt ein lebensgroßer, mit Bindi-Sperma übersäter Elefant von Bharti Kher, dessen Monumentalität unter all den anderen Klotzereien im Saal wie ein Kollateralschaden wirkt. Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es zu Schnellfeuerwaffen hochgerüstete Kinderwägen, die sicher auf Praktiken von Selbstmordattentätern hinweisen sollen. Ihr Symbolismus schickt einen aber auch in den Prenzlauer Berg, wo sich die BoBos mit 800-Euro-Kinderwägen Statusschlachten liefern. Zum Aufpimpen der Künstlerliste haben die Kuratoren in die hintere Ecke ein Gursky-Piece gehängt, das die Menschen in der Börse von Abu Dhabi klassisch-eurozentrisch als Pinguinkolonie darstellt. Aus einem Videomonitor nervt das elektronische Gequake japanischer Spielautomaten durch die ganze Halle hindurch.
Die Metaphoriken vieler asiatischer Werke funktionieren beim flüchtigen Drüberschauen einfach: reale Objekte mutieren zu den ihnen bereits innewohnenden, übergeordneten Konzepten, und umgekehrt. Häuser und Kinderwägen werden zu Panzern, Müll wird zu Jackson Pollock, Buddhas werden geköpft und unter Diasec aufgezogen, Kartoffeln werden zu Goldklumpen, die vier Elemente werden zu einer Tischtennisplatte, aus dem spirituellen Unendlichkeitsraum wird eine Medienkunstinstallation mit vielen Spiegeln und der Video-Vermessung einer antiken Bodhisattva-Statue aus Afghanistan. So funktioniert Kunst fast immer, wie eine Art vereinfachte benjaminsche Dialektik im Stillstand, sei es in Asien, Europa oder auf dem Mars. Ein Rätsel geben mir die sich drehenden Deckenventilatoren von Orozco auf. Auf den Ventilatorflügeln stehen Klopapierrollen, deren Enden als Girlanden durch die Luft wehen. Am besten gefällt mir die Gruppe mit Sitzsäcken von Parastou Forouhar, die wie im Schneidersitz zusammengekauerte Burkaträgerinnen aussehen, auf denen der ahnunglos-ignorante Westler herumsitzen und in kleinen Daumenkinos mit gezeichneten Folterritualen blättern kann.
Ich hänge sehr gerne auf Konferenzen im Haus der Kulturen der Welt herum. Das Leben fühlt sich hier so safe und kuschlig an wie früher, als ich Studentin war. An diesem Freitagabend spricht Homi K. Bhabha, ein Postcolonial-Theory-Star und Harvardprofessor mit zoroastrischen Wurzeln, über das globale Gedächtnis und die Weitergabe des Barbarischen, "Global Memory and Barbaric Transmission". Es läßt sich ziemlich anstrengend an, seinen mäanderneden Ausführungen in englischer Sprache zu folgen. Ich komme etwas ins Schwitzen bei den unzähligen Transwörtern wie transmission, translation, transference, transition, transposition, es geht anscheinend um die Übersetzung im textlichen Sinn, die Übertragung im psycholanalytischen Bereich und die Ausbreitung von Gräueltaten in der realen Welt, um Formen des Hybriden - keine Ahnung, ob ich etwas verstanden habe. Wegen des Smiths-Songs, der mir dabei durch den Kopf geht, stehe ich jetzt, zuhause, unter Zwang, dieses Blog schreiben zu müssen - Mist. Wie die Teile einer Amphore, ein Denkbild von Benjamin, das Bhabha zitiert, soll ich die Bruchstücke zusammensetzen, die in meiner Erinnerung hängengeblieben sind. Und während ich nun ratlos Wikipedia durchforste, lese ich, dass das Sanskrit-Wort "barbarah" ursprünglich Stammler oder Laller bedeutet und im antiken Griechenland für die Leute verwendet wurde, die schlecht Griechisch sprachen. Herr Bhabha, vielleicht bezieht sich das Barbarische in Ihrem Vortrags doch auf Sprache und nicht auf politische Verhältnisse? Auf beides?
In meinem konsumistischen geistigen Dämmerzustand habe ich gedacht, bei der postkolonialen Theorie gehe es mehr um so soziale oder politische Themen, die Naxalite-Bewegung im Verhältnis zu Gramsci zum Beispiel, aber hier wird wieder Vollgas gegeben mit der derridaschen Différance und dem paradoxen Schwanken im Signifikanten. Genauer gesagt, versucht Bhabha das paradoxe Oszillieren der Zivilisierungsbemühungen, die immer wieder in grausamen Barbarei-Schüben enden, zu beschreiben. Zivilität und Barbarei sind unabwendbar miteinander verknüpft. Er versucht in seiner Theorie, Denkwerkzeuge, die bisher im psychonalytischen oder strukturalistisch-linguistischen Raum verhandelt wurden, in einen politischen Bereich hinüberzubrigen. In einem Interview in Artforum lese ich, dass Lacan ihn sehr beeinflußt hat, der ein linguistisches Register für das affektive Wünschen entwickelt hatte. Die sinnschaffenden Begegnungen zwischen Metaphern und Metonymien waren bei Lacan aufgeladen mit intersubjektiven und unbewußten Bedeutungen - Bedeutungen, die Bhabha für einen symbolischen Bereich des sozialen Textes verwenden konnte, mit denen er die Bereiche untersuchen konnte, auf die die affektiven Begehrensbewegungen abzielten. Die Funktionsweise des psychischen Apparates läßt sich für ihn auf den sozialen Körper, der aus affektiv zusammenhängenden Subjekten besteht, übertragen.
Als Bhabha vor ein paar Jahren zum ersten Mal das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg besichtigte, war er überrascht von der leicht heruntergekommenen Belanglosigkeit des Platzes. Orte wie dieser, die mit traumatischer Erinnerung besetzt oder besessen sind, nehmen im kollektiven Bewußtsein eine besondere Stellung ein: ihnen muss der böse Geist ausgetrieben werden. Das Barbarische, das an ihnen stattgefunden hat, kann nie vergessen werden, es muss erinnert, bearbeitet, durchgearbeitet und zwangsläufig weitergegeben werden. Durch diese Aktivität wird es am Leben erhalten. Das Wechselspiel zwischen Barbarei und Zivilität kann nur unter der Bedingung zustandekommen, dass beide zusammengehören. Bhabha zitiert Hannah Arendts Paradoxon, dass man die traumatische Vergangenheit lebendig halten muss, um "Nie wieder" sagen zu können. In allen zivilisatorischen Bemühungen scheint es ein innewohnende dämonische Dialektik zu geben. Wie in Benjamins Bild vom Engel der Geschichte, ich male es mal weiter aus, scheint die Zivilisation ihr Gesicht den Katastrophen der Vergangenheit zugewandt zu haben, während sie von dem dorther kommenden Sturm immer weiter in die Zukunft projiziert wird, mit dem Gesicht in die falsche Richtung. Diese Art asymmetrische, verschobene Bewegung scheint auch die Dynamik zu sein, die die Phänomene der Globalisierung begleitet. Die Barbaren gehen aus ihrem Inneren hervor.
Die Erinnerung ist ein projektiver Zustand des Vergangenen, sie wirft ihre Gespenster weiter in die Zukunft hinein - Bhabha nennt diese Zukunft proleptisch, antizipert: eine Vergangenheit, die sich weigert zu sterben, und eine Zukunft, die nicht warten wird, um geboren zu werden. Die Aufgabe eines sogenannten "moralischen Zeugen" ist es, die barbarische Übertragung, die von der Kultur und der Geschichte ausgeht, aufzuhalten. Der Ort einer möglichen Ethik läge dann genau zwischen dieser projektiven Vergangenheit und der vorausgenommenen Zukunft. Dabei ist es sehr wichtig, sich mit der Affektivität und insbesondere der Angst zu befassen. Die Angst ist für Bhabha ein notwendiges Vermittlungsmoment, sie kann Öffnungen und Übersetzungen ermöglichen und Verschiebungen im Raum der Kultur bewirken.
Ich stelle mir den psychischen Apparat jetzt mal als einen dunklen Wald vor. Die Wörter, kleine Grashalme oder größere Bäume, stecken sich an, wie eine Krankheit, oder wie Funken, die zum Waldbrand werden. Wir sind wie immer gefangen im nicht enden wollenden Double Bind, jeder Schritt vorwärts oder Rückwärts, den wir tun, erscheint wie eine Farce. Barbarismus beginnt genau hier, wo ich mit meinem eurozentrischen Hintern in den bequemen Sesseln des HKW-Auditoriums sitze, Flashbacks in meine Studentenzeit hervorbeschwöre und meine halluzinatorischen Fähigkeiten einsetze, um den Inhalt dieses Vortrags einzukreisen. Der Sinn flutscht mir weg, schwankt, wandert herüber in meine eigene Erinnerung, ja am Ende verstehe ich nur, was ich eh schon weiß.
Als es vorbei ist, sehe ich unter den Leuten, die noch zwischen den Sitzreihen herumstehen, Claudia, die ich ein, zwei Mal beim Ausgehen getroffen habe. Wir gehen zusammen mit ein paar Leuten, die sie begleiten, in die Cafeteria. "Ich fand's etwas abstrakt. Zu abstrakt-philosophisch." sage ich, in der Schlange vor dem Tresen stehend. "Nee, das war doch sehr gut verständlich, Hannah Arendt, Adorno, Agamben," sagt einer von Claudias Freunden, "ich bin immer wieder überrascht, wie wichtig die deutsche Philosophie bei so internationalen Theoretikern doch ist." Claudia hat versucht, ein Buch von Bhabha zu lesen und mußte nach der Hälfte aufgeben. Ihr Kumpel erzählt von Buchleseerlebnissen mit Deleuze und Adorno. Im Saal sind zwei lange Tische für die Organisatoren der Veranstaltung gedeckt. Homi Bhabha wird dort gleich mittendrin wie Jesus beim Abendmahl sitzen. Drumherum an kleinen Bartischen sind Plätze für die einfachen Gäste. Mit dem Bier in der Hand gehe ich etwas beklemmt durch den Raum. Ich sehe Julia, eine Freundin aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich, mit ein paar Leuten an einem Tisch sitzen und versuche, im Vorübergehen Blickkontakt aufzunehmen. Sie tut so, als sähe sie mich nicht.
Um mich abzureagieren, lasse ich, am Tisch der anderen angekommen, einen leicht abfällig-überlegenen Speech über die Ausstellung los, dass sie irgendwie genauso aussieht wie auch die letzten zehn im Haus der Kulturen der Welt davor. Claudias Kumpel ist etwas vor den Kopf gestoßen und sagt: "Das klingt ganz schön unfundiert." "Nein, es ist nicht unfundiert," sage ich, während ich mit meinem Zeigefinger auf der groben Holzmaserung des Tisches vor mir herumklopfe, "es ist bloß subjektiv." Schweigen, Themawechsel. Claudia erzählt von einer Freundin, die sich gerne mit berühmten Leuten umgibt und sie auch sehr schnell kennenlernt. Neulich auf der Berlinale sei sie im Borchard am Tisch von Wim Wenders gelandet. "Sie kommt ganz leicht an die heran, weil sie halt nichts von denen will. Sie hat so eine bestimmte Naivität und wirkt dadurch nicht bedrohlich für die Promis." "Ja, die sammelt die Leute eher so wie Schmuck." sage ich. "Na und sie bleibt immer da, wo sie ist, sie macht einfach nichts aus diesen Kontakten." meint Claudia. "Ich checke auch immer rum," sage ich, "und die Leute merken das sofort." "Machen ja alle, wir wollen ja alle irgendwo anders hin." Claudia geht weg zum Telefonieren und kommt nicht wieder. Ich starre ins Nichts und fresse die Krabbenchipsschale leer, die man uns auf den Tisch gestellt hat. Die drei übriggebliebenen Jungs unterhalten sich über Bhabha, ein eleganter Typ mit offensichtlich nicht-europäischen Vorfahren läßt in feinstem British English raushängen, dass Shaheen, mit dem er vor zehn Jahren in Chicago studiert hat, ihn an den großen Tisch eingeladen hat, er aber mit zuvielen Freunden hier ist. Eine gut gekleidete Enddreißigerin mit tailliertem Mantel kommt vorbei und begrüßt alle mit Umarmungen. Soll ich mich noch aufraffen, herausfinden zu wollen, ob es diese Leute mit ihrer Intelligenz auch geschafft haben, den Zwang zur Statuscompetition zu überwinden? Pennen, schreit mein Body, und ich stehe unbemerkt auf. Mein Auto befindet sich in der hintersten Ecke auf dem Parkplatz im nächtlichen Tiergartenwald. Innerlich verwandele ich mich in ein asiatisches Panzernashorn, um all die Bedrohungen aus dem Dunkeln abzulenken.
Christina Zück, 19.03.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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